Fotokunst made im Rheinland. "The Next Generations" in Leverkusen

Fotokunst made im Rheinland. "The Next Generations" in Leverkusen

Von Thomas Köster

Köln und Düsseldorf sind und bleiben zwei rheinländische Zentren der internationalen Fotokunst. Das zeigt jetzt eine beeindruckende Schau im Museum Morsbroich, die zudem illustriert, dass auch mit den Mitteln von Malerei oder Installation – und ganz ohne Kamera – fotografiert werden kann.

Next Generation. Aktuelle Fotografie made im Rheinland, Schloss Morsbroich 2019 (Ausstellungsansicht)

Bernd und Hilla Becher: Die internationale Kunstszene ist eng mit der "Düsseldorfer Schule" des Fotografen und seiner ebenso einflussreichen Frau verknüpft. Seitdem bedeutet Fotografie im Rheinland vor allem konzeptionelle Kunst (Anne Pöhlmann, "White Clipping", 2018).

Bernd und Hilla Becher: Die internationale Kunstszene ist eng mit der "Düsseldorfer Schule" des Fotografen und seiner ebenso einflussreichen Frau verknüpft. Seitdem bedeutet Fotografie im Rheinland vor allem konzeptionelle Kunst (Anne Pöhlmann, "White Clipping", 2018).

Mit Becher-Schülern wie Thomas Ruff oder Andreas Gursky, deren Bilder teils ohne Kamera und am Computer entstehen, ging diese Tradition in eine zweite Runde. Viele der im Museum Morsbroich gezeigten Positionen gehen noch einen Schritt weiter und öffnen sich der raumgreifenden Installation (Peter Millar, "Apertures", 2018).

"The Next Generations" zeigt 18 Künstlerinnen und Künstler, die unter anderem bei Ruff und Gursky, aber auch bei Christopher Williams, Mischa Kuball oder Peter Piller in die Schule gingen. Neben der Düsseldorfer Kunstakademie ist da seit 1990 auch die Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) zentral, wo ebenfalls viele studierten.

Gemeinsam ist den Werken, dass sie die Fotografie jenseits des Dokumentarischen als eine "Art Wahrheit" begreifen, als ein Medium unter Vielen im Kunstraum. Wie im Untertitel auf Matthias Wollgasts – gemaltem – Pseudo-Filmstill.

Wie aus Trotz über den Niedergang des Fotos im digitalen Geknipse hat die inzwischen in Frankfurt tätige Gursky-Schülerin Birgit Schneidereit dem Medium eine Art Vorhang-Teppich ausgerollt: Zwei Bahnen Fotopapier hängen im Museum Morsbroich von der Decke herab.

Darüber hinaus zeigen Schneidereits Arbeiten vermeintlich banale Orte: Verflächigte Parks und Grünanlagen, "in denen schon eine Choreografie des Blicks vorherrscht". Sie überlagern dabei Foto und Fotogramm, Analoges und Digitales auf irritierende Art und Weise. Eine "Hinterfragung des Bildraums", wie die Künstlerin sagt.

Überhaupt braucht man zum Fotografieren keine Kamera. Das zeigen die Arbeiten von Johannes Post. Er zersägt die Gegenstände, die er zeigt, und legt die so entstandene Fläche auf den Scanner. Der Ausschnitt der Welt, den die Fotografie gemeinhin zu zeigen vorgibt, wird zum Durchschnitt der Welt.

Kann Kunst überhaupt heute noch erzählen? Ja, sagt Matthias Wollgast, der sowohl an der Düsseldorfer Kunstakademie als auch an der KHM studiert hat. Auch er benutzt für seine von historischen Bezügen durchwobenen Bilder, die er unter anderem auch als Postkarten reproduziert, keine Kamera. Und lässt auch großformatige Malerei mit einfließen.

Mit Malerei, Zeichnung, Foto, Film und Künstlerbuch erzeugt Wollgast installatorische Räume, die selbst fiktive Biografien umfassen. Wie die Lebensgeschichte des Künstlers Jan Usinger, dessen Wiederentdeckung sich angeblich einem Dachbodenfund im Kunsthistorischen Institut Bonn verdankt. Und dessen Leben Wollgast nicht zuletzt dank eines Schauspielers real werden lässt.

Das entsprechende Buch liegt im Raum und darf auch durchgeblättert werden.

Am Ende der Fotografie im Zeitalter ihrer digitalen Beliebigkeit steht Leere. Und damit in gewisser Weise auch eine blendende Zukunft. Das illustriert die Serie "New Cities" von Anna Vogel, die eben keine neuen Städte zeigt, sondern die Oberfläche des Rheins: So stark kontrastierend abstrahiert, dass weiße Leerstellen entstanden sind, die keine Bildinformation mehr zeigen, sondern das weiße Papier.

Wo aber nichts ist, was vorgegeben ist, da kann man mit allem, was zu sein scheint, spielen. Wie bei dem auf Vliestapete reproduzierten Latexdruck "Kodak 200 (mono)" (2018) von Alwin Lay, der Nostalgie mit Innovation verknüpft. Und ganz nebenbei die Geländerschwingung des Schlosses in seine Bildsprache mit einbezieht.

Bei Lay führen Gabeln neben den vom Künstler auch benutzten Eiern ein zentrales Motiv der Avantgardefotografie der 1920er Jahre – als flüchtige Begleiter von Kabelbindern ein Schattendasein. Selbst das Arrangement, das vorgibt, zur Herstellung eines Fotogramms zu dienen, ist eine Täuschung.

Eine Täuschung wie Lays vorgebliches "Hologramm" einer ins Fotopapier stechenden Stecknadel, die einen ganzen Glaskubus zu durchwirken scheint und an die Entstehung von Blau während des analogen Entwicklungsprozesses in der Dunkelkammer erinnert. So wird die Skulptur zum poetischen Zauberkästchen.

Überhaupt steckt neben aller Nostalgie und Ironie auch sehr viel Poetik in den in Leverkusen gezeigten Arbeiten. Wie bei den konzeptionellen Arbeiten der 2018 mit dem Ehrenhof-Preis des Kunstpalasts in Düsseldorf ausgezeichneten Morgaine Schäfer. Sie inszeniert sich selbst im Stil der "Dame mit dem Einhorn" nach dem berühmten Wandteppich aus dem 15. Jahrhundert. Wo die Dame einen Spiegel trägt, trägt Schäfer ein Dia.

So bleibt die Fotografie trotz allem oder gerade wegen allem – eine Stütze der Kunst, und damit auch des Lebens. Metaphorisch gesprochen bringen dies auch die Styropor-Säulen von Christoph Westermeier zum Ausdruck, deren Bilder wie auf einem Computerbildschirm arrangiert sind.

"Ich spiele auf unsere digitale Erfahrung mit visuellen Phänomenen an", sagt Westermeier. "Alles ist verfügbar, alles bewegt sich an der vereinheitlichenden Oberfläche."

"Dadurch aber, dass die Arbeiten den Besucher einladen, sie von allen Seiten zu betrachten und um sie herum zu gehen, werden wir uns wieder der Körperlichkeit der Wahrnehmungserfahrung bewusst."

Dank Westermeiers Säulen – und dank der Durchgangszimmer-Architektur von Schloss Morsbroich – ergeben sich phantastische Durchblicke, die selbst die flachen Exponate fast Körperlich-Räumlich werden lassen (hier auf einer Fotografie von Moritz Wegwert, aufgenommen während des spektakulären "Election Day" 2016 in New York).

Durchblicke auf die Arbeiten von Sebastian Riemer zum Beispiel, der sterbende, von der Sonne verblichene und verblätternde Fotos vergrößert und retuschiert. So erhalten die Werke eine ganz merkwürdige, in die Tiefe gehende Oberflächlichkeit.

Schätzungen zufolge entstehen heute rund 260 Millionen Fotos pro Tag. Und trotzdem gibt es im Bereich der Fotografie immer noch Einzigartiges zu bestaunen. Vor allem mit dieser Erkenntnis wird man Schloss Morsbroich verlassen. Und mit dem schönen Gefühl, dass das Rheinland hierbei eine immer noch tragende Rolle spielt (Peter Millar, "Apartures", 2018, Detail).

"The Next Generations. Aktuelle Fotografie made im Rheinland" ist noch bis zum 5. Mai 2019 im Museum Morsbroich in Leverkusen zu sehen.

Stand: 26.01.2019, 06:00 Uhr