Nie mehr Establishment: "Köln 68!" im Stadtmuseum

Nie mehr Establishment: "Köln 68!" im Stadtmuseum

Von Thomas Köster

"Berlin brennt, Köln pennt" - so verspottete die Berliner Studentenrevolte ihre Kölner Kinder. Dass Umbruchswille und Protest aber durchaus von der Spree an den Rhein schwappten, zeigt die Ausstellung "Köln 68!" im Stadtmuseum.

Nie mehr Establishment: "Köln 68!" im Stadtmuseum

"Berlin brennt, Köln pennt" - so verspottete die Berliner Studentenrevolte ihre Kölner Kinder. Dass Umbruchswille und Protest aber durchaus von der Spree an den Rhein schwappten zeigt die Ausstellung "Köln '68!" im Stadtmuseum.

"Köln 68! Protest. Pop. Provokation", Kölnisches Stadtmuseum 2018 (Ausstellungsansicht)

Dass auch Köln Revolte konnte, wissen Leser spätestens seit Ulla Hahns Bestseller "Spiel der Zeit", dessen Heldin aus der Provinz in die aufmüpfige Großstadt kommt. Im Stadtmuseum wird dies durch ein großes Foto sinnfällig gemacht. Es zeigt Studierende, die im Mai 1968 aus Protest gegen die Notstandsgesetze das Uni-Hauptgebäude besetzen und zu Ehren Rosa Luxemburgs umwidmen.

Dass auch Köln Revolte konnte, wissen Leser spätestens seit Ulla Hahns Bestseller "Spiel der Zeit", dessen Heldin aus der Provinz in die aufmüpfige Großstadt kommt. Im Stadtmuseum wird dies durch ein großes Foto sinnfällig gemacht. Es zeigt Studierende, die im Mai 1968 aus Protest gegen die Notstandsgesetze das Uni-Hauptgebäude besetzen und zu Ehren Rosa Luxemburgs umwidmen.

Ansonsten wurde auch in Köln in der Studentenschaft viel geredet, diskutiert - und gedruckt. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viele Bäume allein für jene Flugblätter haben sterben müssen, die auf diesem "Instrument zur Vervielfältigung politischer Forderungen" entstanden. Die Kölner Ausstellung ist deshalb auch sehr textlastig geraten. Man sollte etwas Zeit zum Lesen mitbringen.

Dabei macht die Gegenüberstellung der historischen Dokumente deutlich, wer da mit welchen Interessen wie aneinandergeriet. Dass die "Achtundsechziger" eigentlich schon ein paar Jahre früher begannen. Und dass dabei nicht immer nur hehre Ideale eine Rolle spielten, sondern teils auch die den grausamen Gesetzen des Kapitalismus geschuldete blanke Not.

Um 1968 begann auch die Sexualisierung der Werbung. Und die Entdeckung des weiblichen Körpers als politische Waffe. Da macht der Beitrag der Kölner Studentenzeitschrift "Perspektiven" zur "Enteignet Springer!"-Kampagne keine Ausnahme. Vielleicht sollte man auch über das teils reaktionäre Frauenbild der 68er einmal diskutieren.

Mit Zeitschriften wie "twen", die maßgeblich von den Düsseldorfern Willy Fleckhaus und Heinz Edelmann gestaltet wurde, oder mit der berühmten Reklame für die Kölner Getränkemarke "Afri Cola" des Düsseldorfers Charles Wilp spielte der Zeitgeist die ganze "Klaviatur des Weiblichen" - Wolf Vostells grandiose Lippenstift-Schreibmaschine "Madison Avenue, Literatur 4" von 1969, die dem Stadtmuseum gehört, wirkt da wie ein Symbol.

Überhaupt war Köln in den späten 60er Jahren künstlerisches Sammelbecken der Avantgarde. Das lag nicht zuletzt an Mary Bauermeister, die in ihrem Atelier in der Lintgasse alles versammelte, was in der bildenden Kunst und Neuen Musik später Rang und Namen hatte. Bauermeisters multiperspektivische "Linsenkästen" galten damals aber selbst für einen Kölner Museumsdirektor wie Kaspar König als "Weiberkram". Karriere machte sie dann in New York.

In Köln staute sich eben auch der Muff von tausend Jahren unter den prunkvollen Karnevalskappen des Establishments. Ins Visier des studentischen Protests gerieten auch die Schützenfestzielscheiben der rheinischen Provinz. Das deutet die Schau mit ihren Exponaten an, ohne es groß auszuführen. Aber die Dinge sprechen ja oft ohnehin für sich selbst.

Wer das Getümmel der Demonstrationen über hatte, der konnte im heimischen Wohnzimmer Straßenkampf spielen. Mit "Mai 68" nämlich, das schon wegen seiner Regellosigkeit wohl kaum eine Chance hatte, "Spiel des Jahres" zu werden. Wild wie die Achtundsechziger eben. Aber irgendwie auch geprägt vom offiziell als spießig geltenden Wunsch nach geselligem Beisammensein.

Heinz Edelmann hat einmal gesagt, die Achtundsechziger mit ihren poppig im Flower-Power-Stil angemalten Rolls-Royces seien muffig und nur für die Reichen eine Befreiung gewesen. Die späten 1950er Jahre hätten Farbe und Freiheit ins Leben gebracht. Das ist sicher, auch in Bezug auf die Kölner Revolte, übertrieben. Aber ein bisschen etwas dran ist vielleicht auch.

Die letzten Agitprop-Plakate sind in Köln jedenfalls inzwischen gemalt. Zu dokumentarischen Installationen gruppiert, vermitteln sie gemeinsam mit den historischen Dokumenten einen recht guten Eindruck davon, was die Zeit bewegte. Auch wenn nur Berlin gebrannt hat.

"Köln 68! Protest. Pop. Provokation" ist noch bis zum 24. Februar 2019 im Kölnischen Stadtmuseum zu sehen. Wer wissen will, wie die Zeit der Revolte zur Mode der Gegenwart geworden ist, muss nur mal durch Kölns Straßen schlendern.

Köln 68! Protest. Pop. Provokation

WDR 3 Kultur am Mittag | 19.10.2018 | 08:22 Min.

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Stand: 18.10.2018, 16:14