Wild nach Objekten: Morsbroich zeigt "Liebes Ding"

Wild nach Objekten: Morsbroich zeigt "Liebes Ding"

Von Thomas Köster

Warum lieben wir Dinge? Kaufen sie, behalten sie, geben sie wieder weg? Im Museum Morsbroich widmet sich eine tolle Kunst-Ausstellung der Beziehung zwischen Menschen und Dingen - spannende Objekt-Kunst der etwas anderen Art.

Es ist erschreckend, im Schnitt besitzen wir Europäer Studien zufolge rund 10.000 Dinge. Warum ist das so? Was bringt uns dazu, Dinge zu erwerben? Sie zu lieben, sie zu hassen? Fortzugeben oder zu behalten? Die Schau "Liebes Ding – Object Love" geht diesen Fragen nach. Hier der Raum von Melanie Bonajo.

22 Künstlerinnen und Künstler und Kollektive sind im Museum Morsbroich versammelt, die sich mit unserer Beziehung zu den Dingen beschäftigen. Darunter das Duo Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek, die seit 1994 die sich ständig ändernde Straßenmode fotografieren. Und die Porträts nach auffallenden Ähnlichkeiten sortieren.

Auch Karsten Bott gehört zu den ausgestellten Künstlern. Seit 1988 arbeitet er als eine Art Ethnologe des eigenen "Stammes" an einem "Archiv für Gegenwarts-Geschichte". Die nach Funktionen sortierten Alltagsgegenstände erinnern vor allem die in den 1960er Jahren Geborenen an ihre Kindheit ("Von Jedem Eins", 2020). Und sie erinnern daran, dass uns Objekte von der Wiege bis zur Bahre begleiten.

"Früher nutzten die Leute wenige Dinge", sagt Bott. "Alles wurde verwendet, nichts weggeschmissen. Aber wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Was braucht man eigentlich?" Eine Frage, die sich so mancher Besucher beim Blick vom Steg in dieses überbordende Meer an Dingen – hoffentlich – stellt. 

Der Niederländer Ted Noten hat in dieser Auftragsarbeit in Acrylharz die Liebe zur Handtasche mit einem Hochzeitsbrauch verschmolzen. "Ich bat alle Familienmitglieder und Freunde des Brautpaares, Goldringe zu schenken. Diese habe ich dann in Form einer Handtasche gegossen, welche die Braut am Hochzeitstag trug." ("Ageeth’s Dowry", 1999).

Und Notens "Superbitch-Bag" (2000) demonstriert, was möglicherweise übrig bleibt, wenn sich Frauen für eine einzige Sache in der Tasche entscheiden müssten. Naja, nein: Eigentlich ist die Tasche das Ergebnis von Notens Projekt "Design Against Crime", für das der Künstler Waffen von Menschen in Amsterdam aufkaufte, die sich in ihrer Stadt nicht mehr sicher fühlten.

Eine wichtige Funktion von Dingen ist, dass man sie kaufen – und sich dadurch belohnen kann. Oder dass sie einen an Situationen erinnern, in denen man Herausragendes geleistet hat. Wie Pokale. Vika Mitrichenko hat ganz besondere Exemplare in Morsbroich zu einer Pyramide arrangiert. Diesen Pokal gibt’s für Menschen, die verpassten Chancen nicht hinterhertrauern.

Das rätselhafte Porzellan der Oma, die Erziehung der Eltern – irgendwie ist bei Mitrichenko Kunst mit Familiengeschichte verwoben. "Mein Vater entwickelte seine eigene Trainingsmethode", sagt sie auch im Hinblick auf ihre "Trophy Cups" (2013) . "Das ganze Leben drehte sich um Erfolg und Siege. Aber vielleicht wird man glücklicher, wenn man andere Werte verfolgt."

Ob man glücklicher wird, wenn man wie der Teufel Prada trägt? Egal. Zum kurzen Glück des Konsumenten gehört auf jeden Fall die Inszenierung der Ware im Shop-Theater. Für "Prada I" (1996) fotografierte Andreas Gursky diesen mystischen Schuh-Altar: ein quasireligiöser Tanz um das goldene Kalb des Kommerzes in 40 Paar Designer-Schuhen.

Und was passiert, wenn die Liebe zu den Dingen bei Frauen über den Fetisch hinaus zur nackten Obsession gerät? Davon erzählt Kathrin Ahäusers Multimedia-Webserie "Du liebes Ding" (2012-2016), aus der vier Beispiele in Leverkusen zu sehen sind. Demnach kann man offenbar mit einem Notenpult, einem Flipper, einem Flugzeugteil oder einem Laptop eine Liebesbeziehung unterhalten.

Wenn man den Gedanken zu Ende denkt, muss man es machen wie die Künstlerin Yvonne Dröge Wendel. 1992 heiratete sie einen Frisiertisch der Marke "Wendel" und trägt seither ihren Doppelnamen. Spektakulärer aber noch ist "Das Ding (Black Ball)", das die Künstlerin zur freien Verfügung an diversen Orten platziert. Jetzt eben im Museum Morsbroich.

"Die Passanten können damit machen, was sie wollen", sagt die Künstlerin. "Der 'Black Ball' ist so etwas wie schwarze Materie. Er steht für unser Verhältnis zur Objekt-Welt. Wir wissen erst sehr wenig darüber." Haben wir die Dinge in der Hand? Oder werden wir von Ihnen eines Tages überrollt?

Apropos "überrollt": Wir sind ja auf dem Weg in eine Welt smarter Objekte. Nachbestellende Kühlschränke gehören ebenso dazu wie autonome Autos. Pkw mit Hirn sozusagen. Womit wir beim "Braincar" (2015) von Olaf Mooij wären. Und der Braincar hat laut dem Künstler sogar Bewusstsein: "Ich stelle mir vor, dass das Auto sieht, wo es fährt, und dass es sich an die Fahrt erinnern kann."

"Menschen betrachten das Auto als einen Freund", sagt Mooij. "Und als mein eigenes Auto den Geist aufgab, wurde mir klar, dass sie auch sterben können."

Und wie werden Autos geboren? Auch darauf weiß Mooij eine Antwort. Künstlerisch verpackt als Mythos, zur Schau gestellt in den alchemistischen Behältnissen unserer vermeidlich so wissenschaftlich-rationalen, kapitalistischen Welt ("Relicts of a Bygone Era", 2010-2015)

Klar, wir brauchen Dinge. Aber brauchen die Dinge uns? Wer sich das "Hängende Kannenpaar" (2010) von Maria Roosen mit seiner verführerischen Oberfläche anschaut, mag dies bezweifeln. Hier treten zwei Objekte, die sich selbst genügen, in einen durchaus auch erotischen Dialog. Auch wenn sie sich hier schon wieder voneinander wegbewegt haben.

Überhaupt wäre die Welt ja ein besserer Ort, wenn wir sie nicht mit unseren Dingen überfluten würden. Mit diesem Gedanken spielt Maarten Vanden Eyndes "Plastic Reef" (2008-2012). Dafür hat der Künstler geschmolzenen Plastikmüll aus den Weltmeeren wieder in ein Korallenriff verwandelt. Ein Beispiel für den momentanen Trend der Öko-Kunst, die ihre oftmals simple Botschaft in ästhetische Formen gießt.

Da ist Machiel Braaksmas Recycling-Variante schon poetischer. Er lässt unter anderem eine Dampfbügeleisenbahn auf Maßbandschienen vor einem Wellpappebahnhof mit Knäckebrottüren halten. "Wir glauben die Dinge zu kennen", lautet sein Credo. "Dabei schlummern sie in unseren Schränken und warten darauf, zum Leben erweckt zu werden. Es ist so etwas wie Magie."

Wer im Museum Morsbroich ist, sollte unbedingt noch in die Grafiketage steigen. Die hat der unvergleichliche Simon Schubert ganz mit weißem Papier ausgekleidet und dort seine Installationen, Papierfaltungen und Zeichnungen aus Graphitstaub zu einem grellen Gesamtkunstwerk arrangiert. Und das ist wirklich eine Kunstbegegnung der schaurig-schönen Art.

"Liebes Ding – Object Love" ist noch bis zum 26. April 2020 im Museum Morsbroich in Leverkusen zu sehen, "Simon Schubert. Schattenreich" schließt eine Woche früher.

Stand: 27.01.2020, 09:00 Uhr