"Mythos Neue Frau" in Euskirchen

"Mythos Neue Frau" in Euskirchen

Von Thomas Köster

Radfahren im Rüschenrock? Maschineschreiben im Korsett? Nach dem Ersten Weltkrieg verlangte die moderne Zeit eine neue Frauenmode. Eine Ausstellung im LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller spürt diesem rasanten Kleidungswandel nach.

"Vielleicht stehen wir diesem moralischen Kriegsphänomen noch zu nah, um seinen Umfang ganz auswerten zu können", notierte Stefan Zweig 1929. "Aber ich halte es für möglich, dass eine zukünftige Kulturgeschichte diese vollkommene Umwertung und Verwandlung der europäischen Frau um 1900 sogar mehr beschäftigen wird, als der Weltkrieg."

Tatsächlich veränderte sich am Epochenübergang auch die Kleidung radikal. Wo Frauen immer mehr in industrielle Arbeitsprozesse eingebunden wurden und sich ein neues Bewusstsein für Freizeit und Vergnügen ausformte, musste sich auch die Mode wandeln. Im Rüschenrock in die Trambahn zu steigen ist beschwerlich. Und in Ganzkörpermontur ins Wasser zu steigen, macht auch keinen Spaß.

Am eindringlichsten vollzog sich der Wandel wohl in den Tanzsälen der zwanziger Jahre, in denen Frauen mit Bubikopf und Charleston-Kleid die Nacht zum Tag machten. Ihre Role Models: Louise Brooks, Olga Tschechowa, Josephine Baker oder die Tiller Girls.

In Euskirchen sind über 130 Originalkostüme zu sehen, dazu weitere historische Exponate aus dem Alltag zwischen Jahrhundertwende und 1930. Sie vermitteln ein lebhaftes Bild von dem rasanten Wandel, der sich in der Frauen-, aber auch in der Männer- und Kindermode vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus vollzog.

Am eindringlichsten lässt sich das wohl an den unsichtbarsten und intimsten Stellen der Kleidung, der Unterwäsche, demonstrieren. Für das am Rücken in einer langwierigen Prozedur zu schnürende Korsett brauchte die Dame von Welt noch die Hilfe einer Kammerzofe oder Dienerin.

Reißverschluss und Druckknopf machten die unter Zeitdruck stehende Fabrikarbeiterin, Sekretärin oder Kaufhausangestellte nun autonom. Wespentaille und Schlankheit wanderten von der Schnürung in den modischen, teils kaschierenden, teils betonenden Schnitt.

Überhaupt begann das weibliche Geschlecht, auch Teil der modernen Mobilität zu werden. Dies illustriert "Mythos Neue Frau" anhand einiger schöner Beispiele.

Dazu gehört auch ein seltener Autofahrerinnenmantel samt Staubschutzbrille aus den 20er Jahren. Selten ist er vor allem deshalb, weil die Frau als Fahrerin im Straßenverkehr noch eher die Ausnahme blieb.

Schon der Titel in Euskirchen macht deutlich: Die "neue Frau", die sich von den Korsetts der Vergangenheit befreite, um auf Augenhöhe neben dem Mann zu stehen, war in dieser Radikalität wohl doch nur ein Mythos. Überliefert in den - von Männern dominierten - Massenmedien ebenso wie in der - von Männern dominierten - Literatur.

Spätestens mit dem Mütterideal des Nationalsozialismus wird das Partygirl der 20er Jahre im öffentlichen Bewusstsein ohnehin wieder das Heimchen am Herd. Daran wird sich dann erst wieder mit der 68er-Generation etwas ändern.

Reformen verdankten sich dabei aber weniger der (männlichen) Einsicht, sondern den sich ändernden Umständen, die auch in der Mode eine andere Alltagtagstauglichkeit verlangten. "Ihr Frauen, vermindert nicht Eure Kraft durch unzweckmäßige Kleidung!", hieß es dem entsprechend in einem zeitgenössischen Aufruf. Was das für die heutige Zeit bedeutet, die sich vom industriellen Kapitalismus rasant hin zum digitalen Kapitalismus wandelt, ist erst in Ansätzen spürbar.

Apropos "Ende des industriellen Kapitalismus": Wenn man schon im Euskirchner LVR-Industriemuseum ist, sollte man unbedingt auch noch die historische Tuchfabrik Müller vis-à-vis besuchen, die bis zur Schließung Anfang der 1960er Jahre noch auf Webstühlen aus dem 19. Jahrhundert produziert hat! Mehrmals am Tag gibt es Führungen, zu denen man sich nur am Sonntag vorher anmelden muss.

Dann wird auch die große Dampfmaschine angeworfen, die den halb automatisierten Betrieb durch die Jahrhunderte am Leben hielt und deren Anblick an sich schon eine Schau ist.

"Mythos Neue Frau. Mode zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik" ist noch bis zum 17. November 2019 im LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller in Euskirchen zu sehen. Zur Ausstellung ist eine hübsche Begleitbroschüre erschienen, bei der vor allem die informativen Texte überzeugen.

Stand: 18.02.2019, 13:00 Uhr