Welt aus Prismen. Mary Bauermeister in Bergisch Gladbach

Welt aus Prismen. Mary Bauermeister in Bergisch Gladbach

Von Thomas Köster

Mary Bauermeister ist so etwas wie die Mutter der Fluxus-Bewegung. Vor allem aber ist sie eine der vielseitigsten Künstlerinnen Deutschlands. Das zeigt jetzt die Villa Zanders.

Mary Bauermeistein ihrem Garten in Rösrath

In den 60er Jahren begründete Mary Bauermeister (hier in ihrem Garten bei Rösrath) mit George Brecht, John Cage, Nam June Paik oder Joseph Beuys die Kunstbewegung des Fluxus mit. Ihr Kölner Atelier in der Lintgasse war Treffpunkt der Avantgarde. Zeit, sich das mit einer Ausstellung wieder ins Gedächtnis zu rufen.

In den 60er Jahren begründete Mary Bauermeister (hier in ihrem Garten bei Rösrath) mit George Brecht, John Cage, Nam June Paik oder Joseph Beuys die Kunstbewegung des Fluxus mit. Ihr Kölner Atelier in der Lintgasse war Treffpunkt der Avantgarde. Zeit, sich das mit einer Ausstellung wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Dankenswerterweise tut "Mary Bauermeister. Zeichen, Worte, Universen" dies nicht mit historischen Abrissen, sondern allein dadurch, dass die Ausstellung Werke von 1961 bis 2017 präsentiert. Und in diesem Spannungsbogen zeigt, wie vielseitig Bauermeister war - und bis heute ist.

In den Bildern und Objekten präsentiert sich der ganze schillernde Facettenreichtum der Künstlerin, die bereits 1962 im Stedelijk Museum in Amsterdam eine legendäre Einzelausstellung hatte, anfangs vor allem in den USA für Furore sorgte - und hierzulande immer noch zu entdecken ist.

Logik und Mathematik, Märchen und Mythen, Licht und Schatten, Chaos und Ordnung, Banalität und höhere Bedeutung: Im Werk von Bauermeister fließt all dies zusammen, reibt sich aneinander, und bleibt doch in der Schwebe. Dass das dann auch noch sehr gut aussieht, kann man den Werken nicht zum Vorwurf machen.

Immer geht es dabei auch darum Fundstücke der Natur in Kunst zu überführen - sei es dadurch, dass man ihre Formensprache nutzt, sei es dadurch, dass man diese in kulturelle Zeichensysteme überführt. Zusammen ergibt sich etwas neues, das, teils wieder ironisch gebrochen, auf eine höhere Bewusstseinsstufe verweist.

"Es geht doch nicht nur darum, neue Kunst zu machen, etwas Fremdes, Neues zu machen, sondern es geht doch auch darum, Bewusstsein zu schaffen", betont die Künstlerin dem entsprechend. Was etwa Steine angeht, so hat Bauermeister in ihrem Haus in Rösrath zur Bewusstseinsschaffung mit neuen Werken noch ein schier unerschöpfliches Potenzial in Gläsern gesammelt.

Auch von den in Bergisch Gladbach gezeigten Arbeiten stammen die meisten aus Bauermeisters Haus, das ja selbst ein bewohntes Museum ist. Und das schon deshalb lebt, weil Bauermeister immer wieder Werke für Ausstellungen entnimmt und die entstandenen Lücken mit neuem füllt. Das "kleine Wabenbild" hängt eigentlich im Aufgang zum Speisezimmer.

1961 entdeckte Bauermeister in einem Antiquitätengeschäft Glaslinsen mit unterschiedlicher Brennschärfe. Es sei wie ein Zwang gewesen, diese zu kaufen, sagt die Künstlerin. Von da an entstanden ihre berühmten Linsenkästen, die sie 1964 erstmals präsentierte und die eigene kleine Universen sind.

"In der Folge fing meine Spielerei mit diesem neuen Material an", erinnert sich Bauermeister. "Vergrößerung, Verkleinerung, Verzerrung." In Bergisch Gladbach kann man jetzt Teil des Spieles werden, indem man aus verschiedenen Perspektiven durch die Linsen, Lupen und Prismen in die Kästen schaut.

Für Bauermeister sind die Kästen eine Art Geheimschrift, die den Geist des Betrachters in Wallung bringen soll: "Diese Linsenkästen musste man wie Bücher dekodieren, lesen, dabei allerlei assoziieren." Für die Schau in Bergisch Gladbach sollte man also offene Augen und etwas Zeit mitbringen.

Überhaupt spielen Zeichensysteme in jeglicher Form eine entscheidende Bedeutung. Vor allem auch die Schrift, die in der Ausstellung deutlich im Zentrum steht. "Wenn ich etwas schneller dadurch erreiche, dass ich es reinschreibe, als wenn ich es male, dann schreibe ich es rein." Klingt pragmatisch, wird aber poetisch umgesetzt.

Neben (zumeist bemalten) Kugeln oder Halbkugeln sind Spiegel ein zentrales Element von Bauermeisters künstlerischer Welt. In ihnen bricht sich die geistige Reflexion metaphorisch Bahn. Die versteckte Botschaft ist oft nur im Spiegelbild zu entschlüsseln. Und ist so flüchtig wie das, auf das sie verweist.

"Ich habe mich immer auch schon für Spiegelungen oder Symmetriespiegelungen oder doppelte Symmetrieachsen interessiert", sagt Bauermeister. "Das kommt aus einer sehr frühen Zeit." Dass sich in ihrer Schau in Bergisch Gladbach die sehr frühe Zeit der Villa Zanders in den Werken widerspiegelt, gibt der Ausstellung eine besondere Note.

Was ist Realität, was Fiktion, was Dichtung, was Wahrheit? Bei Bauermeister geht alles spielerisch und poetisch ineinander über. Hier wurde der von der Künstlerin gezeichnete Pilz nachträglich auf die Scheibe des schon gerahmten Bildes geklebt. Chronologie ist außer Kraft gesetzt.

Biografisch führt das Element des Spiegels zurück in Bauermeisters Kindheit, von der einige anrührende Zeugnisse - etwa ein Weihnachtsbrief an die Mutter aus der Landverschickung aus den 40er Jahren - im Haus Zanders versammelt sind. Und frühe Kinderzeichnungen.

Der Zeichnung - und dem Zeichnen - widmet die Ausstellung in der Villa Zanders einen weiteren Schwerpunkt. Bauermeister selbst scheint diese Ausdrucksform zuweilen aber zu eindimensional zu sein. Weshalb sie ihre Zeichnungen im Nachhinein zu Skulpturen verwandelt - natürlich mit Hilfe von Prismenscheiben.

Oder sie macht ihre Buntstifte gleich selbst zum Gegenstand der Betrachtung. In diesen Arrangements, die im Gesamtwerk immer wieder auftauchen. Wieder eine Verkehrung der Gegebenheiten: Was eigentlich Kunst schafft, wird selbst zur Kunst.

"Meine Werke sind Tagebücher meines Weltverstehens, meines Welterlebens", sagt Bauermeister. Das gilt in besonderem Maße für den "Notenbaum", den Bauermeister von 1962 bis 1964 mit ihrem damaligen Lebensgefährten und späteren Ehepartner Karlheinz Stockhausen schuf.

Die aufgespaltene Verdickung des verwachsenen Baumstamms erinnerte Bauermeister an ein Buch, das sie gemeinsam mit dem Komponisten füllte. So verweist dieses Exponat nicht nur auf eine wechselvolle Liebe, sondern besonders eindrücklich auch auf die Bedeutung von Komposition, Struktur und Musik in Bauermeisters Werk.

Bis zum Schluss hat Mary Bauermeister gemeinsam mit ihrem Assistenten und dem Museumsteam am Aufbau gearbeitet, und das sieht man der Ausstellung an. In der Villa Zanders finden die Werke, die auch nach Jahrzehnten immer noch überraschend frisch wirken, einen äußerst würdigen Rahmen.

Mit ihren 83 Jahren arbeitet Mary Bauermeister ohnehin immer noch unermüdlich. "Man könnte wieder platzen vor Energie", sagte sie neulich zu Museumsdirektorin Petra Oelschlägel. Davon sind auch Flugreisen nicht ausgenommen, wie eine Sammlung von beschriebenen und bemalten "Kotztüten" im Museum beweist.

Auch wenn die Zeit verrinnt, steht also zu hoffen, dass auch in Zukunft noch viel von Mary Bauermeister zu sehen sein wird. Das, was ist, sollte man sich bis dahin unbedingt in Bergisch Gladbach ansehen.

"Mary Bauermeister. Zeichen, Worte, Universen" ist noch bis zum 8. April 2018 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen.

Stand: 10.12.2017, 09:00 Uhr