Louisa Clement in Aachen: Der Mensch in der digitalen Epoche

Louisa Clement in Aachen: Der Mensch in der digitalen Epoche

Von Thomas Köster

Mit ihren wie Cyborgs wirkenden Aufnahmen von Schaufensterpuppen wurde Fotografin Louisa Clement zum Shootingstar des Kunstbetriebs. Dabei geht es ihr mehr um den Menschen der digitalen Epoche, wie im Aachener Ludwig Forum zu sehen ist. Verstörend, verführerisch und hochaktuell.

Louisa Clement. Remote Control, Ludwig Forum Aachen 2019 (Ausstellungsansicht)

Wir leben im Zeitalter virtueller Reproduzierbarkeit. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz und medizinischem Fortschritt stehen wir an der Schwelle einer Zeit, die uns mit Robotern verschmelzen oder zumindest unseren Körper manipulativ optimieren lässt. Das könnte schön werden, ist aber auch gespenstisch. Wie Louisa Clements Fotos, die aus einer Zukunft zu kommen scheinen, die schon begonnen hat.

Wir leben im Zeitalter virtueller Reproduzierbarkeit. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz und medizinischem Fortschritt stehen wir an der Schwelle einer Zeit, die uns mit Robotern verschmelzen oder zumindest unseren Körper manipulativ optimieren lässt. Das könnte schön werden, ist aber auch gespenstisch. Wie Louisa Clements Fotos, die aus einer Zukunft zu kommen scheinen, die schon begonnen hat.

"Mein Ansatz ist ein ebenso konzeptueller wie visueller. Ich sehe meine Arbeit als ein Netz aus Serien und Werken, das sich mit jeder Arbeit stärker verdichtet und ein sich immer mehr vertiefendes Bild unserer Zeit zeichnet", sagt die 1987 in Bonn geborene Künstlerin. "Gliedermensch" heißen diese Serien, "Heads" oder "Avatars" (im Bild). Es geht um das Verwischen menschlicher Identitäten, um die Fragmentierung des Seins. Alles gespiegelt auf Oberfläche, von der man nicht weiß, ob noch etwas druntersteckt.

Besonders deutlich wird dies in der Serie "Heads", die 2014 und 2015 entstand. In Aachen ist die 50-teilige Arbeit komplett zu sehen. Es sind Porträts von modernen, inzwischen ohne Augen, Münder oder Haare designten Schaufensterpuppen, die Clement in den Auslagen von Modegeschäften in Großstädten Europas en passant fotografiert hat. In ihrer Monumentalität illustriert die Reihe den Verlust von Persönlichkeit im Uniformen.

Den Gedanken denkt Clement in ihren "Gliedermenschen" von 2017 weiter. Auf ihnen sind ausschnitthaft schwarze Puppen vor schwarzem Hintergrund zu sehen, deren Scharniere als Schnittstellen der Bewegung golden hervorstechen. Marionetten ohne Fäden? Dummys oder Roboter? Prothesen einer Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK), an der die Ingenieurwissenschaften schon lange basteln?

Teils legen die "Gliedermenschen" ihre Finger beinahe zärtlich über ihre (oder über andere?) Körper. Aber ist Körperlichkeit bei Wesen möglich, die nackte Oberflächen sind? Und verändert sich unser Verhältnis zum eigenen und zum fremden Körper nicht gerade in einer mehr als einschneidenden Art und Weise? Auch diese Fragen tauchen bei Clement immer wieder auf. Und lassen den Betrachter – beabsichtigt – ratloser als zuvor zurück.

Dass Clements "Bild unserer Zeit" verstörend ist, liegt in der Natur der Sache. Die Art und Weise aber, wie die Fotokünstlerin in den Fotografien, Videos, Installationen, Skulpturen und Virtual-Reality-Arbeiten dieses Bild kreiert, ist bemerkenswert. Denn die Fotos scheinen nicht von dieser Welt. Und sind doch mit einem hohen Maß an Reflexion aktueller denn je.

Dazu passt, dass Clement nicht mit einer traditionellen Fotokamera arbeitet, sondern das Objektiv eines iPhones nutzt. Also ein werbestrategisch zum Fetisch stilisiertes Objekt, das die Welt in einem in der Fotografiegeschichte bisher nicht bekannten Übermaß mit "Selfies" genannten – und doch irgendwie immer gleichen, ähnlichen – Abbildern unserer Ichs versorgt.

An der Kunstakademie in Düsseldorf war Clement Meisterschülerin von Andreas Gursky. Vorher studierte sie drei Jahre lang Malerei. Das merkt man ihren Fotos an. Teils muss man schon sehr nah an die Arbeiten herantreten, um zu begreifen, dass man kein Gemälde, sondern ein digitales Bild vor sich hat.

Überhaupt hat die Künstlerin ihr Spektrum nie aufs Fotografische beschränkt, sondern immer wieder vom flachen Bild weg erweitert. Etwa mit den 2015 entstandenen farbigen Spiegelobjekten, in denen man seinem immer anders monochromen Ich entgegentritt.

Oder mit den glatten Skulpturen, die den Gedanken von uniformer Schaufensterpuppe und virtueller Identität auf der körperlichen Oberfläche auf eine sehr befremdliche Weise zusammenfügen.

In Aachen stehen die Skulpturen in einem Raum, in dem neben Arbeiten aus der Reihe "Weapons" mit ihren abstrahierten Waffenkästen und Raketen auch Clements jüngste Virtual-Reality-Arbeit "aporias" (2018) zu sehen – beziehungsweise interaktiv zu erleben – ist.

Hier kann man im Virtuellen ganz real einer künstlichen Spezies entgegentreten und Fragen stellen. Ein Algorithmus entscheidet, ob die Antworten der Wahrheit entsprechen oder Lüge sind. In einer digitalen Zeit der alternativen Fakten kann man auf eine sehr subtil politische Art und Weise näher an der Gegenwart nicht sein.

Gleiches gilt auch für die einzige raumgreifende Installation der Schau, "Transformationsschnitt" von 2015. Sie zeigt jene Glasbrocken, in das die tödlichen Strukturen des Giftgases Sarin eingeschmolzen wurden, welches Diktator Assad in Syrien gegen die Bevölkerung eingesetzt hat. Jetzt ist es ein Stück Land Art. Schön und gespenstisch. Wie Clements Bilder eben.

"Louisa Clement. Remote Control" ist noch bis zum 26. Januar 2020 im Ludwig Forum in Aachen zu sehen.

Stand: 24.09.2019, 16:47 Uhr