Flucht in Eisen. Villa Zanders zeigt Orna Ben-Ami

Flucht in Eisen. Villa Zanders zeigt Orna Ben-Ami

Die israelische Künstlerin Orna Ben-Ami kombiniert Pressefotos von Flüchtlingen mit deren in Eisen geformten Habseligkeiten. Und schafft damit Bilder, die bleiben.

Orna Ben-Ami

Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht. "Was nehmen Menschen mit, wenn sie ihre Heimat verlassen?" Mit dieser Frage hat sich die israelische Künstlerin Orna Ben-Ami künstlerisch auseinander gesetzt. "Das ist die Idee hinter meiner Kunst."

Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht. "Was nehmen Menschen mit, wenn sie ihre Heimat verlassen?" Mit dieser Frage hat sich die israelische Künstlerin Orna Ben-Ami künstlerisch auseinander gesetzt. "Das ist die Idee hinter meiner Kunst."

"Diese Menschen haben ihre Erinnerungen zurückgelassen", sagt Ben-Ami. "Und ihre Identität und die Hoffnungen für die Zukunft sind in einem Paket verschnürt, das sie vor der Flucht schnell packen mussten." So wie es der Ausstellungstitel zum Ausdruck bringt: "Das ganze Leben in einem Bündel."

Ausgangsmaterial Ben-Amis war das umfangreiche, 73.000 Bilder von Flüchtlingen umfassende Archiv der Fotoagentur Reuters, aus dem die Künstlerin ihre Motive auswählte, die sie dann am Computer verfremdete und mit eigenen Eisenskulpturen kombinierte.

Konzentriert hat sich Ben-Ami bei der Auswahl aber auf Fotos aus den letzten Jahren. "Ich wollte zeigen, was in unserer Welt heute vor sich geht", betont Ben-Ami. Ihre Werke wollen politisch aktuell sein, ohne ihren künstlerischen Anspruch zu verlieren. Eisen, ihr ausschließliches Material, ist gerade hier konsequent: "Wenn es ins Wasser fällt, versinkt es."

Im Zentrum stehen dabei immer die Habseligkeiten der Menschen auf der Flucht. "Für mich repräsentieren die Objekte und Pakete jene Menschen, denen sie gehören, ihren Zustand und ihre Persönlichkeit."

Nur selten sind dabei die Gesichter von Menschen zu sehen. Und wenn, dann - wie in diesem Beispiel - nur gespiegelt, etwa in Pfützen. Der Rest des Bildes ist durch fein ausgearbeitete Silhouetten verdeckt. "Flüchtlinge werden ja nicht mehr als Individuen wahrgenommen, sondern als Masse."

Auch Ben-Ami fragt nicht, woher die Flüchtlinge kommen und wohin sie gehen. Sie treibt ja in gewisser Weise immer und überall ein zumindest ähnliches existentielles Schicksal. Auf den Werkschildern ist deshalb neben ihrem Namen nur der Name des Fotografen verzeichnet - und kein Ort.

Im zentralen Werk des Eingangsraums wird dies besonders deutlich. "Ich wollte eine lange Schlange anonymer Flüchtlinge von überall auf der Welt schaffen", sagt Ben-Ami. "Und in einer minimalistischen Linie durch Umrisse ihre Habseligkeiten aneinander reihen." So entsteht eine Kette anonymer Dinge, hinter denen doch jeweils ein Schicksal steht.

In die Kette haben sich auch die politischen Führer Europas eingereiht, die über diese Schicksale entscheiden. Neben Angela Merkel findet sich da nur eine einzige Frau. Auch dieser Aspekt hat Ben-Ami beschäftigt. Deshalb erhält auch sie als fest Verwurzelte ein ironisches Accessoire, das ihre Weiblichkeit betont. Natürlich auf einer höheren Ebene.

Biografisch ist der Ansatz deshalb, weil der unstete Vater die Familie in Ben-Amis Kindheit alle ein, zwei Jahre zu Wohnungswechseln trieb. "Er liebte Wechsel", sagt Ben-Ami. In Israel hat sie eine Ausstellung ausgerichtet, deren Titel - "Permanently temporary" - die damit verbundenen Gefühle beschreibt. Schon deshalb fühlt sie sich den Flüchtlingen verbunden. "Ich hätte weinen können, als ich den Teddybären in die Kiste legte."

Auch Assoziationen zur eigenen Historie sind da möglich. "Bei Israelis ruft diese Skulptur mit dem Foto zweier Bahnstrecken gleich Erinnerungen an den Nationalsozialismus wach", sagt Ben-Ami. Das sei ein bisschen wie ein kleiner Schock.

Dass der Themenkreis rund um Flucht, Vertreibung und Emigration die Künstlerin schon länger antreibt, demonstrieren ältere Arbeiten, die ebenfalls in Bergisch Gladbach zu sehen sind. Ihrem Gegenstand angemessen, stehen sie wie gerade nur kurz abgestellt im Raum ...

... und verkörpern so Biografien in einem Schwebezustand auf der Reise von einem identitätsstiftenden Ort ins absolute Ungewisse. Oder ist bei dem obdachlosen Menschen auf der Eisenbank, den man unter der Eisendecke vermuten kann, dieser Schwebezustand bereits zum Dauerzustand geworden?

So oder so demonstriert gerade die locker wirkende Decke, wie meisterlich Ben-Ami mit ihrem Material umzugehen versteht. Auch das Eisen wird von ihr in eine Art Schwebezustand zwischen Leichtigkeit und Schwere versetzt, der mit den Eigenschaften des Materials eindrucksvoll spielt.

Anfang des Jahres wurde "Das ganze Leben in einem Bündel" im UN-Hauptquartier in New York gezeigt, danach wanderte die Ausstellung ins "Palais des Nations" nach Genf. Jetzt macht sie Station in Bergisch Gladbach, der Partnerstadt von Ganey Tikva, wo Ben-Ami geboren wurde.

"In New York und in Genf gab es für die Ausstellung keine Wände", sagt Ben-Ami. Da hätte sie kurzerhand die Ständer für ihre Skulpturen mitgebogen. Jetzt sind sie fest mit der Kunst verwachsen. Und geben ihr eine Schwere, die wieder passt.

In der Villa kann man Orna Ben-Ami in einem Video bei der Arbeit an ihren teils tonnenschweren Skulpturen zusehen, die man der zierlich wirkenden Frau irgendwie gar nicht zutrauen mag. Und das ist fast so beeindruckend wie ihre symbolisch aufgeladene, sehr wirklichkeitsnahe Kunst.

In Bergisch Gladbach hat man darauf verzichtet, die Bilder von der Wand zu nehmen, die ständig dort hängen. Das erweist sich in doppelter Hinsicht als Glücksfall. Zum einen ergibt sich ein schöner Kontrast zwischen Drama und Idylle. Und zum andern wird betont, dass auch Ben-Amis Flüchtlingsbilder nur auf der Durchreise sind.

"Orna Ben-Ami. Das ganze Leben in einem Bündel" läuft noch bis zum 10. Januar 2018 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach. Wohin sie dann reist, ist ungewiss.

Stand: 14.12.2017, 10:51 Uhr