Tiere stricken. "Kreaturen nach Maß" in Herford

Tiere stricken. "Kreaturen nach Maß" in Herford

Von Thomas Köster

Gott war bekanntlich der erste Designer der Weltgeschichte. Rund 6.000 Jahre später sind wir selbst in der Lage, Schöpfung zu spielen. Was das bedeutet, zeigen Gegenwartsgestalter im Marta Herford am Beispiel "Tier". Humorvoll, aber vor allem hintergründig und manchmal erschreckend ernst.

Kreaturen nach Maß. Tiere und Gegenwartsdesign, Marta Herford 2018 (Ausstellungsansicht)

Wir küssen und wir schlagen sie, wir essen und wir streicheln sie. Und manchmal gestehen wir ihnen mehr Rechte zu als unserem Mitmenschen. Unser Verhältnis zu Tieren ist ebenso widersprüchlich wie komplex. Die Ausstellung "Kreaturen nach Maß" im Marta Herford führt dies nun vor Augen (Bless, "N°60 Chairwear B", 2017).

Wir küssen und wir schlagen sie, wir essen und wir streicheln sie. Und manchmal gestehen wir ihnen mehr Rechte zu als unserem Mitmenschen. Unser Verhältnis zu Tieren ist ebenso widersprüchlich wie komplex. Die Ausstellung "Kreaturen nach Maß" im Marta Herford führt dies nun vor Augen (Bless, "N°60 Chairwear B", 2017).

In der Lippold-Galerie des Museums sind 65 Designobjekte, Videos und Konzepte versammelt, die hinterfragen, wie wir "nichtmenschliche Tiere" nutzen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Oder wie wir das animalische Miteinander verändern und - im Idealfall - verbessern können (threeASFOUR, "Plume Dress, Biomimicry Collection", 2016).

Tiere sind schön, machen aber viel Arbeit. Und Schnupfen. Jetzt müssen Allergiker nicht länger auf gewöhnungsbedürftige Nacktkatzen zurückgreifen, um in den Genuss des Schnurrens zu kommen. Einfach Dietrich Lufts "Purrrr" (2015) überstreifen und das vibrierende Geräusch auf Körper und Seele wirken lassen.

Wer sich noch eine echte Katze leisten kann, seine Wohnung aber trotz aller Liebe nicht mit einem Kratzbaum verunstalten will, ist mit "Kaze 100, Modell Fungi" (2015) von Max Kosoric und Sanne Pawelzyk gut bedient. Die Birkenstämme sind echt, die Hockgelegenheiten aus geschäumtem Kautschuk.

Tiere sollen es allerdings auch nicht immer besser haben als wir. Manchmal sogar schlechter, damit es uns besser geht. Tierversuche sind hierfür ein Beispiel. Diese Laborratte hat das Schlimmste inzwischen hinter sich. Sie gehört zu einer Generation, die im Auftrag von Finnlands Nationalem Gesundheitsinstitut systematisch alkoholabhängig gezüchtet wurde. Inzwischen wurde das Programm eingestellt.

Und was passiert, wenn genetisch veränderte Mäuse in freie Wildbahn gelangen? Dann muss man sie mit speziell gebauten Mäusefallen wieder einfangen. Die "Waltzing Mouse", die durch einen Defekt im Ohr und eine daraus resultierende Gleichgewichtsstörung ausschließlich im Kreis laufen kann, bekommt man durch Johanna Schmeers Röhre zurück ins Labor. Und eine Lautsprecher-Falle mit Vogelstimmen lockt die "Birdsong Mouse" an, die durch eine Manipulation japanischer Forscher wie ein Vogel zwitschert.

Überhaupt sind Tiere ja auch nur Menschen. Beziehungsweise Menschen Tiere. Als "GoatMan" (2015) testete dies Thomas Thwaites 2015 allein unter Bergziegen in den Schweizer Alpen im Selbstversuch. Der Anzug, den er konstruierte, um vierbeinig zu werden, ist im Marta ebenso zu sehen wie ein Dokumentarfilm. Und Thwaites' externer Magen zur Grasverdauung.

Apropos Verdauung: Tiere schmecken lecker, Massentierhaltung stößt aber sauer auf. Wie gut, dass man Fleisch inzwischen in der Petrischale züchten kann. Das Kollektiv "Next Nature Network" denkt die Idee mit In-Vitro-Fleischgerichten inklusive Rezeptbuch zu Ende.

Auf der Website des "Bistro In Vitro" können tierliebe Fleischfresser außerdem im ersten Restaurant für laborgezüchtetes Fleisch ein Menü zusammenstellen und einen Tisch reservieren. Allerdings brauchen sie einen langen Atem: Plätze gibt es erst für das Jahr 2028.

Gerichte sind ja ohnehin Old Europe. Der fortschrittsfrohe Mensch bevorzugt Fingerfood. Zum Beispiel Ponti aus der Reihe "Faked Meat" (2008) von Marije Vogelzang. Das Tier auf Sojabasis lebt laut fiktiver Biografie in leeren Vulkankratern und hat zum Graben einen festen Schwanzknochen entwickelt, den man wunderbar in die Hand nehmen kann.

Das Problem der Ernährung einer stetig wachsenden Weltbevölkerung ist ja nicht lustig. Eiweißreiche Insekten könnten Abhilfe schaffen, haben aber ein ekliges Image. In ihren essbaren Skulpturen aus dem 3D-Drucker bringt Susana Soares gemahlene Insektenleiber mit Bindemittel in eine geometrisch ansprechende Form, die zum Verzehr allerdings fast zu schade ist.

Überhaupt sind viele der in Herford gezeigten Exponate bei aller Schönheit und allem Humor doch immer auch hintergründig und ernst. So stellt Pinar Yoldas die Frage, wie sich Lebewesen im Anthropozän evolutionär an die Veränderung ihrer Umwelt anpassen könnten - etwa an die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastikmüll ("Ecosystem of Exzess", 2014).

Wie Ökologie ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten funktioniert, demonstrierten "Next Nature Network" mit ihrer gefakten Firma "Rayfish Footwear", die angeblich die Haut genetisch veränderter Stachelrochen als Schuhe anbot, bevor sie Konkurs anmelden musste. Die ganze Aktion war derart aufwändig und perfekt inszeniert, dass auch viele Medien darauf hereinfielen.

So ist das Tier vor allem ein roter Faden, um unser Verhältnis zu unserer Umwelt zu hinterfragen: gesellschaftlich, ethisch und geschichtlich. Die Ausstellung hebt damit ein Thema aufs Podest, in dem wir uns selbst bespiegeln (Konstantin Grcic, "Architecture for Dogs: Paramount", 2012).

Besonders sinnfällig wird dies bei der asiatischen Legende vom roten Schicksalsfaden, der die japanische Designerin und Popkünstlerin Sputniko ein Musikvideo widmet. Mit Hilfe von rot leuchtenden Korallen veränderte sie Seidenraupen genetisch, sodass diese einen roten Faden produzierten. Das Video ist im Marta zu sehen.

"Kreaturen nach Maß. Tiere und Gegenwartsdesign" ist noch bis zum 6. Januar 2019 im Museum Marta Herford zu sehen. Hunde müssen leider draußen bleiben. Aber vielleicht macht das Museum ja aus gegebenem Anlass für alle Hamster, Hunde und Minischweine einen Haustiertag.

Stand: 17.09.2018, 14:37 Uhr