Weiblich, queer, indigen: Neuer Blick im Museum Ludwig

Weiblich, queer, indigen: Neuer Blick im Museum Ludwig

Von Thomas Köster

Eine Frau mit Schnurrbart, Gemälde aus Brombeersaft und Kunst von einer Nonne: Die Ausstellung "Mapping the Collection" im Kölner Museum Ludwig zeigt, dass aus den USA mehr kam als abstrakter Expressionismus und Pop Art. Man muss nur die Perspektive wechseln.

Mapping the Collection, Museum Ludwig, Köln 2020 (Ausstellungsansicht)

Weiß, männlich und auf die westliche Kultur fixiert: So sieht das Bild der Kunst aus, das Museen auch in NRW seit Jahrzehnten kultiviert haben. Das ist in den letzten Jahren - zum Beispiel durch eine neue Auseinandersetzung mit Afrika oder mit weiblicher Kunst - anders geworden. Das Kölner Museum Ludwig macht nun mit Blick auf seine eigenen Bestände, aber auch durch zahlreiche Leihgaben, einen neuen Vorstoß (hier Ed Ruschas mit Brombeersaft beschriebenes Moirétuch "A Boulevard Called Sunset" von 1975) .

Weiß, männlich und auf die westliche Kultur fixiert: So sieht das Bild der Kunst aus, das Museen auch in NRW seit Jahrzehnten kultiviert haben. Das ist in den letzten Jahren - zum Beispiel durch eine neue Auseinandersetzung mit Afrika oder mit weiblicher Kunst - anders geworden. Das Kölner Museum Ludwig macht nun mit Blick auf seine eigenen Bestände, aber auch durch zahlreiche Leihgaben, einen neuen Vorstoß (hier Ed Ruschas mit Brombeersaft beschriebenes Moirétuch "A Boulevard Called Sunset" von 1975) .

"Mapping the Collection" heißt die Schau, die sich die einflussreichen 1960er und 1970er Jahre der US-amerikanischen Kunstgeschichte vornimmt: vor allem unter der Perspektive von Kunstwerken, die "von weiblichen, queeren, indigenen Künstler*innen sowie artists of colour" geschaffen wurden. Und da gibt es einiges zu entdecken, das auch die auf abstrakten Expressionismus und Pop Art abonnierte US-Kunst in einem neuen, "bunteren" Licht erscheinen lässt (Senga Nengudi, "Water Composition I", 1969/1970).

Oft geht es dabei um Fragen der eigenen, auch durch Geschlechterrollen geprägten Identität. Wie bei der kubanisch-amerikanischen Künstlerin Ana Mendieta, die sich Zeit ihres Lebens auch als ideologiekritische Feministin mit dem Körper befasste. Für ihre frühe Performance "Facial Hair Transplants" (1972) klebte sie sich die Barthaare ihres Freundes und Mitstudenten an der University of Iowa, Morty Sklar, über die Oberlippe. Und stellte damit auf ebenso einfache wie verstörende Weise das in Frage, was wir als "typisch Mann" oder "typisch Frau" erachten.

Wer weiß heute schon noch, dass einige der beeindruckendsten und damals bekanntesten Arbeiten der Pop Art von einer Nonne stammen? Corita Kent alias Schwester Mary Corita lehrte Kunst am katholischen Immaculate Heart College in Los Angeles und verwendete in ihren Siebdrucken Sprüche aus der Bibel ebenso wie Zitate von Rilke oder E .E. Cummings. Mission und Reklame verbinden sich im Layout zu eins. Aber auch Rassismus, Militarismus und Armut werden zum Thema. Nach Konflikten mit ihrer Diözese verließ sie 1968 ihren Orden.

Einige Werke räumen auf mit den romantisierenden und stereotypen Bildern, die wir kulturell bedingt oftmals von indigenem Leben in den Köpfen haben. Wer kennt hierzulande schon den grandiosen T.C. Cannon, ein Kiowa-Indianer aus Oklahoma, der mit Ironie und Witz gegen Vorurteile und Klischees über "amerikanische Ureinwohner" vorging. Und sich dabei von Matisse oder van Gogh ebenso wie von Robert Rauschenberg oder Bob Dylan inspirieren ließ (im Bild: Detail des 1972 fertiggestellten Gemäldes "All the Tired Horses in the Sun").

Überhaupt ist lobenswert, dass die Ausstellung "Mapping the Collection" nicht den Fehler macht, bei seiner Neubewertung die Männer einfach außen vor zu lassen. Sonst wäre uns die frühe Arbeit "Rimbaud in New York" entgangen, die der radikale homosexuelle Künstler David Wojnarowicz mit 24 Jahren nach einer mehrjährigen Reise durch die USA in den späten 1970er Jahren geschaffen hat.

Zwei Jahre lang ließ Wojnarowicz seine Freunde mit einer Maske des französischen Poeten Rimbaud an verschiedenen Orten in der Stadt posieren. Ausgangsfrage war, wo sich Rimbaud wohl aufgehalten hätte. Laut Wojnarowicz offenbar an Orten, an denen gesellschaftliche Außenseiter und Ausgestoßene zusammenkamen.

Es gibt also viele Neuentdeckungen. Aber auch altbekannte Arbeiten der Sammlung wie Robert Rauschenbergs "Odalisk" (1955-1968) bekommen aus der Fokussierung der Schau eine Perspektive. Man muss nur genauer hinschauen.

Grundlage von "Mapping the Collection" ist ein zweijähriges Projekt der in Chicago angesiedelten "Terra Foundation for American Art": einer Stiftung, die eine Neubewertung der US-Kunst seit der Kolonialzeit anstrebt. In diesem Rahmen konnte Kuratorin Janice Mitchell die Sammlung des Museums im Hinblick "auf postkoloniale, feministische, queere oder gender-theoretische Fragestellungen" beleuchten.

"Da geht es dann natürlich auch um die Protestkultur und die verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen", betont Mitchell. "Wie die Künstlerinnen und Künstler darauf reagiert oder sich daran beteiligt haben." Das ist einer der spannendsten, da gerade wieder hochaktuellen Aspekte der Schau.

Zum Bürgerrechtsaspekt gehören die Fotodokumente von Performances des Künstlervereinigung "Asco" aus Los Angeles. Mit ihrer dadaistischen Aktionskunst im öffentlichen Raum wurde sie im "Chicano Movement" der mexikanisch-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung groß. Und setzte dem lateinamerikanischen Machismo, der Gewalt der Straße, dem Vietnamkrieg und der Stadtpolitik von LA kostümierte Verspieltheit entgegen. Im Bild: "First Supper (After a Major Riot)" von 1974.

"Mapping the Collection" ist von Samstag (20.06.2020) bis zum 23. August 2020 im Museum Ludwig in Köln zu sehen (Louise Nevelson, "Royal Tide IV", 1959/1960).

Und dann darf man sich schon auf die Neubestückung der dahinter liegenden Räume freuen. Daran wird momentan nämlich gerade gearbeitet.

Stand: 19.06.2020, 08:00 Uhr