Die Welt-Moderne. "Museum global" in Düsseldorf

Die Welt-Moderne. "Museum global" in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Nicht nur Europa und die USA konnten Moderne: Auch in Indien, Mexiko, Georgien oder Nigeria suchten Künstler zwischen 1910 und 1960 nach neuen Ausdrucksformen. Das zeigt jetzt die Kunstsammlung NRW, indem sie Werke aus den eigenen Beständen mit dieser "anderen" Moderne konfrontiert. ​

Museum global Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2018 (Ausstellungsansicht)

Es ist Zeit für eine neue Sicht der Dinge! Das sagen sich seit ein paar Jahren Museen wie das New Yorker MoMa, das Centre Pompidou in Paris oder die Londoner Tate. Und versuchen, ihren westzentrierten Blick abzustreifen und sich durch Ausstellungen und Ankäufe einer weltumspannenden Moderne zu öffnen. Die Idee ist auch in Düsseldorf angekommen (Tarsila do Amaral, "A Cuca", 1924).

Es ist Zeit für eine neue Sicht der Dinge! Das sagen sich seit ein paar Jahren Museen wie das New Yorker MoMa, das Centre Pompidou in Paris oder die Londoner Tate. Und versuchen, ihren westzentrierten Blick abzustreifen und sich durch Ausstellungen und Ankäufe einer weltumspannenden Moderne zu öffnen. Die Idee ist auch in Düsseldorf angekommen (Tarsila do Amaral, "A Cuca", 1924).

"Vor dem Hintergrund unserer expliziten Fokussierung auf die westliche Kunstgeschichte erkennt die Kunstsammlung NRW die Notwendigkeit, ihre Sammlungsgeschichte auf eine globale Perspektive hin zu befragen", betont denn auch Museumsdirektorin Susanne Gaensheimer. Der Sammlungsstrategie gemäß steht dabei der Zeitraum von 1910 bis 1960 im Fokus.

Herausgekommen ist eine Ausstellung, die Exponate aus den eigenen Kunstsammlungs-Beständen mit der nicht-europäischen und nicht-amerikanischen Moderne konfrontiert. Eine Reise um die Welt durch 50 Jahre und in 150 Werken, die der Gedanke des Globalen, künstlerisch Grenzüberschreitenden eint (Uche Okeke, "Ana Mmuo (Land der Toten)", 1961).

Die Aufgabe, die dahinter steckt, ist gewaltig. Und steht erst am Anfang. "Mikrogeschichten" nennen die Macher die Kapitel der Schau, die mit den Ländern und Orten überschrieben sind, in die das Kuratorenteam bei seiner Recherche reiste. Im Tokio des Jahres 1910 etwa stieß man auf die Porträts und Selbstporträts von Yorozu Tetsugorō, die sich dem japanischen Holzschnitt ebenso verdanken wie dem deutschen Expressionismus.

In der Mikrogeschichte zu Brasilien wird diese Einverleibung unterschiedlicher kultureller Einflüsse besonders deutlich. "Nur der Kannibalismus eint uns", schrieb dem entsprechend der Mitbegründer des brasilianischen Modernismo, Oswald de Andrade. "Wir wollen die Karibische Revolution." Eine skandalumwitterte "Woche der modernen Kunst" 1922 in São Paulo gab die Wege vor.

In diesem Reigen ist das Kapitel zu Moskau fast schon am wenigsten erstaunlich. Denn über den Neoprimitivismus der russischen Avantgarde ist ja schon einiges bekannt. Und der erst posthum gewürdigte Georgier Niko Pirosmani gilt neben Henri Rousseau heute gemeinhin als wichtigster Vertreter der naiven Malerei. Seine Bilder, die zum Großteil in Tiflis hängen, sind trotzdem eine Entdeckung ("Stillleben, um 1906).

Dass die Moderne global wurde, hat natürlich auch mit urbaner Mobilität und ihrem dunklen Geschwistern Flucht und Vertreibung zu tun. Das reflektiert der brasilianische Maler Lasar Segall auf seinem "Emigrantenschiff" (1939/1941). Segall war Mitbegründer der "Dresdner Sezession" um Otto Dix und Conrad Felixmüller und kehrte 1924 in seine Heimat zurück. Damals überaus populär, waren seien Werke 1937 in der Nazi-Schau "Entartete Kunst" in München zu sehen.

Dabei zeigt sich auf prägnante Art und Weise, was man zwar vielleicht nicht erwartet hat, aber hätte erwarten können: Da sich die westliche Moderne bei ihrer Suche nach neuen Ausdrucksformen durchaus auch fremden Kulturen und Stilen öffnete ...

... und sich offenbar im Gegenzug der "Rest der Welt" für die impressionistische, expressionistische und abstrakte Kunst aus Europa und den USA interessierte, sind die unterschiedlichen Modernen kaum mehr zu unterscheiden. Woher ein Künstler kam, verrät da meistens nur seine Biografie. Wobei viele Lebensläufe der versammelten Künstler ohnehin internationalen Charakter haben (Saloua Raouda Choucair, "Selbstporträt", 1943).

In einigen – allerdings wenigen Fällen war das ja auch schon bekannt (Frida Kahlo: Autorretrato en la frontera entre México y Estados Unidos" (1932).

Dass das komplexe Wechselspiel zwischen einer selbstbewussten Manifestation kultureller Identität und der ironischen, fast schon karnevalesken Selbstexotierung bei mexikanischen Malerinnen kein Unikum war, zeigen die Porträts von María Izquierdo (hier ein Selbstporträt aus dem Jahr 1940). Und das ist ja durchaus eine Überraschung.

Überhaupt: die malenden Frauen. Die haben die Macher diesmal nicht vergessen. Und das ist heute ja immer noch ein großes Verdienst (Tarsila do Amaral, "Selbstporträt", 1934).

Um die Sache rund zu machen, werden die "Mikrogeschichten" der Düsseldorfer Schau von einem Prolog und einem Epilog umrahmt, der die Geschichte des Hauses reflektiert. So präsentiert das Vorwort die 88 Gemälde Paul Klees, durch deren Ankauf NRW 1960 die Sammlung begründete: eine Wiedergutmachung für den 1933 von den Nazis als Professor der Düsseldorfer Kunstakademie entlassenen Künstler.

Zwischen 1966 und 1985 gingen diese Bilder von Düsseldorf um die Welt, wie sich an den rückseitigen Ausstellungsaufklebern ablesen lässt: Unter anderem in Israel, Brasilien und Indien waren sie unterwegs, um laut der Kunstsammlung "erklärtermaßen Botschaft und Botschafter der neuen Bundesrepublik Deutschland" zu sein.

Wie auf diesem Grundstock eine der bedeutendsten Sammlungen entstand, die Nordrhein-Westfalen zu bieten hat, zeigt das "Nachwort" von "Museum global", das vor allem die US-amerikanische Moderne ins Zentrum stellt. Und deren Exponate durch eine atemberaubend luftige Hängung in dem hellen Riesenraum eine wunderbare Kraft entfalten.

So zeigt sich am Ende des Rundgangs durch diese Ausstellung, dass die Geschichte mit dem Blick auf die westliche Moderne an den Rändern zwar neu geschrieben werden muss, dass sich das vom Westen aus ergebende Zentrum auch im globalen Vergleich aber durchaus nicht verstecken muss.

"Museum global. Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne" und "Paul Klee. Eine Sammlung auf Reisen" sind noch bis zum 10. März 2019 in der Kunstsammlung NRW im K20 am Düsseldorfer Grabbeplatz zu sehen (Amrita Sher-Gil, "Roter Lehmelefant", 1938).

Stand: 11.11.2018, 06:00 Uhr