Im Fadenkreuz: Stickkunst in Bonn

Im Fadenkreuz: Stickkunst in Bonn

Von Thomas Köster

Mit ihrem Wunsch nach einer Verschmelzung von Kunst und Leben schufen die Expressionisten beeindruckende Stickkunst. Und wurden so zu Wegbereitern zeitgenössischer Positionen. Das illustriert nun eine Ausstellung im August-Macke-Haus in Bonn.

Mit Stich und Faden, August-Macke-Haus, Bonn 2020 (Ausstellungsansicht)

Den Alltag durch die Kunst verschönern: Das wollte die Moderne. Und mit ihr die Expressionisten. Mit allen handwerklichen Techniken brachten sie ihre Motive auf die Leinwand, aber auch auf Taschen, Tische und Kissen. Sticken gehörte dazu. Nicht nur für Frauen wie Gabriele Münter, Marta Worringer oder Fifi Kreutzer (links), sondern auch für Männer: Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky oder August Macke (rechts).

Den Alltag durch die Kunst verschönern: Das wollte die Moderne. Und mit ihr die Expressionisten. Mit allen handwerklichen Techniken brachten sie ihre Motive auf die Leinwand, aber auch auf Taschen, Tische und Kissen. Sticken gehörte dazu. Nicht nur für Frauen wie Gabriele Münter, Marta Worringer oder Fifi Kreutzer (links), sondern auch für Männer: Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky oder August Macke (rechts).

Im Bonner August-Macke-Haus nimmt die Ausstellung "Mit Stich und Faden" erstmals überhaupt die Stickkunst der Expressionisten in den Fokus. Manche Werke stammen noch aus jugendstilhaften Anfängen, andere zeigen schon eine erkennbare Handschrift. Wie dieser Portalschmuck nebst Rückenlehnenbezug und Tischdecke von Erst Ludwig Kirchner. ("Mansardennische im Atelier", 1914)

Dabei benutzten die Expressionisten kein üblicherweise verwendetes Nähgarn, sondern grobe Strickwolle, die sie zum Teil färben ließen. Es ging ja schließlich nicht um feinen Zwirn, sondern um - teils auch märchenhaften - Ausdruck, Ausdruck, Ausdruck. (Fifi Kreutzer, "Der Drachentöter", 1912)

Viele Motive der Ausstellung kennt man bereits von Aquarellen oder Drucken. Einiges aber ist originär. So wie die Arbeiten von Christian Rohlfs, der auf seinen Stickbildern eine ganz eigene Bildsprache fand. Rohlfs war auch der einzige Expressionist, der seine Gemälde konsequent selber stickte. Viele männliche Expressionisten überließen die Ausführung ihrer Entwürfe lieber den Frauen. ("Ehestreit", um 1906)

Heute gehört die Stickerei zu den künstlerischen Techniken wie selbstverständlich dazu. Aber auch das macht man sich normalerweise nicht so klar. Deshalb ist es gut, dass "MIt Stich und Faden" auch zeitgenössische Positionen mit einbezieht. Und dabei die ganze Bandbreite aufzeigt, mit der Künstlerinnen und Künstler mit Nadel und Garnrollen Welten schaffen. (Gisoo Kim, "Schalen", 2017-2019)

Dabei verwebt sich nicht selten Tradition mit Innovativem. Claudia Kallscheuer etwa "besetzt" den Sessel ihrer Großmutter buchstäblich mit Sätzen, die aus einem Gespräch zwischen der Künstlerin und ihrer inzwischen verstorbenen Oma stammen. Erinnerung wird Ausdruck - fast schon wieder expressionistisch (im Hintergrund: Kissen von Kirchner und Helene Spengler).

Andrea Ziegler spielt mit Comic und Pop Art, wobei auf ihren durchsichtigen Organza-Stoffen unsere - teils makaberen, teils schaurig-verharmlosenden - Bilder vom Tod im Zentrum stehen, aber auch unser Verhältnis zum Geld: beides in der Kunstgeschichte beliebte Motive des Memento Mori. ("Fahne zum Thema Tod", 2018)

"Ich kombiniere beziehungsweise erweitere meine Malerei mit der Stickerei, um mit ihr die tiefen Stiche, die prägende Wirkung von Worten zu unterstützen", sagt Suscha Korte. Ihr Diptychon "Engraved" (2013) mit seiner doppelbödigen Botschaft "Sitz gerade und stopf nicht" stellt nicht zuletzt die Frage nach kulturellen Wertigkeiten.

Bei den meisten der in Bonn gezeigten Positionen legen die Künstlerinnen und Künstler noch selbst Hand an. Teilweise programmieren sie aber auch Stickmaschinen. Toll ist das vor allem dann, wenn man es nicht sieht. Für "Kein Winterdienst" (2019) hat Claudia Kallscheuer das Gerät dazu gebracht, quasi handschriftlich zu schreiben. Das Maschinelle wird in Individuelles zurückverwandelt. Und wirft so auch hochaktuelle Fragen nach der Schnitt- oder besser Stichstelle zwischen Mensch und Computer auf.

Und Alexandra Knie lässt in einem eigens für die Bonner Schau geschaffenen Raum mit Petrischalen-Anmutung die höchst aktuelle Bedrohung durch Viren - die nach Ansicht von Wissenschaftlern auch im All existieren - aus dem Nähcomputer lebendig werden. Allein schon hierfür lohnt sich der Besuch im Macke-Haus. Hier deshalb nur ein winziges Detail.

In Bonn ist Sticken Handwerk und Kunst, konkret und abstrakt, etwas für Mann und Frau - und auch sonst sehr janusköpfig. Jochen Flinzer hat diesen Aspekt ins Bild gerückt, indem er beide Seiten der Medaille zeigt. Vorne hat er Architekturpläne und Cover von Schwulenmagazinen mit Garn verfremdet. Und auf der Rückseite kann man sehen, nach welchen Plänen er beim Nähvorgang vorging.

Bleibt nur noch eine Frage: Wie tickt, wer stickt? Oder: Wie kommt Mann dazu, zu Nadel und Faden zu greifen, um damit Kunst zu machen? Indem man eine Lehre als Herrenschneider macht zum Beispiel! So wie Robert Abts. Für ihn ist Sticken "denken und erinnern – aktive Vorgänge und Versuch, gelöschte Zeit wieder in die Realität einzusetzen". In "I can't go on. I'll go on" (2004) übersetzt er so einen Text Samuel Becketts über die Sisyphosarbeit der menschlichen Existenz auf Wollfilz.

Oder indem man aus einer Näher- und Schneiderfamilie kommt. Und dann noch seine Leidenschaft für japanische Textilien erkennt. Wie Walter Bruno Brix, der auch in der Bonner Schau ausgestellt ist. Hier steht er im Auktionshaus Van Ham in Köln, für das er als Experte für asiatische Kunst tätig ist. Mit seinem "mobilen Atelier": Stoffe und Nähaccessoires, zusammengebunden in der Verkaufstasche eines koreanischen Metzgers.

"Der Vorteil gegenüber der Malerei ist ja, dass ich überall nähen kann", sagt Brix. "Im Auktionshaus genauso wie in der Bahn." Schließlich kann Brix seine Stoffe auf Tablet-Größe zusammenfalten. Dabei näht Brix ohnehin auf japanische, "verborgene" Art: Nadel und Faden werden nicht immer wieder aus dem Stoff gezogen, sondern unsichtbar ...

... mit allen Stichen auf einer Nadel, die dann zwischen den Fingern beider Hände in einem Zug durch den Stoff gezogen wird. Mit Hilfe eines Fingerrings namens "Yubiwa".

In Bonn sind Bilder von Brix zu sehen, in denen er sich aus westlicher Sicht mit den Gespenstern aus dem asiatischen Alltag und der europäischen Kunstgeschichte auseinandersetzt. Totenkult meets Hieronymus Bosch (hier dessen "Eiervogel" aus dem "Garten der Lüste" von 2010/11). Und das alles auf fadengenähten Zeichnungen - natürlich mit geisterhaften Bettlaken als "Malgrund".

"Mit Stich und Faden. Expressionistische und zeitgenössische Kunst im Gegenüber" ist noch bis zum 7. Juni 2020 im August-Macke-Haus in Bonn zu sehen (links im Bild: Brix' niedlicher Wassergeist "Kappa" von 2010/11, hinten Barbara Wrede).

Stand: 07.03.2020, 06:00 Uhr