Von wegen Staatskunst - Facettenreiche DDR-Malerei in Düsseldorf

Von wegen Staatskunst - Facettenreiche DDR-Malerei in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Kunst der DDR war Staatskunst, die das Leben im real existierenden Sozialismus pries. So das Vorurteil. Tatsächlich hatte vor allem die Malerei abstrakte und gesellschaftskritische Facetten. Ihr auch formaler Reichtum ist jetzt in Düsseldorf zu bestaunen. Eine Entdeckung.

"Utopie und Untergang. Kunst in der DDR, Kunstpalast, Düsseldorf 2019 (Ausstellungsansicht)

In der Deutschen Demokratischen Republik galt Malerei als wichtigstes Kunstmedium. Mit ihm sollten die Macher anschaulich und leicht verständlich die Errungenschaften des Sozialismus preisen. Viele hielten sich daran, aber einige eben nicht. Anhand von 13 Positionen aus einer Zeitspanne von den Nachkriegsjahren bis zum Mauerfall zeigt der Düsseldorfer Kunstpalast dies nun auf.

In der Deutschen Demokratischen Republik galt Malerei als wichtigstes Kunstmedium. Mit ihm sollten die Macher anschaulich und leicht verständlich die Errungenschaften des Sozialismus preisen. Viele hielten sich daran, aber einige eben nicht. Anhand von 13 Positionen aus einer Zeitspanne von den Nachkriegsjahren bis zum Mauerfall zeigt der Düsseldorfer Kunstpalast dies nun auf.

Versammelt sind rund 130 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken sowie einige wenige Skulpturen von Künstlerinnen und Künstlern aller DDR-Generationen, die das Bild einer widersprüchlichen und spannungsreichen Epoche im Arbeiter- und Bauernstaat widerspiegeln. Werner Tübkes Gemälde "Sizilianischer Großgrundbesitzer mit Marionetten" (1972) ist da noch eines der "sozialistisch-realistischsten".

Seit dem Fall der Mauer hat es keine vergleichbare museale Ausstellung dieser Art in West-Deutschland gegeben. Deshalb hat die Düsseldorfer Schau auch kunstgeschichtlich eine immense Bedeutung. Was hier, vom Westen fast gänzlich unbeachtet, blühte, ist ebenso erstaunlich wie der Umstand, dass eine solche Schau erst jetzt zu sehen ist (Wolfgang Mattheuer, "Gesichtzeigen", 1981).

Vor allem aber zeigt sie auf, dass die Kunst "von drüben" weitaus vielschichtiger war als ihr Ruf. Selbst die Gegenüberstellung von "östlichem" Realismus und "westlicher" Abstraktion lässt sich demnach nicht halten. Ebenso wenig wie das Vorurteil, dass Kunst vor allem auf Freiheit basiere (Hermann Glöckner: "Strauß mit roten und gelben Blüten", um 1948).

Das gilt auch für Künstler*innen mit Weltruf wie A.R. Penck, dessen Bilder in der DDR teils beschlagnahmt wurden und der 1980 ausgebürgert wurde. Die Ausstellung zeigt, dass er seine autonome Zeichensprache schon vor seiner Ausreise nach Kerpen bei Köln entwickeln konnte. Später war er Professor für Malerei an die Kunstakademie Düsseldorf. Im Bild: "Flugblatt (Macht-Besitz)" von 1974.

Aber selbst bei den Werken von Künstler*innen, die vom SED-Regime geachtet waren, zeigt sich eine erstaunliche Doppelbödigkeit. Hier ist vor allem der mehrmals mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnete Maler und Bildhauer Wolfgang Mattheuer zu nennen, von dem gleich mehrere Hauptwerke in Düsseldorf vertreten sind. So das symbolgeladene Gemälde "Die Flucht des Sisyphos" (1972), das problemlos als Kritik am Sozialismus gelesenen werden kann.

Oder "Die Ausgezeichnete" (1973/74), das die Vereinsamung im real existierenden Sozialismus illustriert. Wie das der Politik verborgen bleiben konnte, bleibt aus heutiger Sicht schleierhaft.

An der Kunstdoktrin eines "sozialistischen Realismus" schrappt auch Bernhard Heisig vorbei, der als einer der wichtigsten Vertreter der "Leipziger Schule" gilt und dessen "wilder" Malstil in Ost wie West anerkannt war. 1986 ließ sich Helmut Schmidt für die Galerie mit den Porträts der Ex-Bundeskanzler im Bonner Bundeskanzleramt von ihm porträtieren. Auch dieses Bild ist in der Schau zu sehen (hier: "Christus verweigert den Gehorsam", 1984-1986).

Und dann gab es neben Malerstars wie Heisig, Mattheuer oder Tübke auch noch die Frauen, die bis heute kaum beachtet werden. Darunter zum Beispiel Elisabeth Voigt, die schon im Dritten Reich eine etablierte Künstlerin war. Ihr energiegeladenes und über eine Zeitspanne von fast 20 Jahren entstandenes Gemälde "Der rote Stier" (1944-1961) veranschaulicht nicht zuletzt das Ringen der Künstler mit den Ideologien.

Von Voigt spannt die Ausstellung den Bogen bis zu Cornelia Schleime, die nach der Wende unter anderem ihre Stasi-Akten zu Kunst verarbeitet hat. Beispiele hierfür sind in der Schau ebenso zu sehen wie ihre frühen Übermalungen ("O.T.", 1983)

Wer durch die vielen Eindrücke der Schau noch nicht überfrachtet ist, sollte unbedingt ein Stockwerk tiefer in die Retrospektive des großartigen Norbert Tadeusz gehen. Dort sind rund 40 teils großformatige Gemälde und Papierarbeiten des nicht nur perspektivisch eigenwilligen Malers aus fast 30 Jahren zu sehen, die seinen Ruf als "deutscher Francis Bacon" begründet haben (noch bis 2. Januar 2020).

Und bis zum 5. Januar 2020 gibt es schräg gegenüber noch 13 Gemälde nebst einer Lichtplastik des Düsseldorfer ZERO-Künstlers Otto Piene aus der Sammlung Kemp.

"Utopie und Untergang. Kunst in der DDR" ist noch bis zum 5. Januar 2020 im Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen. Und im Museumsshop gibt es einige ostalgische Produkte.

Stand: 05.09.2019, 08:04 Uhr