Bundeskunsthalle seziert den King of Pop

Bundeskunsthalle seziert den King of Pop

Von Thomas Köster

Die neuen Missbrauchsvorwürfe liegen schwer über der Michael-Jackson-Schau in Bonn. Darf man da noch eine solche Ausstellung machen? Klar! Vor allem, um zu zeigen, wie die Kunst auf das Phänomen Jackson reagierte.

Michael Jackson. On the Wall, Bundeskunsthalle, Bonn 2019 (Ausstellungsansicht)

Hat Michael Jackson wirklich unter der Tyrannei des Vaters auf heißen Herdplatten tanzen gelernt? Und ist die verlorene Kindheit vielleicht der Grund dafür, dass der Pop-Star versuchte, sie sich auf seinem Märchenschloss "Neverland" zurückzuholen? Egal. Jackson ist auch zehn Jahre nach seinem Tod noch ein Mythos, bei dem sich Fiktion und Wirklichkeit verweben (Original des Plattencovers zur LP "Dangerous" von Mark Ryden, 1991).

Hat Michael Jackson wirklich unter der Tyrannei des Vaters auf heißen Herdplatten tanzen gelernt? Und ist die verlorene Kindheit vielleicht der Grund dafür, dass der Pop-Star versuchte, sie sich auf seinem Märchenschloss "Neverland" zurückzuholen? Egal. Jackson ist auch zehn Jahre nach seinem Tod noch ein Mythos, bei dem sich Fiktion und Wirklichkeit verweben (Original des Plattencovers zur LP "Dangerous" von Mark Ryden, 1991).

"Michael Jackson. On the Wall" zeigt Gemälde, Collagen, Videos und Skulpturen von 40 internationalen Künstlern, die den Einfluss des revolutionären Entertainers auf die Gesellschaft widerspiegeln. Und eben auch auf die Kunst. Dieses 2010 fertiggestellte Porträt von Kehine Wiley im Stil von Rubens' "Philipp II. zu Pferde" gab Jackson selbst in Auftrag - und sprach mit dem Künstler angeblich über Pinselduktus und Michelangelo.

Obwohl Jackson 2009 mit nur 50 Jahren an einem Medikamentencocktail seines Leibarztes starb, reicht seine Wirkung auf Jugendliche von heute. Sinnfällig macht dies Candice Breitz in ihrer "King. A Portait of Michael Jackson" genannten Arbeit von 2005, in der singende Fans aus ganz Europa Jacksons "Thriller" (1982) nachspielen.

Die Missbrauchsvorwürfe, die zwei damals minderjährige Bewohner im Film "Leaving Neverland" nun gegenüber Jackson bekräftigen, hängen wie ein Damoklesschwert über der Bonner Schau. Aber irgendwie gehört das Bild vom zum Monster mutierten Menschen zu Jackson ja ohnehin dazu (Dawn Mellor, "Michael Jackson (Thriller)", 2007).

"Michael Jackson ist eine Ikone der Popmusik", sagt denn auch Bundeskunsthallen-Intendant Rein Wolfs. "Diese enorme Wirkung zeigt sich auch in der bildenden Kunst. Diesen kulturellen Einfluss wollen wir zeigen." Er stellt klar, dass es in der Schau "weder um die Biografie noch direkt um das Werk" von Jackson gehe.

Tatsächlich kann die Kunst natürlich am wenigsten für die vermeintlichen Verfehlungen ihres Motivs. Trotzdem erscheint manch bedingunsglose Vergötterung und Überhöhung im Rückblick naiv. Wie diese von Andy Warhol – dem es ja ohnehin nie um den Menschen, sondern immer um seine schillernde Oberfläche und deren Tauglichkeit zur Ikone ging.

Und ist der Kitsch von David LaChapelles biblischen Fotografien, die Jackson zum Sieger über Satan inszenieren, wirklich ironisch? Immerhin hat Jesus auf einem der Bilder die klassische Pietà-Rolle der Maria eingenommen. Und die Verlängerung der leuchtenden Steine von "An Illumination Path" (1998) mit Sitzreihen in die Wirklichkeit des Ausstellungsraums ist mehr als pfiffig.

Den versammelten Künstlern ging es nie um die Person, sondern immer um die Kunstfigur Michael Jackson. Und um eine Projektionsfläche, um sich mit Fragen zu kultureller Identität und Aneigung des Fremden oder auch Genderaspekten auseinanderzusetzen. Im Bild: Catherine Opies Foto von Jacksons Shirt in Elizabeth Taylors Schrank von 2012.

Die Diskussion um "Peter Pan Jackson" und sein Verhältnis zu Kindern passt in eine Zeit, in der Aktdarstellungen von Museumswänden entfernt und Ausstellungen abgesagt werden, weil darin Mädchen in frivolen Posen abgebildet werden. Hier aber ist Kunst zu sehen, und die ist erst einmal nicht schuldig. Sollten sich daran Diskussionen auch über die Wirkmächte des Kunstbetriebs entzünden, wäre das ja nur gut. (Hank Willis Thomas, "Time Can Be a Villain or a Friend", 1984/2009)

Natürlich haben die Missbrauchsvorwürfe auch die Macher der Jackson-Schau nicht kalt gelassen. Deshalb gibt es Diskussionsabende zum Thema. Und einen Museumsmitarbeiter, der den Besuchern in der Ausstellung "für Rückfragen und Gespräche zur Verfügung steht". Im Bild: Jackson und sein Affe Bubbles von Paul McCarthy, eine Anspielung an eine berühmte Porzellanskulptur von Jeff Koons, die in der Ausstellung nur auf einem Foto zu sehen ist.

Im Grunde ist es in der Ausstellung ja ohnehin wie bei Jacksons zu recht so berühmtem "Moonwalk": In "Michael Jackson. On the Wall": Beim Betrachten wird und muss man sich (in diesem Fall in der Zeit) gleichzeitig vor und auch zurück bewegen. So oder so jedenfalls kommt man voran (Maggi Hambling, "Michael Jackson", 2004).

Mit dieser doppelten Perspektive im Rücken kann man sich in Bonn guten Gewissens mit der Kunst beschäftigen. Denn der dort gebotene Blick auf eines der größten und tänzerisch schwerelosesten Phänomene der Pop-Geschichte ist auf jeden Fall einen Besuch wert (Appau Junior Boakye-Yiadom, "P.Y.T.", 2009).

"Micheal Jackson. On the Wall" ist noch bis zum 14. Juli 2019 in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen. Zur Ausstellung ist ein opulenter Katalog mit spiegelndem Umschlag erschienen, der wohl eine Anspielung an Jacksons Hit vom "Man in the Mirror" ist. "If you want to make the world a better place / Take a look at yourself and then make that / Change!" heißt es übrigens darin (Mr. Brainwash, "Michael Jackson", 2014).

Stand: 22.03.2019, 09:00 Uhr