Welten ermalen. Ernst Ludwig Kirchner in Bonn

Welten ermalen. Ernst Ludwig Kirchner in Bonn

Von Thomas Köster

Von seinem Zimmer aus bereiste der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner die Kontinente und entdeckte malend neue, in damaligen Augen exotische Welten. Das zeigt jetzt eine sehenswerte Schau in der Bundeskunsthalle.

Ernst Ludwig Kirchner. Erträumte Reisen, Bundeskunsthalle, Bonn 2018 (Ausstellungsansicht)

Die Welt, die Ernst Ludwig Kirchner in seinem Leben bereiste, bestand aus Deutschland und der Schweiz. Dennoch schuf der Expressionist exotische Szenen - und brach auch stilistisch und formal zu neuen Ufern auf. All dies ist in "Erträumte Reisen" nun zu sehen ("Stillleben mit Katze und Pfeife", 1930-1932).

Die Welt, die Ernst Ludwig Kirchner in seinem Leben bereiste, bestand aus Deutschland und der Schweiz. Dennoch schuf der Expressionist exotische Szenen - und brach auch stilistisch und formal zu neuen Ufern auf. All dies ist in "Erträumte Reisen" nun zu sehen ("Stillleben mit Katze und Pfeife", 1930-1932).

58 Gemälde, 72 Grafiken, vier Skizzenbücher sowie zehn Skulpturen sind in der Bonner Bundeskunsthalle versammelt, die hiervon einen farbenprächtigen Eindruck vermitteln. Zumindest sie sind weit gereist: Die Leihgaben aus allen Schaffensphasen stammen von 41 Leihgebern aus sieben Ländern. Hier erhält der Rahmen von "Harem" (1922) den letzten Schliff.

Bis zu seinem Freitod 1938 in der Schweiz, von den Nazis als "entartet" diffamiert, ermalte und erschnitzte sich Kirchner in seinen Wohnateliers in Berlin, Dresden, Fehman und Davos fremde Welten, ohne dem Lärm und der flirrendenden Wirklichkeit der Großstadt den Rücken zu kehren. Beides findet in den Gemälden, Grafiken und Skulpturen seinen Niederschlag ("Das blaue Mädchen in der Sonne", 1910).

Dass Kirchner sich Anregungen auch in den Museen seiner Umgebung holte, zeigen die wundervollen Exponate aus dem Museum für Völkerkunde in Dresden, das Kirchner während seines dortigen Aufenthalts immer wieder besuchte. Vor allem die afrikanischen Objekte hatten es ihm angetan.

Dieser Aspekt wird in Bonn erstmals ausführlich behandelt und in dieser Deutlichkeit offenbar. Hier die Zeichnung einer Reliefplatte königlicher Hornbläser aus dem Königreich Benin (Nigeria) auf einem Brief Kirchners an Erich Heckel und Max Pechstein von 1910.

Dabei zeigt sich, dass der Mitbegründer der Künstlervereinigung "Die Brücke" malend einen Bogen schlug zu fremden Kulturen, deren "Wildheit" und Natürlichkeit er sich einverleibte. Durchaus naiv auch im Hinblick auf das koloniale Erbe, wie die Schau unterstreicht ("Ernst Ludwig Kirchner und Erna. Doppelbildnis", 1932/33).

Dass der Titel der Ausstellung seine Berechtigung hat, zeigt sich buchstäblich an dem Bett, das Ernst Ludwig Kirchner 1919 für seine Lebensgefährtin Erna Schilling schnitzte. Die exotischen und bäuerlichen Figuren des Kopfstücks und des Längsbalkens laden den Schläfer ein zur Traumreise.

Natürlich kann auch die Bonner Ausstellung nicht ungeschehen machen, dass die ästhetische Sprengkraft, die der Expressionismus zu Zeiten seiner Entstehung hatte, aus heutiger Warte oftmals ins Dekorative umgeschlagen ist. Sie führt dem Betrachter aber dessen Radikalität in Sichtweise und Ausführung vor Augen. Das ist ein Angebot, das man nicht ausschlagen sollte ("Sitzendes Mädchen / Fränzi Fehrmann", 1910/1920).

Vor allem das Schweizer Spätwerk nach 1918, das in diesem Umfang bisher noch nicht zu sehen war, ist eine echte Überraschung. Hier offenbart sich ein Maler, der sich in dieser Lebensphase auf eine kompromisslose Art und Weise noch einmal neu erfand ("Großes Liebespaar / Ehepaar Hembus", 1930).

Ein Stockwerk tiefer laden "Malerfürsten" wie Hans Makart, Franz von Stuck oder Frederic Lord Leighton zur Audienz. Einen größeren Kontrast zwischen dieser auf Prunk und Repräsentation ausgerichteten Kunst und den völlig anders auf "Ausdruck" zielenden Werken Kirchners kann man sich kaum vorstellen. Also auch hier: Unbedingt eintreten!

"Ernst Ludwig Kirchner. Erträumte Reisen" ist noch bis zum 3. März 2019 in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen. Die "Malerfürsten" laufen noch bis zum 27. Januar.

Stand: 15.11.2018, 10:00 Uhr