Sand fürs Getriebe. Klaus Staeck in Essen

Sand fürs Getriebe. Klaus Staeck in Essen

Von Thomas Köster

Mit seinen provokanten Collage-Plakaten hat Klaus Staeck das politische Bewusstsein der Bundesrepublik künstlerisch geprägt wie kein anderer. Das Museum Folkwang widmet ihm eine große Retrospektive.

Klaus Staeck

"Ich bin ein Störer der bequemen Verhältnisse", sagt Klaus Staeck. Mit dieser Einstellung ist der Heidelberger Grafiker, Verleger und Jurist seit den 60er Jahren zu einem der einflussreichsten politischen Künstler geworden. In den Dekaden von Waldsterben, Wettrüsten und Atomkrafthype hingen seine Plakate zum Entsetzen vieler Eltern in den Jugendzimmern der Republik.

"Ich bin ein Störer der bequemen Verhältnisse", sagt Klaus Staeck. Mit dieser Einstellung ist der Heidelberger Grafiker, Verleger und Jurist seit den 60er Jahren zu einem der einflussreichsten politischen Künstler geworden. In den Dekaden von Waldsterben, Wettrüsten und Atomkrafthype hingen seine Plakate zum Entsetzen vieler Eltern in den Jugendzimmern der Republik.

Mit seinen Druckerzeugnissen – Plakate, Postkarten, Aufkleber – erzielte Staeck dabei nach eigener Aussage in den rund 40 Jahren seines Schaffens eine Auflage von rund 28 Millionen Exemplaren. In chronologischer Reihung und Petersburger Hängung von rund 200 Originaldrucken ist im Museum Folkwang nun zu sehen, was den Künstler wann beschäftigt hat.

"Sand fürs Getriebe" heißt der subtile Titel der Retrospektive. Im Gegensatz zu vielen auch sozial engagierten Grafikern steht bei Staeck das Plakat nicht am Ende, sondern am Anfang des Prozesses. Staeck versteht sich nicht vorrangig selbst als Sand im Getriebe politischer, ökonomischer oder gesellschaftlicher Apparaturen, sondern er will die Bürger dazu animieren, dies zu sein.

"Demokratiebedarf" nennt Staeck seine Werke, die allesamt Statements für den Parlamentarismus sind: "Als Künstler fühle ich mich da als Mitarbeiter". In diesem Sinne habe er immer öffentlich wirken wollen, sagt Staeck. Auch mit den wenigen skulpturalen Werken, die in Essen zu sehen sind. Hier die "Schnabeltasse für pensionierte Diktatoren" (1970): ein Ölkännchen mit Schlagring-Griff.

In der Retrospektive sind aber auch Holzschnitte aus der Frühzeit Staecks zu sehen, die zwischen 1964 und 1969 entstanden und einem strengen Formwillen verpflichtet sind. Und eine in den 80er Jahren entstandene Fotoserie zur "schönen Industriestadt" Bitterfeld, in der Staeck seine Jugend verbrachte, bevor er 1956 nach dem Abitur aus der DDR ausreiste.

Mit seinen Arbeiten habe er sich immer an den Stärksten vergriffen, sagt Staeck. Das hat ihm 41 Prozesse eingebracht, unter anderem auch wegen dieses damals öffentlich heftig diskutierten Plakats, das er 1988 für Greenpeace entwarf. Gewonnen hat er sie alle. Zum Glück. Bei Streitwerten bis zu 300.000 D-Mark hätte ihm alles andere beruflich das Genick gebrochen.

Obwohl er als Jurist ein gutes Examen machte ("Das erstaunt mich bis heute"), hat sich Staeck nie selbst verteidigt: "So was ist immer ein Fehler". Überhaupt habe er Jura ja nur deshalb gewählt, weil dies das Studium mit der längsten Studienzeit gewesen sei: "Zehn Semester! Da dachte ich: Fünf Jahre Zeit, um dich mit deinen künstlerischen Sachen durchzusetzen."

1970 hatte Staeck (2.v.l.) mit seinem großen Vorbild und Freund Joseph Beuys (links daneben) noch erfolglos versucht, zum Kölner Kunstmarkt eingelassen zu werden. Auf der Nachfolge-Veranstaltung, der Art Cologne, hat er regelmäßig einen Stand. Aber ist nicht auch die Essener Schau, die seine Werke von der Straße in die heiligen Hallen des Museums holt, irgendwie Verrat?

Nein, sagt Staeck. Und antwortet wieder mit Beuys, mit dem er diese Diskussion schon damals hatte: "Museen sind gut, hat der gesagt. Da regnet es nicht rein, und im Winter ist es beheizt." Vor allem aber seien Museen ja auch öffentliche Räume, und das Museum Folkwang sogar ein besonders vorbildlicher öffentlicher Raum: Immerhin sei der Eintritt schon seit Jahren frei.

Die Zeit, in der Staeck mit seinen politischen Aktionen bis zu 7.000 zahlende Teilnehmer etwa in die Essener Grugahalle lockte, sind ohnehin vorbei. "So etwas würde ich nie mehr machen", sagt Staeck, der damals finanziell das volle Risiko trug, mit Blick auf eine träge und unsolidarischer gewordene digitale Masse. Resignieren will er aber nicht: "Die Zeiten müssen sich halt wieder ändern."   

"Nichts ist erledigt", lautet demnach das zutiefst antibürokratische, auch ein wenig melancholische Resümee Staecks, das sich als Motto auch in der Ausstellung mehrmals wiederfindet. Es bleibt also zu hoffen, dass Staeck, der der politischen Bewusstseinsbildung einer ganzen Generation den Stempel aufgedrückt hat, in der Epoche des GroKo-Stillstands noch lange weitermacht.

In einer Welt, die auf Fake News und Shitstorms fußt, scheint die Essener Retrospektive zum 80. Geburtstag des Plakatprovokateurs jedenfalls angemessener denn je. Dem Zeitgeist setzt Staeck sein Demokratieverständnis entgegen, das politisch Andersdenkende respektvoll "als Gegner, nicht als Feind" begreift. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch.

"Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe" ist noch bis zum 8. April 2018 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Verlag von Staecks langem Freud und Wegbereiter Gerhard Steidl erschienen – und eine teils immer noch verstörende gestalterische Augenweide – ist.

Stand: 09.02.2018, 09:37 Uhr