Gewundene Leiber: Norbert Tadeusz in Münster

Gewundene Leiber: Norbert Tadeusz in Münster

Von Thomas Köster

Mit seinen dramatischen, perspektivisch originellen Bildern war Norbert Tadeusz einer der wichtigsten figurativen Maler seiner Generation. Davon kann man sich jetzt – trotz Corona-Krise pünktlich – im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster überzeugen.

Norbert Tadeusz, LWL Landesmuseum für Kunst und Kultur, Münster 2020 (Ausstellungsansicht)

Warum war Norbert Tadeusz so lange weg vom Fenster? Schon die große Retrospektive 2019 im Düsseldorfer Museum Kunstpalast ließ die Besucher mit dieser Frage vor einem Jahr ratlos zurück. Nun ist die grandiose Schau nach Münster weitergewandert: und damit von den lichtdurchfluteten Räumen des Kunstpalasts ins eher Dunkle. Was den Bildern erstaunlicherwiese gar nicht schadet. Im Bild: "Das große Ei (Casino I) von 1987.

Warum war Norbert Tadeusz so lange weg vom Fenster? Schon die große Retrospektive 2019 im Düsseldorfer Museum Kunstpalast ließ die Besucher mit dieser Frage vor einem Jahr ratlos zurück. Nun ist die grandiose Schau nach Münster weitergewandert: und damit von den lichtdurchfluteten Räumen des Kunstpalasts ins eher Dunkle. Was den Bildern erstaunlicherwiese gar nicht schadet. Im Bild: "Das große Ei (Casino I) von 1987.

Vielleicht ist Tadeusz ein wenig in Vergessenheit weil der 1940 in Dortmund geborene und 2011 in Düsseldorf gestorbene Maler mit seinem figurativen, sehr körperlichen Malstil in seiner konzeptuell, minimalistisch oder abstrakt ausgerichteten Generation eine Sonderstellung einnahm ("Strohwagen", 1989).

Das war schon während Tadeusz‘ Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie so, in der er in den 1960er Jahren als Meisterschüler von Joseph Beuys mit Kommilitonen wie Imi Knoebel, Blinky Palermo, Reiner Ruthenbeck oder Katharina Sieverding studierte. Dabei konnteTadeusz in seinen Architekturen sehr wohl abstrahieren ("Neon", 1979).

Und auch die Grundidee zur ungewöhnlichen, teils schwindelerregenden Perspektivik ist im Ansatz durchaus konzeptionell und abstrahierend. Denn die seltsamen Verzerrungen seiner Bildwelt seien nicht der Realität, sondern einzig Aspekten der Bildkomposition geschultet, gab Tadeusz einmal an.

Konstitutiv für die teils sehr großformatigen Gemälde ist zudem ihr Symbolgehalt: So setzte Tadeusz zum Beispiel die Frau als Inbegriff der Lebensgottheit oder der Natur, aber auch als "Projektionsfläche seiner Ängste, Sehnsüchte und Begierden" in Szene, wie es die Macher der Schau formulieren ("Sakral-Raum mit Flieger", 1971).

Und warum Münster bei einem Künstler, der so stark in Düsseldorf verwurzelt war? Weil Tadeusz zwischen 1973 und 1988 einen Lehrauftrag als Dozent und später als Professor an der Kunstakademie in Münster innehatte und während dieser Phase stark auf die dortige Kunstszene wirkte. Diese Zeit rückt die Ausstellung nun in den Fokus ("Miles", 2006).

1975 waren zum ersten Mal Gemälde von Tadeusz innerhalb einer Gruppenausstellung im Landesmuseum Münster zu sehen. Deshalb werden auch Werke von Künstlern gezeigt, die damals mit Tadeusz ausgestellt waren und heute zur Sammlung des LWL-Landesmuseums gehören.

66 Gemälde, Papierarbeiten und Skulpturen sind in Münster zu sehen. Darunter auch die "Paliobilder" genannten Darstellungen der traditionellen Pferderennen in Siena ("Cavalli 3", 1995).

"Venus und "Skulptur", "Frühe Interieurs und Akte", "Grisaillebilder" und "Fleisch und Atelier" lauten dabei einige der aus dem Düsseldorfer Kunstpalast übernommenen Themengruppen. Vor allem letztere macht deutlich, warum Tadeusz auch als "deutscher Francis Bacon" bekannt geworden ist ("Akt auf Glastisch", 1985).

In Abgrenzung zur Schau in Düsseldorf zeigt man in Münster neben acht Gemälden aus dem Nachlass auch eine Gruppe von Tadeusz‘ Swimmingpool-Bildern, die im einzigen Tageslichtraum des Museums ihre einzigartige Farbenpracht entfalten können ("Swimmingpool", 1993).

"Norbert Tadeusz" ist noch bis zum 2. August 2020 im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zu sehen. In der Ausstellung herrscht bis auf Weiteres natürlich Maskenpflicht. Limit: maximal vier Personen im Raum.

Wer lieber erst einmal zu Hause bleibt, kann sich auch im Buchhandel den schönen Katalog besorgen, der den Besuch der noch schöneren Ausstellung natürlich nicht ersetzt. Denn nach der Corona-Abstinenz ist "Norbert Tadeusz" der ideale Flash: Eine ähnlich farbenprächtige und opulente Schau wird man in NRW lange suchen müssen ("Balanceakt II", 1994).

Und dann gibt's im LWL-Museum auch noch die ebenfalls sehr sehenswerte Schau des 2014 verstorbenen belgischen Künstlers Karel Dierickx zu sehen. Vor den stillen, nach Innen gewandten Bildern kann man dann wieder etwas zur Ruhe kommen (bis 7. Juni 2020). Links "Nicht ganz ruhig" (2002).

Stand: 08.05.2020, 09:00 Uhr