Kunst und Natur versöhnen: die KölnSkulptur #10

Kunst und Natur versöhnen: die KölnSkulptur #10

Von Thomas Köster

Rübezahls Sitzkreise, ein Denkmal für eine ausgestorbene Baumschnecke und zwei original Abhörbäume aus China: Die KölnSkulptur #10 nimmt Bezug zu aktuellen Entwicklungen und schlägt einen Bogen von der Natur zur Kultur. Offiziell geht es erst am 1. August los, aber einiges steht schon. Wir zeigen's.

Mary Bauermeister in ihrem Garten 2017

Als sie die Künstlerliste von Kurator Tobias Berger gesehen habe, sei sie "sehr erfreut" gewesen, sagt Leiterin Susanne Stoffel vom Skulpturenpark Köln. Und zwar darüber, dass Mary Bauermeister unter den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern sei. Hier sitzt die inzwischen 85-jährige Fluxus-Legende in ihrem Garten in Rösrath-Forsbach auf ihrem "Ziegenaltar" aus Holzstammstühlen und Tiergeweihen, ...

Als sie die Künstlerliste von Kurator Tobias Berger gesehen habe, sei sie "sehr erfreut" gewesen, sagt Leiterin Susanne Stoffel vom Skulpturenpark Köln. Und zwar darüber, dass Mary Bauermeister unter den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern sei. Hier sitzt die inzwischen 85-jährige Fluxus-Legende in ihrem Garten in Rösrath-Forsbach auf ihrem "Ziegenaltar" aus Holzstammstühlen und Tiergeweihen, ...

... der inzwischen in einem neuen und erweiterten Arrangement im Skulpturenpark Köln angekommen ist: mit Astgabeln statt Ziegenhörnern als "Antennen" in den Kosmos. "Rübezahl" heißt das neue Werk, das auf eine Gedichtzeichnung Bauermeisters zurückgeht. "Mit Moos eingeatmet / geschützt und konserviert / durch handelnde Wesen / in zukünftigen Zeiten Zeugnis geben / von ALLEM, was auf Erden passiert ist / wenn die Kinder dieses Planeten zu ihrer wahren Existenz erwachen", heißt es darin.

"Rübezahl" verbindet "Kindheitserinnerungen an folkloristische Kunst, die ich in Österreich gesehen habe, mit meiner lebenslangen Faszination für die Natur und die darin lebenden Geister", sagt Bauermeister. Und er verbindet Mythos und Wissenschaft, Esoterik und Mathematik. Denn der Platz wurde von Geomanten ausgelotet, die mit ihren hellseherischen Fähigkeiten den Platz strukturiert haben. Die Stühle wurden nach der mathematischen Fibonacci-Reihung gestellt, nach der sich der für die Kunst-Harmonie so wichtige "Goldene Schnitt" berechnen lässt. Es lohnt sich, näher hinzusehen, um alle Details zu erkennen. Manche Geister haben nämlich extrem kleine Stühle.

Bauermeister hat sich in den letzten Monaten sehr intensiv mit dem Park auseinander gesetzt. Besonders froh ist sie, dass ihr "Rübezahl" in unmittelbarer Nachbarschaft zu Lois Weinbergers "Spur" stehen darf: einer der vielen subtilen Eingriffe in die Struktur des Gartens - der österreichische Künstler hat damit dem Wildwuchs seit 2015 wieder einen Rahmen eröffnet. "Jeder Park ist auch eine Verletzung der Natur", sagte der im April 2020 verstorbene Weinberger damals. "Ich führe die Verletzung weiter. Meine Verletzung wird aber zur Vielfalt führen." Und genauso ist es gekommen.

Bauermeisters "Rübezahl" und Weinbergers "Spur" ziehen einen roten Faden, der viele Arbeiten des Skulpturenparks verknüpft. Der vor Ort offen zu Tage tretende Widerspruch von Natur und Kultur wird dabei Thema. Wie in Mandla Reuters sanft subversiver Skulptur "Der Park" (2011), bei der ein Baum dem Besucher den eigentlich ja bequemen Wanderweg versperrt. Diesmal lohnt es sich besonders, nicht einfach auszuweichen, sondern stehenzubleiben, denn ...

... zur KölnSkulptur #10 hat die türkische Künstlerin Ayşe Erkmen Reuters Platane mit einer bronzenen Schnecke besetzt. Ihr "Lonesome George" ist die originalgetreue Nachbildung jener einsamen Baumschnecke, die Anfang 2019 als letzte ihrer Art in einem hawaiianischen Forschungsterrarium starb. "Lonesome George" ist Grabstein, Mahnmal für den menschengemachten Schwund der Artenvielfalt und Hoffnungsschimmer zugleich.

Wie bei Dane Mitchell: Denn dessen "Post hoc", das 2019 schon im neuseeländischen Pavillon auf der Biennale von Venedig zu sehen war, sieht auf den ersten Blick zunächst einmal aus wie ein stinknormaler Baum. Der zweite Blick offenbart dann, dass dieser Baum künstlich ist. Und der dritte Blick erkennt die Antennen im Geäst. Die Skulptur ist nämlich ein Original der chinesischen Abhör-Industrie - wie auch immer Mitchell das da rausgeschmuggelt hat. Wobei "Post hoc" weniger aufnimmt und empfängt, als vielmehr aus Lautsprechern Begriffe verlorener Dinge sendet, die der Künstler aus der Ferne einspielt.

Manchmal unterstützt die Technik aber auch natürliches Wachstum. Beim Ensemble des in Hong Kong lebenden chinesischen Künstlers Trevor Yeung zum Beispiel stützt eine Straßenlaterne einen jungen Ginkgo-Baum. Aber nicht nur das: Nachts bestrahlt sie ihn auch noch mit einem speziellen pinkfarbenen Pflanzen-Wachstumslicht, das bei geschlossenem Park von der angrenzenden Straße gesehen werden kann.

Und das auf Aluminium aufgezogene Foto zweier schlüpfender Reptilien der estnischen Installationskünstlerin Katja Novitskova zeigt Tiere, die ihre Unschuld noch nicht durch Wissensaneignung und Nahrungsaufnahme verloren haben. Und in ihrer Vergrößerung doch schon ziemlich bedrohlich wirken.

So oder so fügen sich die neuen Arbeiten von KölnSkulptur #10 nahtlos ins Gesamtkonzept des 1997 auf eine Privatinitiative des Kölner Sammlerehepaares Michael und Dr. Eleonore Stoffel gegründeten und über Stiftungsgelder finanzierten Skulpturenparks ein. Seitdem waren immerhin zeitgenössische Außenskulpturen von über 150 international renommierten Künstlern und Künstlerinnen zu sehen, von denen einige im Park verblieben sind. Darunter Rosemarie Trockels "L' Arc de Triomphe (Der armselige Baum / Die Zuwenignis) von 2006 (hier ein Detail) ...

... oder "Untitled" (1999) des italienischen Bildhauers Mauro Staccioli, die in ihrem geometrisch-minimalistischen Kontrast zur Umgebung vergleichsweise brachial daherkommt. Passt trotzdem super.

Jährlich kommen übrigens bis zu 100.000 Besucherinnen und Besucher im Skulpturenpark vorbei. Und trotzdem findet man auf dem rund drei Hektar großen Terrain direkt am Rhein noch die ein oder andere lauschige Parkbank, zum Beispiel von Jenny Holzer. Oder man kommt mit Freunden. Dann kann man Heimo Zobernigs "Spartakus Catering" (1999/2001) sogar Picknick machen. Unter Wahrung der in Corona-Zeiten angesagten Sicherheitsregeln natürlich!

SkulpturKoeln #10 ist noch bis zum Sommer 2022 als Teil der Gesamtschau im Skulpturenpark Köln zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Stand: 04.07.2020, 08:00 Uhr