Diamanten, roh geschliffen. Markus Lüpertz in Wuppertal

Diamanten, roh geschliffen. Markus Lüpertz in Wuppertal

Von Thomas Köster

Den Titel "Malerfürst" findet Markus Lüpertz "widerlich". Zu Recht – auch, weil er großartige Skulpturen macht, und das aus Gips. Zu sehen sind sie jetzt im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal.

Markus Lüpertz. Der Tod, der bleiche Freier. Gipse, Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal 2018 (Ausstellungsansicht)

"Ich bin kein Bildhauer", sagt Markus Lüpertz. "Tony Cragg ist Bildhauer. Ich bin Maler-Bildhauer. Das ist etwas anderes, eine ganz andere Sicht auf die Skulptur. Das ist eine eigene Gattung." Wie sich diese eigene Gattung ausnimmt, kann man jetzt in Tony Craggs Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal bewundern.

"Ich bin kein Bildhauer", sagt Markus Lüpertz. "Tony Cragg ist Bildhauer. Ich bin Maler-Bildhauer. Das ist etwas anderes, eine ganz andere Sicht auf die Skulptur. Das ist eine eigene Gattung." Wie sich diese eigene Gattung ausnimmt, kann man jetzt in Tony Craggs Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal bewundern.

In zwei der drei Ausstellungshallen im Skulpturenpark hat Lüpertz eine große Auswahl seiner immer noch erstaunlich provokanten Skulpturen aufgefahren, die in gewohnter Weise von Anspielungen an Mythologie und Geschichte wimmeln. Sie alle sind aus Gips – ein Material, das für Lüpertz einen noch stärkeren Reiz als Bronze hat.

"Ich leide immer noch unter der Bronze", sagt Lüpertz mit der ihm eigenen sachlichen Theatralik. Die Bronze könne er nicht selber gießen: "Für mich ist es aber wichtig, dass ich den Zugriff habe." Den Gips kann Lüpertz selber formen. Deshalb ist er für ihn nicht bloßes Material für Modelle "echter" Skulpturen, sondern vollkommen eigenständig.

Fragil sei der Gips, sagt Lüpertz, aber von einer ganz besonderen Schönheit. Weil seine Oberfläche, für einen Maler-Bildhauer wichtig, Farbe gut zur Geltung bringe. "Die Oberfläche erzeugt eine Leichtigkeit, weil Gips die Farbe immer etwas weißer macht." Wie Marmor, an den zu schlagen sich der Maler in jungen Jahren versuchte, dafür aber zu ungeduldig war.

Gerade im Spätwerk ist das Weiß für Lüpertz von zentraler Bedeutung: "Diese Besiegung des Todes durch das Weiß, durch diese leichte, luftige Farbe, das hat mich am Gips interessiert." Der Ausstellungstitel - "Der Tod, der bleiche Freier" - deutet das an. Er ist einem Gedicht des Künstlers entnommen, das er eigens zur Ausstellung geschrieben hat.

Fasziniert ist Lüpertz bis heute auch von der Reliefartigkeit, die der Gips, anders und stärker wohl noch als die Bronze, der Farbe verleiht. Und sicher auch von der Möglichkeit zur spontanen Veränderung, die dem Pinselstrich vergleichbar ist. Der dramatischen, teils ins Groteske umschlagenden Kunst tut das sichtbar gut.

Seit den 1980er Jahren hat Lüpertz sein skulpturales Werk parallel zu seinen malerischen Arbeiten entwickelt. Mit der Ausstellung seiner Gipse macht er in Wuppertal deutlich, dass sich Bildhauerei und Malerei nicht wie Gegenpositionen zueinander verhalten, sondern wie zwei Beine sind, auf denen die Kunst zum Stehen kommt.

Dazu passt, dass Lüpertz die Skulptur wie einen räumlich komponierten Malgrund begreift: "Der klassische Bildhauer sieht die Skulptur immer als Volumen. Ich sehe die Skulptur immer als Fläche. Genauer: als Flächen, die aneinanderstoßen." So erklärt sich selbst die Grobheit der Form aus dem anderen Blick des Malers auf die dritte Dimension.

Beim Werk von Bildhauer-Bildhauern wisse man immer schon, wie die Form hinten entwickelt sei, sagt Lüpertz: "weil sie aus der Logik des Vorderen kommt. Bei mir können Sie hinten ganz andere Sachen erleben, weil ich an die Skulpturen immer nur in Ansichten gehe." Also sollte man die Exponate in Wuppertal, soweit möglich, unbedingt umrunden.

Eine Malerskulptur im Lüpertzschen Sinne sei "mit einem Diamanten vergleichbar, der aus Hunderten von Flächen einen Kreis ergibt". Warum es sich dabei um einen sehr roh geschliffenen Diamanten handelt, kann der Besucher mit den Erläuterungen des Künstlers im Rücken noch etwas besser verstehen.

Und dann kann er im Skulpturenpark auch noch den Gegensatz erleben zwischen der Maler-Bildhauerei eines Markus Lüpertz und der auf traditionelle Techniken basierenden – und doch teils erstaunlich innovativen – Bildhauer-Bildhauerei. Am auch technisch virtuosen Werk Tony Craggs zum Beispiel, das sich gerade in seiner Andersartigkeit wundervoll in die Landschaft fügt.

Dass Lüpertz auch Bronze kann, ist in Wuppertal trotzdem zu sehen. Zur ständigen Sammlung des Skulpturenparks gehört nämlich seit 2014 der vier Meter hohe "Paris ohne Arme" (2014) des Künstlers, dem man beim Gang von einer Ausstellungshalle zur anderen begegnet – benannt nach dem Königssohn, der laut griechischer Mythologie den trojanischen Krieg provozierte. Ohne Arme kann er – wie der Künstler – nichts mehr machen.

"Markus Lüpertz. Der Tod, der bleiche Freier" wird noch bis zum 5. August 2018 im Skulpturenpark in Wuppertal gezeigt. Ein Katalog soll in Kürze erscheinen.

Stand: 25.04.2018, 16:48 Uhr