Welt, vergeistigt. Lyonel Feininger in Essen

Welt, vergeistigt. Lyonel Feininger in Essen

Mit drei Kabinettausstellungen würdigt das Museum Folkwang das Bauhaus-Jahr 2019. Den Auftakt macht eine Schau des Bauhaus-Lehrers Lyonel Feininger. Mit Gemälden und Grafiken, die die Welt ins Geistige transzendieren. Und mit einer bodenständigen Spielzeugstadt.

Lyonel Feininger. Museum Folkwang, Essen 2019 (Ausstellungsansicht)

Bauhaus, Feininger und das Museum Folkwang: Das ist, in gewisser Weise, ein Dreiklang. Immerhin kannten sich Bauhaus-Gründer Walter Gropius und Museums-Gründer Karl Ernst Osthaus schon seit 1909, und 1919, im Bauhaus-Gründungsjahr, wird Feininger erstmals im damals noch in Hagen angesiedelten Museum ausgestellt. Kurz darauf beruft ihn die Kunst- und Gewerbeschule als Lehrer. Hugo Erfurths Porträt des Künstlers stammt von 1922.

Bauhaus, Feininger und das Museum Folkwang: Das ist, in gewisser Weise, ein Dreiklang. Immerhin kannten sich Bauhaus-Gründer Walter Gropius und Museums-Gründer Karl Ernst Osthaus schon seit 1909, und 1919, im Bauhaus-Gründungsjahr, wird Feininger erstmals im damals noch in Hagen angesiedelten Museum ausgestellt. Kurz darauf beruft ihn die Kunst- und Gewerbeschule als Lehrer. Hugo Erfurths Porträt des Künstlers stammt von 1922.

Osthaus ist es auch, der den Grundstein für die Sammlung von Feininger-Werken am Folkwang legt. Allerdings wird der damalige Bestand im Zuge der Aktionen zur "Entarteten Kunst" in den 1930er Jahren von den Nazis konfisziert. Dass das Museum über vier Gemälde sowie rund 60 Papierarbeiten und eine Spielzeugstadt des Künstlers verfügt, ist Ankäufen aus der Nachkriegszeit zu verdanken ("Mellingen", 1915).

"Lyonel Feininger" nun präsentiert 34 Arbeiten des Künstlers, die vor allem in der Gegenüberstellung demonstrieren, wie stark Feininger romantische Motive wie Kirchen, Schiffe oder Brücken nutzte, um sie zu aktuellen Chiffren für Verknüpfungen und Übergänge zu nutzen ("Gelmeroda", 1920).

Aber es sind auch frühe Werke zu sehen, die zeigen, dass Feininger ursprünglich von der humorvollen Illustration und gesellschaftskritischen Karikatur her kam - und vom Comicstrip ("The Kin-der-Kids", 1906 für die "Chicago Sunday Tribune"). In Essen ist die 1910 und 1911 entstandene Radierung "Die grüne Brücke" zu sehen, die der Künstler augenzwinkernd mit "Leinöl Einfinger" signierte. 

Anhand der Werke lässt sich schön nachverfolgen, wie – und unter welchen Einflüssen – Feininger seinen unverwechselbaren Stil ausprägte. Wichtig war dabei unter anderem eine Reise nach Paris, wo er 1906 mit Robert Delaunay und Henri Matisse zusammentraf. Auch das Werk Vincent van Goghs war ihm vertraut; anders ist die Farbigkeit von "Dorf Alt-Salenthin" (um 1912) kaum zu erklären.

Besonders stolz ist man in Essen auf das Gemälde der rund 1.000 Jahre alten Dorfkirche des südwestlich von Weimar gelegenen Örtchens Gelmeroda, das Feininger 1926 in dem für ihn typischen Stil einer kubistischen Durchdringung der Wirklichkeit malte. Zu Recht. Denn "Gelmeroda IX" ist das einzige Gemälde der 13-teiligen Serie, das noch in Deutschland ist. Die meisten Werke befinden sich in den USA, wohin das Ehepaar Feininger 1937 vor den Nazis floh.

"Vor allem mit der Kirche von Gelmeroda hat Feininger sich über Jahrzehnte beschäftigt", sagt die Kuratorin Nadine Engel, die erst im September 2018 ans Folkwang gekommen ist. "Zudem ist das Bild mit seinem markanten Kirchturm ein schönes Beispiel dafür, wie Feininger das Gegenständliche ins Geistige transzendiert hat."

Die eigentliche Entdeckung aber ist in diesem Zusammenhang das 1927 mit Feder und Farbe geschaffene Aquarell der Kirche, in dem der markante Turm zwar schon nadelspitz verengt in den Kosmos weist, das Himmelsstürmende durch das Querformat aber zurückgenommen ist. Sie ist von einer Leichtigkeit und Zartheit, die bezaubert.

Unter den Highlights der Ausstellung ist auch das berühmte Mappenwerk "Zwölf Holzschnitte von Lyonel Feininger", das 1920 als erste Veröffentlichung des Staatlichen Bauhauses in Weimar erschien. Der von fremder Hand kongenial entworfene Einband ist ebenso zu sehen wie ein großes Foto der Weimarer Druckerei.

Besonders hübsch ist auch die Spielzeugstadt, die Feininger – ebenso wie einige der "Helden" seiner Gemälde – für seinen Sohn schnitzte. Sie verweist auf die Rolle des Kindes im pädagogischen Bauhaus-Konzept, auf das pädagogische Rahmenprogramm der Ausstellung für Sechs- bis Zwölfjährige – und auf die Ausstellung "Bühnenwelten", die die Reihe "Bauhaus im Folkwang" im April fortsetzen wird.

Insgesamt plant das Museum Folkwang im Bauhaus-Jahr drei Kabinettausstellungen, mit Werken aus seinen Beständen. Auf den eher klassischen Feininger und die innovativen "Bühnenwelten" folgt im September eine Schau mit Werken des ungarisch-amerikanischen Künstlers, Typografen und Bühnenbildners László Moholy-Nagy, der das Fotogramm als Kunstform etablieren half. Man darf also gespannt bleiben ("Gelmeroda" in den Fassungen von 1926, 1920 und 1918).

"Lyonel Feininger" ist noch bis zum 14. April 2019 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Und das Tollste: Der Eintritt ist frei. Das hätte auch den Bauhäuslern mit ihrem demokratischen Kunstverständnis gefallen (links vorne: "Leuchtbarke", um 1913).

Freier Eintritt gilt auch für die ständige Sammlung des Hauses, die man sich bei einem Besuch auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Da steckt dann auch ein bisschen Bauhaus drin. Wie dieses Gemälde von Oskar Schlemmer, der 1920 Lehrer am Bauhaus wurde und eng mit den "Bühnenwelten" der Schule verknüpft war. Dieses Gemälde entstand allerdings in einer Zeit, in der die Nazis das Bauhaus schon geschlossen hatten. Und ist entsprechend düster.

Stand: 18.01.2019, 12:17 Uhr