Die skurrile Welt des Martin Parr in Düsseldorf

Die skurrile Welt des Martin Parr in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Taubenbesetzte Damen in Venedig, Männer hinter Rosenstöcken und Frauen am Rande des Sonnenbrands: Mit seinen entlarvenden Fotos unserer komischen Alltagswelt gilt Martin Parr als Superstar der aktuellen Fotoszene. Jetzt ist er im NRW-Forum zu sehen. Und hat noch eine neue Düsseldorfer Fotoserie mitgebracht.

"Ich liebe Obsessionen", sagt Martin Parr. "Ich bin selbst sehr obsessiv." Diese Einstellung hat den britischen Fotografen zu einem großen Chronisten der kleinen Sehnsüchte und einer auf Vergnügung und Selbstdarstellung ausgerichteten Gesellschaft gemacht. Mit all den teils auch leisen Tönen, die zwischen diesen Extremen möglich sind.

Dass Parr sich als dieser Chronist versteht, hat er immer wieder herausgestellt. Und seine Tätigkeit als Sammeln von Augenblicken beschrieben: "Wenn ich fotografiere, sammle ich auch. Zeigen, was da ist. Aufsammeln, was da ist." Aber das, was Parr sammelt, muss man erstmal finden. So komisch, entlarvend und trotzdem oft anrührend wie er, kann das keiner.

Im NRW-Forum Düsseldorf sind nun rund 400 Arbeiten des studierten Fotografen ausgestellt, der seit 1994 Mitglied der Agentur Magnum Fotos ist, zu sehen. Es ist die bislang umfangreichste Retrospektive des Fotografen, der unsere Wahrnehmung der Alltags- und Freizeitwelt teils noch mit analogen Mitteln verändert hat - lange vor der Bilderflut von Instagram und Social Media.

Mit britischem Humor und präziser Schonungslosigkeit erforscht Parr seit nunmehr über 40 Jahren den Menschen in seiner selbstgewählten natürlichen Umgebung. Am Strand, beim Pferderennen, im Museum, vor Sehenswürdigkeiten. Dabei leuchtet er Eitelkeiten aus, ebenso wie zwischenmenschliche Entfremdungen. Oft mit dem für ihn typischen Einsatz von Blitzlicht am hellichten Tage

Berühmt wurde Parr in den 80er Jahren mit Bänden wie "Life's a Beach" oder "The Last Ressort" mit verstörenden Fotos über das Strandleben im britischen Seebad New Brighton. In greller Farbigkeit werfen sie nicht nur einen ungeschminkten Blick auf dessen Skurrilitäten, sondern offenbaren auch die Merkwürdigkeiten menschlichen Verhaltens generell.

Natürlich sind auch Beispiele aus dieser berühmten Serie vertreten, die zwischen 1982 und 1986 entstand. Sie offenbaren das Talent Parrs, Motive durch Verschiebung des Fokus komisch zu machen. Wie bei dieser sonnenbadenden Dame, bei der die Schärfe auf dem Sand an ihren Füßen liegt. Und die gerade deshalb wie ein Alien wirkt.

Speziell für die Düsseldorfer Schau ist Parr in die Kleingärtnerkolonien der Landeshauptstadt gegangen und hat eine neue Serie angefertigt. Sie wird in der zweiten großen Ausstellungshalle des NRW-Forums gegenüber der Retrospektive gezeigt.

Auch hier zeigt sich das ganze Spektrum von Parrs Darstellungsvermögen. Von der quasi-dokumentarischen Darstellung menschlicher Obsessionen …

… über seinen Sinn fürs komische Detail …

… und seinen Fokus auf der Liebenswürdigkeit der Porträtierten und ihrer kleinen und großen Obsessionen.

Dass die auf den ersten Blick wie zufällige Schnappschüsse wirkenden Aufnahmen große Kunst sind, verrät ein Blick in den letzten Raum, der die frühe Serie "Bad Weather" des späteren Magnum-Fotografen aus den frühen 70er Jahren zeigt. Klug komponieren konnte Parr seine Fotos von Anfang an.

"Wenn die Leute beim Betrachten meiner Bilder gleichzeitig weinen und lachen, dann ist das genau die Reaktion, die die Bilder auch bei mir hervorrufen", sagt Parr. "Die Dinge sind weder grundsätzlich gut noch schlecht. Ich bin immer daran interessiert, beide Extreme darzustellen." Wie gut ihm das über die Jahre gelungen ist, kann man in Düsseldorf jetzt sehen.

"Martin Parr. Retrospektive" ist noch bis zum 10. November 2019 im NRW-Forum Düsseldorf zu sehen. Zu der im Rahmen der Ausstellung entstandenen Serie "Kleingärtner" ist auch ein Fotobuch erschienen, das im Buchhandel und im Museumsshop erhältlich ist (im Bild: Martin Parr vor einer Selfie-Tapetenwand). 

Stand: 19.07.2019, 09:00 Uhr