Kunst kreativ in Zeiten von Corona

Kunst kreativ in Zeiten von Corona

Von Thomas Köster

Inzwischen sind viele Kulturinstitutionen wieder geöffnet. Aber die Corona-Pandemie hat bei Museen, Galerien, Auktionshäusern, Künstlern und freien Kuratoren ihre Spuren hinterlassen - und kreatives Potenzial freigelegt! Wir stellen ein paar Beispiele vor.

 Galeristin Gisela Capitain unter einem Werk von Christopher Williams von 2019

Echte Kunstwerke und echte Besucher, und zwar aus aller Welt: Die fehlten der Kölner Galeristin Gisela Capitain (hier unter einem Werk von Christopher Williams von 2019). Und zwar gleich doppelt. Zum einen konnte eine Ausstellung des in Mexiko City lebenden französischen Künstlers Yann Gerstberger, die zur Art Cologne eröffnen sollte, nicht stattfinden, weil weder der Künstler noch die Kunstwerke anreisen konnten. Und dann wurde auch die für die Galerien extrem wichtige Art Cologne vom April auf den November verschoben.

Echte Kunstwerke und echte Besucher, und zwar aus aller Welt: Die fehlten der Kölner Galeristin Gisela Capitain (hier unter einem Werk von Christopher Williams von 2019). Und zwar gleich doppelt. Zum einen konnte eine Ausstellung des in Mexiko City lebenden französischen Künstlers Yann Gerstberger, die zur Art Cologne eröffnen sollte, nicht stattfinden, weil weder der Künstler noch die Kunstwerke anreisen konnten. Und dann wurde auch die für die Galerien extrem wichtige Art Cologne vom April auf den November verschoben.

Wie andere Galeristen, so hat auch Gisela Capitain aus der Not eine Tugend gemacht und die Kunst, die sie an ihrem Messestand zeigen wollte, in die eigene Galerie geholt. Der Dialog zwischen den Generationen, Kontinenten und Stilen funktioniert hier in den intimen Räumen sogar noch besser als auf der wuseligen Messe. Trotzdem ist das natürlich nur ein schwacher Ersatz. Denn es geht ja nicht nur um Umsatz. Auch der Kontakt mit den internationalen Sammlerinnen und Sammlern, für den die Art Cologne seit Jahrzehnten eine entscheidende Plattform ist, fiel in diesem Frühjahr weg (Skulpturen von Monika Sosnowska, Vexierbilder von Seth Price, Gemälde von Jadé Fadojutimi).

Um trotzdem verstärkt Publikum anzulocken, das nur nach Voranmeldung kommen sollte, bietet Gisela Capitain im Verbund mit anderen Kölner Galerien jeden Samstag alle zwei Stunden eine streng auf drei bis vier Personen limitierte "Galerien Tour" an - genauso wie zum Beispiel die Kolleginnen und Kollegen in Düsseldorf. Veranstaltet wird die Tour vom selben Ausrichter, der auch für das lange Galerienwochenende "DC Open" in Köln und Düsseldorf im September verantwortlich ist. Auch da müssen alle neue Wege gehen (Meuser, "Untitled", 2019).

Ein "neuer" Weg ist auch das Internet: für Ausstellungsräume, Museen und Galerien, die seit Corona verstärkt online gehen - mit virtuellen Showrooms, 360-Grad-Ansichten von Ausstellungsräumen, Podcasts und Videos. Auch Kurator Wilko Austermann ist hier unterwegs: Als Moderator der live gestreamten und professionell gefilmten "Palastgespräche" im Düsseldorfer Kunstpalast auf YouTube, in dem Zuschauer fragen stellen können. "Früher war die Angst groß, dass Leute, die Ausstellungen online sehen, nicht mehr ins Museum kommen", sagt Austermann. "Tatsächlich gewinnen wir aber ein neues Publikum."

Wilko Austermann ist im Ausstellungsraum "Q18" im städtisch mitgeförderten Atelierhaus "Quartier am Hafen" in Köln "Kurator 2020". Er bringt den Besuchern den Ausstellungsraum nach Hause. Er hat die Künstler Pascal Sender, Olga Federova und Guillermo Heinze beauftragt, den virtuellen "3D-Nachbau" des Ausstellungsraums im Rahmen der Reihe "Date me Digital" mit ihrer Kunst zu bestücken.

Herausgekommen ist eine Ausstellung im virtuellen Raum, die sich an den Gegebenheiten einer realen Architektur orientiert, in der Realisation aber weitaus größere Möglichkeiten eröffnet. Vom 25. Mai bis zum 7. Juni 2020 soll sie über Instagram erfahrbar werden - hier ein Still der Arbeit von Olga Fedorova mit dem Corona-Slogan "Stay At Home".

Auch die Auktionshäuser bauen ihr Angebot im Internet inzwischen beständig aus. Klarer Pionier auf diesem Gebiet ist Markus Eisenbeis vom Kölner Auktionshaus Van Ham mit seinem "Online only"-Format. Hier steht er vor einer Stadtansicht Kölns von James Webb mit dem noch unfertigen Dom von 1870. Schätzpreis: 100.000 bis 150.000 Euro. Die kommt noch ganz klassisch Ende Mai unter den Hammer - in einem auf 30 Plätze reduzierten Auktionssaal, der eigentlich Platz für über 200 Gäste bietet. Aber auch da kann man natürlich telefonisch oder online bieten.

"Online only" hingegen setzt eher auf modernere Positionen im eher niedrigpreisigen Segment. Das hat den Grund, dass man die im Internet erworbenen Exponate zwei Wochen lang zurückgeben kann. Und darauf, dass mit dem innovativen Format in höherer Taktung unter anderem auch neue Sammlerschichten der "Generation Ebay" gewonnen werden sollen. Deshalb sind die Startgebote hier auch vergleichsweise moderat taxiert. Was nicht heißt, das ein auf 300 Euro geschätztes Exponat auch schon mal Tausende bringt. Und in Zeiten von Corona steigt ja vielleicht auch die Mitbietlust.

Vor allem lässt "Online only" Raum für Experimente. Etwa durch Auktionen für einen guten Zweck, deren Erlös zum Beispiel den durch Corona ebenfalls zum Teil in Not geratenen Künstlerinnen und Künstlern zugutekommt. Oder durch thematisch kuratierte Auktionen. In der aktuellen Ausstellung dreht sich alles um Gold. Eines der Exponate: eine mittels einer mittelalterlichen Vergoldungstechnik mit 22-karätigem Blattgold belegte Schutzmaske aus wiederverwertetem Leinen, die eine Brücke schlägt zwischen Kultischem und Hygiene, Altertümlichem und Corona-Zeit.

Geschaffen hat sie der Nähkünstler Walter Bruno Brix, von dem zwei große Arbeiten ab dem 1. Juni 2020 im dann wieder geöffneten August Macke Haus in Bonn in der Ausstellung "Mit Stich und Faden" zu sehen sein werden. Hier steht er mit seinem mobilen Atelier - "nähen kann ich ja überall!" - im noch unaufgeräumten Auktionssaal bei Van Ham: Für das Auktionshaus ist er als Asien-Experte tätig. Der Erlös seiner Goldmaske geht übrigens an die Aktion Murmeltier, die bedürftige Kölner Kinder und Jugendliche unterstützt.

Natürlich hat auch Brix (hier mit anderer Maske) durch Corona Einbußen: Fest zugesagte Führungen und Vorträge diverser Museen wurden abgesagt. Aber es gibt auch Lichtblicke. So hat das Museum für Angewandte Kunst (MAKK) in Köln für eine geplante Ausstellung von Blumen in der Kunst schon Schutzmasken mit Blumenmotiven bei ihm bestellt.

Museen öffnen wieder nach dem Corona-Shutdown, mit Aufforderung zum Abstandhalten. Und auch auf den kann man ja originell hinweisen - wie hier beim Deutschen Fußballmuseum in Dortmund.

Wer Kunst vermisst, wird vielleicht selbst zum heimischen Kurator und holt sich die Kunst aus seiner städtischen Artothek für kleines Geld nach Hause: ein Mal raus, dann zehn Wochen mit einem Lieblingskunstwerk "stay at home". Hendrik Müller aus Köln hat sich nach eingehender Beratung für Gerhard Richters Offsetdruck "Auto" von 1969 entschieden.

Die Kölner Artothek hat schon seit Ostern wieder offen. Wegen Corona sind Besuche momentan allerdings nur für Einzelpersonen im Stundentakt nach telefonischer Absprache möglich. Hat den Vorteil, dass man sich ganz intim mit der grandiosen Instalation "Ultra" von Alfons Knogl und Lukas Schmenger auseinandersetzen kann. Die sollte eigentlich längst abgebaut sein, bleibt jetzt aber bis zum 13. Juni 2020. Irgend etwas Gutes muss die Pandemie ja haben.

Stand: 20.05.2020, 11:00 Uhr