Zum Knicken und Knüllen: Papierkunst in Bergisch Gladbach

Zum Knicken und Knüllen: Papierkunst in Bergisch Gladbach

Von Thomas Köster

Papier ist ein ganz besonderer Stoff. Und steht den anderen Materialien, aus denen sich Kunst machen lässt, in nichts nach. Die ganze Vielfalt zeigt jetzt eine Ausstellung im Kunstmuseum Villa Zanders: vom Gespensterhaus bis zur Klorolle DeLuxe. Und mit einem revolutionären Papierstapel als Klassiker.

Neu aufgestellt, KUnstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2020 (Ausstellungsansicht)

In den 1980er Jahren hat die Papierstadt Bergisch Gladbach damit begonnen, eine Sammlung mit künstlerischen Werken aus dem Material aufzubauen. In den letzten rund 40 Jahren sind so knapp 5.000 Exponate von international bekannten Künstler*innen wie Mischa Kuball, Jenny Holzer, Christo oder Jac Leirner zusammengekommen, die man gar nicht unbedingt vorrangig mit Papier in Verbindung bringt.

In den 1980er Jahren hat die Papierstadt Bergisch Gladbach damit begonnen, eine Sammlung mit künstlerischen Werken aus dem Material aufzubauen. In den letzten rund 40 Jahren sind so knapp 5.000 Exponate von international bekannten Künstler*innen wie Mischa Kuball, Jenny Holzer, Christo oder Jac Leirner zusammengekommen, die man gar nicht unbedingt vorrangig mit Papier in Verbindung bringt.

Hüter dieser filigranen Schätze ist seit 1986 das Kunstmuseum Villa Zanders. Das Obergeschoss ist traditionell für die ständige Sammlung reserviert - aber da ist natürlich längst nicht Platz für alles. Da tut eine Neupräsentation der eigenen Bestände von Zeit zu Zeit natürlich gut: nicht zuletzt auch deshalb, weil ja immer wieder trotz eines überschaubaren Budgets durch Schenkungen oder Dauerleihgaben Neues dazukommt. Wie zum Beispiel die 2020 erworbene, wundervoll zarte Arbeit "Withdrawal Symptom #61" (2019) von Erik de Bree aus Sprühfarbe, Tusche - und eben Papier.

"Neu aufgestellt. Neuerwerbungen, Schenkungen, Dauerleihgaben und mehr" heißt die mit 64 Positionen reich bestückte Ausstellung, in der die Werke aus Papier trotzdem atmen können. Sie zeigt, auf welch vielfältige Art und Weise "Kunst aus Papier" an der Wand und auch im Raum funktionieren kann. Vor allem, wenn man sie, wie Axel Müller, mit anderen Materialien zusammenbringt. Was in den länglichen Kästen wie Kohle wirkt, sind archivierte Seidenpapiere zum Ausstopfen von Schuhspitzen im Fachgeschäft ("Ohne Titel", um 1996).

In Bergisch Gladbach hat man zudem aus der Not eine Tugend gemacht: Weil eine eigentlich zum 80. Geburtstag der Düsseldorfer Bildhauerin Hede Bühl geplante Ausstellung wegen der Corona-Maßnahmen auf Ende des Jahres verschoben werden musste, dehnt sich die Schau im Kunstmuseum Villa Zanders nun auf zwei Stockwerke aus. Das schafft Platz. So erhält Regine Schumanns schwarzlichtbeschienene Arbeit "Schwerelos X" (2004) einen eigenen Raum, der wegen Corona nur allein betreten werden darf.

Besonders stolz ist das Haus über Reiner Ruthenbecks konzeptionellen "Weißen Papierhaufen" von 1978/79, der für die Dauer der Ausstellung nach den Vorgaben des Künstlers aus 600 Blättern von 50 mal 50 Zentimetern in einem Durchmesser von drei Metern neu zusammengeknüllt worden ist. Stolz deshalb, weil Ruthenbeck das Papier vielleicht als Erster auf eine Stufe mit klassischen Bildhauer-Materialien wie Marmor oder Bronze gestellt hat. In dieser Fassung muss der "Weiße Papierhaufen" übrigens nach einem Jahr wieder vernichtet werden. Hinten: Geldscheinschlange der Wolfgang-Hahn-Preisträgerin von 2019, Jac Leirner, aus dem Jahr 1991.

Natürlich kann man Papier zu künstlerischen Zwecken nicht nur knüllen. Man kann es knicken oder als vorgefundenes Material zerrissen von der Straße holen (Jacques de la Villeglé, "Ohne Titel, Rue des Greniers St. Lazare", 1973),

... zerschneiden und neu zusammenkleben (Rosemarie Stuffer, "Haus", 2013).

Man kann Papier schaben, ritzen, zermahlen. Oder schöpfen - und so, wie bei Jenny Holzer, schon durch die Produktion mit ganz viel Wasser und mit dem Verweis auf eine Foltermethode eine politische Botschaft verknüpfen ("Top Secret", 2012).

Oder man kann Papier durchlöchern. Wie diese Kunstpostkarten, die die 77-jährige Mechtild Frisch mit in die Ausstellungsräume gebracht hat. "Mir geht es um eine Zerstörung unser gängigen Wahrnehmungsbilder", sagt Frisch: Dass sie dazu eine alte Lochzange benutzt, die noch von ihrer Mutter stammt, ist eher ein Zufall. Mit Papier jedenfalls beschäftigt sich die Kölner Künstlerin schon immer.

Hier steht Frisch vor ihrer Wandarbeit "Malstück WV 489" von 1989, die 1990 mit Mitteln der Kulturstiftung der Kreissparkasse Köln erworben werden konnte und die durch ihre Löchrigkeit eine ganz eigene, skulptural-schwebende Qualität und Farbigkeit bekommt. Die Corona-Maske der Künstlerin mit ihrem Vampir-Mund jedenfalls passt perfekt zu ihrer Art der perforierenden Kunst.

"An Papier interessiert mich, dass es kein Gewicht hat", sagt Frisch. "Und dass es überall im Alltag benutzt wird. Ich arbeite sehr gern mit Material etwa aus dem Supermarkt." Das sind die Vorgaben, die ihrer Kreativität den Rahmen geben. "Ich kann nicht willkürlich verfahren, ich muss mich mit dem Gegenüber auseinandersetzen." Die Arbeit in Bergisch Gladbach aber hat Frisch anfertigen lassen - wobei die Breite durch die Spannweite ihrer Arme vorgegeben ist. Auch kein Gewicht muss man ja hochnehmen können.

Die Vorliebe für Fundstücke hat Frisch mit Andreas My (Jahrgang 1961) aus Köln gemeinsam. "Ich suche immer wieder in Discountern nach farbigen Wellpappen. Ich bin ganz glücklich, wenn ich eine bestimmte Farbe finde, die ich noch nicht so gesehen habe." Ihn reizt die Funktionalität des Werkstoffs mit seiner industriellen Biografie ebenso wie der sinnliche Aspekt des Materials, "das so etwas Durchscheinendes hat". Im Hintergrund: Mys Arbeit "Ohne Titel (ZF mü3)" von 2009.

Eine der neuesten Erwerbungen des Kunstmuseums Villa Zanders von 2020 ist dieses "Porträt" Mys aus feinsten, teils mit Acrylfarbe nachgefärbten Tonpapier-Fäden, die wie Garn wirken. Während sich "Ohne Titel (ZF mü3)" zum Raum hin öffnet, scheint diese hier einen Raum zu umhüllen wie ein Gewölle. Das Gefühl der Auflösung des Gesichts ist ebenso gewollt wie der Umstand, dass das Original-Tonpapier im Unterschied zu den acrylgetauchten Fäden seine Farbigkeit verlieren wird - laut My beides Reflexe auf unsere immaterielle digitale Welt: "Meine Arbeit ist auf der Schwelle zwischen Körper und Nicht-Körper."

Und manche Werke bekommen durch die Begleiterscheinung der Corona-Pandemie sogar noch eine andere Bedeutung (Petra Weifenbach, "Klorolle DeLuxe", 2002, erworben 2013).

Im oberen Stockwerk des Kunstmuseums Villa Zanders in Bergisch Gladbach ist die neue Präsentation der ständigen Sammlung noch bis zum 6. Juni 2021 zu sehen. Die in der Etage darunter ausgestellten Werke müssen im August der nächsten Ausstellung mit Jutta Dunkel und Martin Rosswog weichen. Wer "Neu aufgestellt. Neuerwerbungen, Schenkungen, Dauerleihgaben und mehr" also komplett sehen möchte, muss sich etwas beeilen (Michael Kortländer, "Gelbes Tor", 1986).

Stand: 09.06.2020, 18:00 Uhr