Der philosophische Alchemist: Navid Nuur in Herford

Der philosophische Alchemist: Navid Nuur in Herford

Von Thomas Köster

Ein Museum aus Brotteig, das Innenleben der Tränen und ein mundgeformtes Kaugummi-Alphabet: Mit einfachsten Mitteln schafft Navid Nuur poetische Denkanstöße. Wer sich drauf einlässt, wird mit neuen Einsichten belohnt. Jetzt widmet ihm das Marta Herford eine größere Schau.

Navid Nuur. Hocus Focus, Marta Herford 2020 (Ausstellungsansicht)

​Kunst ist simpel und macht kaum Arbeit. So oder ähnlich lautet scheinbar das Credo von Navid Nuur. Zumindest sieht das, was der 1976 in Teheran geborene und heute in Den Haag lebende Konzeptkünstler teils extra für das Marta Herford geschaffen hat, bewusst nach wenig Arbeit aus. Und ist doch Ergebnis eines komplexen Denkprozesses ("City Silence", 2013-2017).

​Kunst ist simpel und macht kaum Arbeit. So oder ähnlich lautet scheinbar das Credo von Navid Nuur. Zumindest sieht das, was der 1976 in Teheran geborene und heute in Den Haag lebende Konzeptkünstler teils extra für das Marta Herford geschaffen hat, bewusst nach wenig Arbeit aus. Und ist doch Ergebnis eines komplexen Denkprozesses ("City Silence", 2013-2017).

"Bewusst einfach" trifft es ganz gut. Denn Nuur will mit unserer Wahrnehmung spielen. Und den Blick auf Dinge lenken, die uns im Alltag verborgen bleiben. Nicht, weil sie so gut versteckt wären. Im Gegenteil: weil sie so offensichtlich vor uns liegen ("PopP", 2008) ...

... oder weil sie einfach selbstverständlich sind. Und damit laut Ausstellungstitel auf magische Weise in den "Hocus Focus" geraten.

Tränen zum Beispiel. Das hier ist eine Projektion von einer Träne des Künstlers, fotografiert auf einer Glasplatte wie unter dem Mikroskop, und folgerichtig als luzides Dia wiedergegeben. "Weinen ist eine einfache praktische Handlung, aber vielleicht könnte man es auch so sehen: Wenn ich weine, kristallisieren meine innersten Gedanken und Gefühle, so dass ich sie mit der Außenwelt teilen kann", sagt Nuur. Und rät: "Hör auf zu weinen und lass stattdessen deine Gedanken kristallisieren."

"Interimsmodule" nennt Nuur denn auch seine Installationen. Sie firmieren als eine Art Übermittlungsinstanz zwischen verschiedenen Welten, die im Werk Nuurs zusammenkommen. Philosophie und Poesie zum Beispiel. Aber auch Kunst und Wissenschaft.

Bei seinen Werken arbeitet Nuur unter anderem mit Materialwissenschaftlern zusammen. Und führt Versuche durch. Etwa mit Neonröhren. "Während meiner Experimente habe ich viel herausgefunden: Für die Beschichtung kann man jede Art von Pulver einsetzen; man kann die Neonröhre, die selbst aus Glas besteht, auch mit zerbrochenem Glas füllen. Und man kann eine Neonröhre auch dazu bringen, Licht abzugeben, indem man sie einer Strahlung aussetzt – ganz ohne Kabel." 

"Ich glaube, es ist an der Zeit, die Neonbeleuchtung von den Fesseln der Funktionalität zu befreien und ihre Beziehung zur Kunst weiter auszubauen. Ich stecke mitten in diesem Prozess", sagt Nuur. "Broken Blue Square" (2017) ist ein erster Ausdruck davon. Was zunächst minimalistisch aussieht, offenbart aus der Nähe seine komplexe Schönheit. 

Und als ein Sprach- und Denkorgan zwischen Künstler und Betrachter, der zum Staunen und Denken angeregt werden soll. Ein wenig wie bei diesem Stuhl, der über ein Dosentelefon mit der Museumswand kommuniziert.

Wie immer bei Nuur lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn dann sieht man, dass das Wandpendant des Dosentelefons keineswegs an der Wand befestigt ist, sondern zu schweben scheint. Wer etwas nachdenkt, kann dahinter kommen, wie das funktioniert.

"Das soll Kunst sein?" wird vielleicht trotzdem so mancher Besucher denken, "das kann ich auch!" Für Nuur wird umgekehrt ein Schuh draus: Klar ist das Kunst! Und: Wenn du das auch kannst, bist du ein Künstler. Das ist ein wenig wie bei Joseph Beuys. Wobei Nuurs Arbeiten zugänglicher sind. Man muss sich nur drauf einlassen ...

... und die Bezüge, wie bei "(After entering) another window in my studio" (2008-2020), sehen.

Und dann hat Nuur auch noch ein Begleitbüchlein zur Ausstellung geschrieben, das sich bewusst an Kinder richtet: "Ta-Da! Künstler*in werden in Nullkommanichts" heißt die hübsche Publikation. Wobei der Titel Nuurs hintergründigen Humor ganz gut beschreibt.

Vor allem Kinder sind in Workshops eingeladen, die Ausstellung durch eigene Arbeiten zu bereichern. Dafür gibt es in der Lippold-Galerie des Marta ein eigenes Regal. Bisher hängt da aber nur Nuurs mundgeformtes Kaugummi-Alphabet ...

... und Frank Gehrys Marta-Bau als Brotteigarchitektur. Sozusagen als Serviervorschlag. 

"Kannst du dir vorstellen, dass ein Gebäude wie das Marta eigentlich nur ein Haufen Mineralien ist?" fragt Nuur in einfacher (und kindgerechter) Sprache. "Sogar du selbst bestehst eigentlich nur aus Mineralien. Durch Hitze können Mineralien neu angeordnet, geschmolzen und wieder miteinander verbunden werden." So wie im Marta gefundene Materialien zu Vasen. Der Künstler als philosophischer Alchemist.

Und dann kann man sich am Ende noch für kleines Geld ein eigens Kunstwerk mit nach Hause nehmen, das man als "Interimsmodul" quasi mit Nuur gemeinsam gemacht hat: dank dieser Prägemaschine, die sonst eher Souvenirs für Touristen ausspuckt. Wer hier fünf Cent hineinsteckt, bekommt eine Prägung mit dem Fingerabdruck Nuurs zurück. "Das Geld verliert seinen Wert, wenn es eingeworfen wird", sagt Nuur, "gewinnt aber wieder an Wert, wenn es herauskommt."

Wer richtig schnell ist, dem bietet das Marta übrigens noch den doppelten Kunstgenuss: Denn im weitaus größeren Ausstellungsbereich ist noch bis zum 9. Februar 2020 die Ausstellung "Im Licht der Nacht" zu sehen. Am 29. Februar folgt dann "Glas und Beton – Manifestationen des Unmöglichen". Klingt auch nicht schlecht. (Im Bild: Hans Op de Beek: "Location 2", 2001)

Navid Nuur. Hocus Focus ist noch bis zum 26. April 2020 im Marta Herford zu sehen. Die Begleitpublikation zur Ausstellung "Ta-Da! Künstler*in werden in Nullkommanichts" ist im Museumsshop erhältlich.

Stand: 31.01.2020, 13:00 Uhr