Bonner Kunstmuseum zeigt die "Kunst der Verwandlung"

Bonner Kunstmuseum zeigt die "Kunst der Verwandlung"

Von Thomas Köster

Masken können verhüllen und verkleiden - und gerade damit offenbaren. In der Religion, im Karneval und in der Kunst. Im Kunstmuseum Bonn ist jetzt eine großartige Ausstellung zu sehen, die aufzeigt, wie Maler und Bildhauer in Moderne und Gegenwart Maskierungen nutzen.

Ob als Ausdruck eines Rituals, als Karnevalsverkleidung, Burka oder Polizistenhelm: Maskierung hat viele Gesichter. Sie dient dem Schutz, der Vermummung oder der Verkleidung. (Thorsten Brinkmann, "Portraits of a Serialsammler", 2018).

Immer aber verwandelt die Maske den Maskierten in den Träger einer Rolle, die sozial, religiös oder kulturell völlig unterscheidlich definiert sein kann. (Edson Chagas, "Tipo Passe", 2012-2014).

Gerade diese mit existenziellen Fragen gekoppelte Ambivalenz fasziniert viele Künstler - vor allem seit der Moderne bis in unsere Gegenwart. Das ist in einer wundervollen Vielfalt jetzt im Kunstmuseum Bonn zu sehen (Meret Oppenheim, "Maske", 1959).

Versammelt sind 33 Werke von Pablo Picasso und Max Ernst bis hin zu Ed Atkins oder Daniel Knorr, die die "Kunst der Verwandlung" - so der Untertitel der Schau - zum Thema machen. Dies tun sie auf ebenso spielerische wie sozialkritische Art und Weise (Gauri Gill, "Acts of Appearance", seit 2015).

Kader Attias "Peau Noire Masque Blanc" (2013) zum Beispiel lässt nicht nur auf die archaische Funktion der Kultmaske beschränken: Sein Spiegelhelm wurde auf der Grundlage geflickter afrikanischer Masken gefertigt und eröffnet einen ganzen Assozitiosspielraum: Von kolonialem Erbe über Vernichtungskriege bis hin zur plastischen Chirurgie.

Wiebke Siems Installation aus abstrahierten Selbstporträts und geschlechtlich aufgeladenenen Pelzkostümen denkt neben ethnologischen Aspekten auch die Rolle der Maske in der Moderne mit, etwa im Expressionismus oder Surrealismus. Und um die Rolle der Geschlechter geht es auch ("Ohne Titel, 2000-2001).

Selbst der Tod, der uns doch eigentlich alle Maskierungen endgültig abreißt, dient in der Kunst als zweite Haut. Auf den unglaublich intensiven und verstörenden Bildern von Miriam Cahn, wie diesem sexualisierten Totenkopfporträt zum Beispiel ("Ohne Titel", 1996) ...

... oder in Theo Eshetus monumentale Videoarbeit "Atlas Fractured" (2017), die Bilder auf Gesichter projiziert. Erstmals auf der documenta 14 zu sehen, wurde sie für Bonn neu eingerichtet.

"Wenn Identitäten nicht mehr genau definiert sind, wie kann eine andere Identität aussehen?" Das ist eine der Leitfragen von Theo Eshetus. Sie könnte aber auch als Motto über zahreichen anderen Arbeiten der Schau stehen (Eli Cortiñas, "The Exitement of Ownership", 2019).

Alli Coates führt das Spiel ungeklärter Identitäten besonders brutal vor Augen. Für ihren Kurzfilm "American Reflexxx" ließ sie die Performancekünstlerin Sine Pierce mit einer abstrahierenden Maske teils sehr anzüglich über die Promenade von Myrtle Beach in South Carolina flanieren. Ein aufgereizter Mob versucht schließlich Pierce die Maske herunterzureißen, um ihr Geschlecht zu bestimmen.

Die Maskierung des Anderen geht also nicht selten mit einem Gefühl der Bedrohung einher. Da wird es manchem Besucher der Ausstellung vielleicht etwas mulmig, wenn er oder sie durch das Polizistenspalier von Julius von Bismarck hindurchschlendert. Zumal sich die Figuren auf unheimliche Weise leicht bewegen. Oder meint man das nur?

Es ist eine Stärke der Bonner Ausstellung, den Vorhang vor der Maske in ihrer ganzen Ambivalenz nicht lüften zu wollen. Hinter manches Geheimnis der Verwandlung darf man schauen. Aber das große Rätsel bleibt (Stef Heidhues, "Helme", 2013).

"Maske. Kunst der Verwandlung" ist noch bis zum 25. August 2019 zu sehen. Den ebenso schön wie klug gemachten Katalog kann man gar nicht genug loben. Eine rundherum gelungene Ausstellung. (Daniel Knorr, "Stolen History, Statue of Liberty", 2010).

Stand: 29.05.2019, 09:00 Uhr