Nils Hommel macht Haus seiner Großeltern zu Kunst

Nils Hommel macht Haus seiner Großeltern zu Kunst

Von Thomas Köster

Diaschlangen aus der Spülmaschine, musikalische Kühlschrank-Roboter und eine Schrankwand als Geheimtür: In Herford hat Nils Hommel aus dem Haus seiner Großeltern ein begehbares Gesamtkunstwerk gemacht. Hier wird den alltäglichsten Dingen neues Leben eingehaucht.

Kunst-Huas von Nils Hommel, Herford 2009

Den Zugang zu seiner Kunst macht Nils Hommel den Besuchern nicht leicht. Wer das Haus in der stark befahrenen Mindener Straße in Herford betritt, steht erst einmal in einem hermetisch abgeriegelten Flur. Der Durchgang wird von einem Schrank versperrt, der exakt ins Loch passt und ursprünglich im Esszimmer stand. Wer hier durch will, muss ihn zur Seite schieben.

Den Zugang zu seiner Kunst macht Nils Hommel den Besuchern nicht leicht. Wer das Haus in der stark befahrenen Mindener Straße in Herford betritt, steht erst einmal in einem hermetisch abgeriegelten Flur. Der Durchgang wird von einem Schrank versperrt, der exakt ins Loch passt und ursprünglich im Esszimmer stand. Wer hier durch will, muss ihn zur Seite schieben.

Seiner Funktion enthoben, ist der Geschirrschrank nun Kunstobjekt. Und verändert, nach dem Eintritt wieder zugeschoben, auch die räumliche Struktur des Flurs. "Dann verdunkelt sich alles", sagt Hommel. "Und akustisch koppelt man die Straße ab." Der Flur wird hier eine Art Schleuse in ein Gesamtkunstwerk, das aus der Zeit gefallen ist.

"Der Schrank ist wie eine Geheimtür im Agentenfilm", sagt Hommel. "Das ist auch eine Inspiration für mich gewesen." So funktioniert das im Haus: persönliche Erinnerungen, mediale Prägungen, handwerkliche Talente. Und ein übergeordnetes künstlerisches Interesse, das all dies verschaltet. Was am Ende rauskommt, entscheidet sich beim Machen.

Am Eindrucksvollsten ist das Ergebnis wohl bei jener Installation, die sich hinter tapezierten Schranktüren im Erdgeschoss befindet. Im Innern dreht sich eine Discokugel, zahllose Spiegel suggerieren eine Unendlichkeit. Eine Pendeluhr gibt dem Ganzen laut Hommel "noch eine weitere Klang- und Zeitdimension".

Durch eine Glasscheibe kann nach oben gucken. Oder nach unten. Da sieht man Pendeluhr und Discokugel, die aus dem Wohnzimmer beziehungsweise der Firma des Vaters stammen, aus einer anderen Dimension. Derart "kosmisch" sollen viele Durchbrüche im Haus funktionieren, die die Etagen zu einer Gesamtheit verbinden.

Unterm Dach etwa gibt es die ehemalige Räucherkammer. Sie ist unzugänglich, durch Löcher in den Zimmerböden aber mit allen Etagen bis hinunter zum Keller verbunden. Dort windet sich eine Schlange aus alten Dias des Onkels aus der Spülmaschine.

Nebenan köchelt Theaternebel aus der väterlichen Filmfirma auf der Herdplatte, während zwei wie wild herumtanzende Föhns die Luft verwirbeln. Über der Treppe wartet schon ein Wald aus Zweigen darauf, den Nebel aufzunehmen. Wer auf der anderen Seite steht, könnte romantische Gefühle bekommen. Wenn der Theaternebel nicht so stänke.

Das Haus, das nun "Das Haus Gerät 1739/5000" heißt, gehörte einst den Eltern der Mutter von Nils Hommel. Das Bild ihrer vor der Schrankwand posierenden Familie hängt als Teil eines dreidimensionalen Stilllebens im Treppenhaus. Hommel selbst lebt schon seit 17 Jahren hier. Vor kurzem wohnte auch noch die Großmutter hier. Hommel hat sie gepflegt, bis es nicht mehr ging.

Die Schrankwand vom Foto hat Hommel leergeräumt. Und zur Möbelskulptur umgebaut. Auf dem zentralen Furniersockel thront ein Megaphon aus dem Fundus der ehemaligen Werbe- und Trickfilmwerkstatt des Vaters. Per Knopfdruck beginnt es sich zu bewegen, eine Lampe leuchtet. Und ein Ventilator in einem Holzsockel bläst Absperrbänder Richtung Decke.

"Es geht mir um die Lebendigkeit der Objekte", sagt Hommel. Das hat mit Bewegung zu tun, vor allem aber auch mit Klang. Hommel hat Elektrotechnik studiert, mit einer Arbeit über Raumakustik abgeschlossen. Überall stehen Klaviere, Schlagzeuge, ein gewaltiges Mischpult. Und in einer Kühlschrankapparatur bringt ein bohrmaschinengetriebener Plastikarm ein Blech zum Schwingen.

Eine neue Lebendigkeit wohnt vor allem den "Schrankmaschinen" des Hauses inne. "Wenn in ihren Vitrinen Figürchen standen, habe ich deren Innenräume immer als Zimmer gesehen", sagt Hommel. Jetzt "wohnt" die Großmutter drinnen. Das Gemälde auf dem Foto wird in einem anderen Schranksegment präsentiert.

Der Diaprojektor des Vaters wirft eine 40 Jahre alte Aufnahme des Onkels von Bäumen aus dem Garten auf die Maserung. Auch so verwischen die Ebenen. Zwischen Raum und Zeit, Innen und Außen, Erinnerung und Gegenwart, Kunst und Leben.

Mitten im Raum steht ein analoges Telefon, in der Schrankwand ein weiteres. Unter der Telefonnummer 77 kann man den Schrank anrufen, dann klingelt es hinter der Glasscheibe. Es ist ein weiterer Versuch, mit den Dingen in Kontakt zu kommen. Und natürlich einer, der zum Scheitern verurteilt ist. Denn: "Bisher zumindest hat der Schrank den Hörer noch nicht abgenommen."

Vor der offiziellen Eröffnung hat Hommel die Wirkung seines Kunsthauses auf einer Einweihungsparty an Freunden und Verwandten getestet. Die Tage davor waren eine schreckliche Zeit für ihn. "Ich wusste ja nicht, wie das Haus ankommt", sagt der Künstler. "Das war eine echte Krise." Die Sorge erwies sich als unberechtigt: Die Feuertaufe war bestanden.

Inzwischen war auch der Freundeskreis vom benachbarten Museum Marta hier. Kuratoren und ein Museumsdirektor waren auch dabei. Ein solventer Sammler hat Interesse bekundet. Hommel will auf jeden Fall weitermachen: "Mit vielem bin ich noch nicht zufrieden", sagt der Künstler. Und den einen oder anderen Raum gibt es auch noch zu bestücken.

Ein knappes Jahr hat Hommel auf jeden Fall noch Zeit. So lange will ihm die Verwandtschaft, die zum Großteil in Berlin wohnt, das Haus mindestens noch überlassen. Längerfristig sei natürlich das Ziel, das Haus als Kunstwerk zu erhalten, sagt Hommel. "Das wäre ein großer Traum." Man kann ihm nur die Daumen drücken.

Geld braucht Hommel für sein Projekt auf jeden Fall. Und da liegt es nahe, die Räume des Hauses zu fotografieren und als Edition zu verkaufen. Schließlich hat Hommel auch selbst als Installationskünstler mit Lichtbildnerei begonnen. Ein Prototyp steht jedenfalls schon mal in der Küche.

Vielleicht will Hommel auch noch einmal selbst an der Kunstakademie studieren. Ein Gastsemester bei Gregor Schneider in Düsseldorf zum Beispiel. Zumindest böte sich das an. Schließlich hat Schneider sein Elternhaus in Mönchengladbach als "haus ur" auch in ein Kunstwerk verwandelt. Wenn auch auf weniger spielerische Art und Weise.

Im Garten soll es später auch noch weitergehen. Dort befindet sich auch Hommels Werkstatt, in der er schraubt und fräst und lötet. Unterm Dach gibt es noch eine Kältekammer, in die man aus der Hitze des Speichers hinüberwanderrn kann. Ein ständiges Changieren zwischen den Welten. Auch hier.

"Das Haus Gerät 1739/5000" jedenfalls steht Besuchern noch mindestens bis zum Frühsommer 2020 offen. Natürlich nur nach Absprache. Einfach über die Website des Künstlers einen Termin ausmachen.

Stand: 14.08.2019, 09:00 Uhr