Aus dem Photoshop: Lucas Blalocks Bilder in Kleve

Aus dem Photoshop: Lucas Blalocks Bilder in Kleve

Von Thomas Köster

Dreifach-Fluppe im Selbstporträt oder Wiener Würstchen überlebensgroß: Lucas Blalock "photoshopt" unseren Konsum. Das Museum Kurhaus Kleve zeigt ab Samstag die erste große Einzelausstellung des US-Fotokünstlers in Europa. Wir waren beim Aufbau dabei.

Lucas Blalock in seiner Ausstellung im Museum Kurhaus Kleve 2019

In den USA ist der 1978 in Ashevill, North Carolina, geborene Fotokünstler Lucas Blalock, gerade groß im Kommen. Er hat beim großartigen Stephen Shore studiert und viel von Jeff Wall gelernt. Sogar das New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) hat bereits seine Werke angekauft. In Europa ist Blalock noch vollkommen unbekannt. Die Ausstellung im Museum Kurhaus Kleve soll dies ändern.

In den USA ist der 1978 in Ashevill, North Carolina, geborene Fotokünstler Lucas Blalock, gerade groß im Kommen. Er hat beim großartigen Stephen Shore studiert und viel von Jeff Wall gelernt. Sogar das New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) hat bereits seine Werke angekauft. In Europa ist Blalock noch vollkommen unbekannt. Die Ausstellung im Museum Kurhaus Kleve soll dies ändern.

Versammelt sind über 70 Fotocollagen des Künstlers, die Alltagsgegenstände wie Plastikflaschen und Wassermelonen oder Handschuhe und T-Shirts auf neuartige und ungewöhliche Art und Weise, als Fetische unseres Konsumverhaltens in den Fokus rücken ("Spooning", 2019).

Wiener Würstchen spielen da eine zentrale Rolle: Mehrere Räume huldigen dem Fast-Food-Nahrungsmittel für den Hausgebrauch - weshalb es zur Eröffnung zum Beispiel Hot Dogs gab. Hier eine "Vienna Study 8" genannte, eher kleine Variante von 2014. Zumeist sind Blalocks Würstchen überlebensgroß.

Seine Objekte fotografiert Blalock seit den späten 1990er Jahren mit seiner Großformatkamera auf Negativfilm, um sie anschließend einzuscannen und am Computer neu zusammenzusetzen. So wird die analoge Geschichte der Fotografie auch im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit immer mitgedacht. "Mir ist es wichtig, dass die Bilder einen Fuß im Analogen und im Digitalen haben", sagt der Künstler. "Aber mir geht es vor allem um den Prozess der Übersetzung zwischen beiden Prozessen." ("The Seer", 2017)

Neben einer politischen Tiefe des Werks spielt auch die Kunstgeschichte eine zentrale Rolle, auch wenn diese vielleicht nicht immer zu erkennen ist. Dieses Selbstporträt mit Zigarette etwa soll an den kettenrauchenden amerikanischen Maler und Vertreter des "Abstrakten Expressionismus" Philip Guston erinnern, der sich selbst gern mit einer Fluppe im Mund ablichten ließ. Auch das wirkt heute ja politisch schon provokant.

Und bei diesem "Vanity (Collapse)" genannten Bild, das 2018 und 2019 entstand und hier gerade noch seinen Platz an der Wand finden muss, standen ganz offensichtlich die oft gruselig-überladenen Stillleben der holländischen Barockmalerei Pate.

"Auf meinen Bildern möchte ich den Ort lokalisieren, wo Arrangement auf Zufall trifft", sagt Blalock. "Wenn ich meine Objekte fotografiere, habe ich noch kein Drehbuch. Bei der Produktion passiert dann sehr viel spontan und ohne Vorbereitung." So entstehen Werke, die stark an die unbewusste und unterbewusste "automatische Schreibweise" der Surrealisten erinnern. Und die trotzdem sehr zeitgemäß sind.

Dabei gibt sich Blalock nicht die Mühe, die Verfahren und Arbeitsweisen, die zu seinen Werken führen, zu verschleiern. Im Gegenteil: Jeder soll sehen, wie seine Collagen mit Hilfe von Photoshop entstanden sind. Die Einzelteile sind als Einzelteile sichtbar, das Ganze erweckt nur aus der Ferne den Anschein von Einheitlichkeit ("shoe", 2013).

Als theoretischen Überbau beruft sich der Fotokünstler ausdrücklich auf Bertolt Brechts Begriff der "Verfremdung", der im Theater darauf abzielt, jegliche Illusion zu vermeiden und den Entstehungsprozess des Kunstwerks ausdrücklich offenzulegen. Blalocks Bilder haben trotzdem einen ganz eigenen Zauber.

In Kleve hat Blalock die Idee, Arbeitsprozesse offenzulegen, noch ein wenig weitergetrieben. Im Museum Kurhaus gibt es einen Raum, in dem die auf den Fotos abgelichteten Objekte zu sehen sind. So kann jeder Besucher selbst Bezüge zwischen Ding und Foto herstellen.

Und dann ist der Raum auch noch eine installative Collage zu Blalocks Werk. Allerdings ohne Blalocks Reisekoffer. Der ist inzwischen mit dem Künstler wieder weg.

Überhaupt kann man vor allem im unteren Stockwerk des Museums Kurhaus Kleve sehen, wie installativ Blalock arbeitet und wie stark er die Architektur des Hauses mit einbezieht (Mitte: "Teeth Billboard X3", 2019).

Oder dessen Inneneinrichtung. Da wird ein Flügel schon mal zum Stückpfeiler des eigenen Werks. Und schafft einen Assoziationsraum, mit dem der Betrachter sich auseinandersetzen kann ("Organ Music", 2016).

Wer eine großformatige Arbeit von Blalock ersteht, bekommt als Überraschung übrigens immer noch ein Werk oben drauf. Auch hinter den Bildern in Kleve kleben weitere Gimmicks. Auch wenn man sie als Besucher leider nicht sehen kann.

"Lucas Blalock. ...or Or" ist noch bis zum 26. Januar 2020 im Museum Kurhaus Kleve zu sehen. Ein Katalog mit Installationsansichten soll zeitnah erscheinen.

Eine Edition von Lucas Blalock – eine Art Selbstporträt des Künstlers als Comicpferd – ist auch im Museumsshop zu erwerben. Auflage: 30 Exemplare, mit praktischer Kordel zum Mitnehmen.

Stand: 26.09.2019, 11:00 Uhr