Aachen zeigt die "Lust der Täuschung" in der Kunst

Aachen zeigt die "Lust der Täuschung" in der Kunst

Von Thomas Köster

Fake News und alternative Fakten - was in der Politik äußerst fragwürdig ist, gehört in der Kunst seit vorantiken Zeiten zum anregenden Spiel. Das zeigt jetzt eine grandiose Schau im Ludwig Forum Aachen.

Für eine Zeitspanne von etwa 2.400 vor Christus bis in unsere Gegenwart macht die Ausstellung "Lust an der Täuschung" deutlich, wie Künstler die Wahrnehmung des Betrachters immer wieder zu täuschen versuchten. Und illustriert, dass dieser lustvolle Funke vom Künstler durchaus auf den Betrachter überspringt. Wie bei der Skulptur "Wade 1" (2016) von Oliver Herring, die eine 3D-Variante aus Foto-Collagen ist.

Für eine Zeitspanne von etwa 2.400 vor Christus bis in unsere Gegenwart macht die Ausstellung "Lust an der Täuschung" deutlich, wie Künstler die Wahrnehmung des Betrachters immer wieder zu täuschen versuchten. Und illustriert, dass dieser lustvolle Funke vom Künstler durchaus auf den Betrachter überspringt. Wie bei der Skulptur "Wade 1" (2016) von Oliver Herring, die eine 3D-Variante aus Foto-Collagen ist.

In Aachen versammelt sind rund 100 Exponate aus Malerei, Skulptur, Fotografie, Video und Design, die den Betrachter mit diebischer Freude hinters Licht führen: Die Werke rauben dem Betrachter die Sicherheit im Hinblick auf vertraute Wahrnehmungsmuster und Vorstellungen von dem, was wirklich ist (Lucy McKenzie, "Kensington 2246", 2010).

Einen Höhepunkt illusionistischer Malerei stellt das Trompe-l’œil dar, mit dem man seit der Antike unter anderem Wände und Decken hin zu vermeintlich größeren architektonischen oder himmlischen Räumen hin öffnete. Ein Himmel und Erde verknüpfendes Moment ist dieses (gemalte) "Liturgische Buch" aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, das wohl als Intarsie eines Lesepults diente.

Hans Peter Reuters "Kachelraum ohne Ding Nr. 110" (1976) schließlich verknüpft das Trompe-l’œil-Konzept mit der Op-Art - also jener Strömung, die mit ihren geometrischen Abstraktionen ab den 1960er Jahren täuschende optische Effekte erzielen wollte. Auch solche Brücken und Verknüpfungen gibt es in Aachen zu bestaunen.

Diese alte Idee illusionistischer Wahrnehmung bildet den Rahmen für eine Installationsarbeit des Aachener Künstlers Tim Berresheim, der die gezeigten Werke über seine 3D-Tapete miteinander verknüpft. Mit der entsprechenden Brille scheinen die Trompe-l’œil-Arbeiten zu schweben (Louis-Léopold Boilly, "Trompe-l’œil einer Bildrückseite mit Katze, Baumstumpf und einem vom Keilrahmen hängenden Fisch", ohne Datum)

Entsprechende 3D-Brillen liegen zu Füßen eines Exponats aus der Grabkammer eines Palastverwalters der fünften altägyptischen Dynastie. Es ist das älteste Dokument der Schau und zeigt eine Holztür mit ihrem typischen Schließmechanismus - das Exponat ist allerdings aus Sandstein.

Überhaupt gehört das Spiel mit Materialien zur "Lust der Täuschung" unbedingt dazu. So ist Lina Uchibas Totenkopf samt seiner flatternden Besetzer aus Papier ("Libitina - Rebirth", 2018)

Und manche Schuhe sind auch schon längst nicht mehr das, was sie mal waren.

Dann gibt es Werke, die ganz auf Materie zu verzichten scheinen. Wie die Lichtplastik "Elliptical Glass: Kepler 452 b" (2017) des großartigen James Turell etwa, der unsere Wahrnehmung von Raum und Fläche auf meditative Art und Weise in Frage stellt.

Ein frühes literarisches Zeugnis für das Streben der Kunst, die Natur in Perfektion nachzuahmen, ist die Legende vom Wettstreit des Zeuxis und des Parrhasius, auf die auch einige Werke der Ausstellung verweisen. Zeuxis konnte derart echt wirkende Trauben malen, dass die Vögel herbeiflogen, um sie zu picken (Pierre Gilou, Trompe-l’œil mit hängenden Trauben", 1992).

Trotzdem wurde er von Parrhasius besiegt. Denn als Zeuxis voll Ungeduld einen Vorhang beiseiteschieben wollte, von dem er annahm, dass er das Gemälde seines Konkurrenten verhüllte, musste er feststellen, dass Parrhasius den Vorhang nur gemalt hatte. Dieser Vorhang im Ludwig Forum ist allerdings echt.

Von Zeuxis und Parrhasius führt ein direkter Weg zum griechischen Mythos vom Künstler Pygmalion, der sich unsterblich in die von ihm geschaffene Skulptur einer Frau verliebt, die dann von Venus tatsächlich verlebendigt wird. Der Hyperrealist John De Andrea greift in seinem "Selbstbildnis mit Skulptur" (1980) den Mythos auf. Wobei hier das scheinbar lebendige Modell zu Kunst erstarrt.

Die Schau "Lust der Täuschung" hat das Ludwig Forum aus München übernommen, wo sie in der Kunsthalle 280.000 Besucher anlockte. Auch die Aachener Station, die, dem Sammlungsgedanken des Museums verpflichtet, noch mehr Gegenwartskunst ins Zentrum rückt, hat das Zeug zum Blockbuster (Ron van der Ende, "Barn Raising", 2914).

Das liegt an den schönen Räumlichkeiten, vor allem aber an der Qualität der gezeigten Werke. Dies sei mit Abstand "die hochwertigste Ausstellung, die unser Haus je gesehen hat", betont denn auch Annette Lagler, die stellvertretende Direktorin. Manches, wie das riesige Porträt von Chuck Close im Hintergrund, stammt aus den eigenen Beständen. Vorne: Fake-Flagge à la Jasper Johns von Sturtevant, 1966.

Der kanadische Bildhauer Evan Penny hat hyperrealistische Torsos von seiner eigenen (möglichen) Jugend und seiner eigenen (möglichen) Vergangenheit gemacht. So wie manches anders scheint, als es ist, kommt vieles halt auch anders, als man denkt. Und war vielleicht auch nicht so wie erwünscht.

Besonders stolz ist man in Aachen darüber, eine Ausstellung für die ganze Familie gemacht zu haben, bei der es auch für Kinder eine Menge zu entdecken gibt. Das stimmt, zumindest für den Großteil der Schau. Aber es gibt eine Ausnahme, die erst ab 13 Jahren empfohlen wird. Und die ist erst einmal unsichtbar (Daniel Firmans "Jade" von 2015 zwischen zwei chinesischen Van-Gogh-Kopien).

Denn die vier virtuellen Welten, die die "Lust der Täuschung" entwirft, entführen den Betrachter in phantastische Reiche, die Kinder überfordern könnten. So wie bei "Richie's Plank Experience" (2017) des Künstlertrios Richard Eastes, Toni Eastes und Daniel Todorov (links), wo man zwar am Boden bleibt, scheinbar aber auf einer schwankenden Planke über dem schwindelerregenden Abgrund der Großstadt wandelt. Eine echte Mutprobe.

Richtig heftig wird es bei Mona el Gammal. Sie verwickelt die Besucher - auf Wunsch - in eine surreale Geschichte, bei der man ganz real über eine Kliniksituation in eine Science-Fiction-Story hineingezogen wird. Die Künstlerin aus Bochum lädt in ihrer 360-Grad-Arbeit dazu ein, an einer Standarduntersuchung des "Instituts für Methode" zur Gedankenkontrolle teilzunehmen.

Im Behandlungszimmer wird man dann über die VR-Brille nicht nur Zeuge des Experiments am eigenen Körper: Man nimmt auch Teil an einem Überfall einer Widerstandsbewegung namens Rhizomat, die in die Praxis eindringt. Eine gruselige - und unglaublich echt wirkende - Dystopie über den möglichen Überwachungsstaat der Zukunft.

Da kann man wirklich froh sein, dass sich in Aachen eigentlich alles, was man zu sehen glaubt, ...

... letztendlich als Illusion entpuppt (Monika Sosnowska, "Unitiled (Corridor)", 2002).

Da bekommen selbst tausendfach gesehene und reproduzierte Werke wie die Brillo-Boxen Andy Warhols plötzlich eine ganz neue Perspektive.

"Lust der Täuschung. Von antiker Kunst bis zur Virtual Reality" ist noch bis zum 30. Juni 2019 im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen zu sehen. Zur Ausstellung gibt es einen üppig bebilderten Katalog, der sich, im Unterschied zu seinem Gegenstand, als echte Augenweide entpuppt. Ohne doppelten Boden.

Stand: 21.02.2019, 15:31 Uhr