Bundeskunsthalle zeigt legendären Martin Kippenberger

Bundeskunsthalle zeigt legendären Martin Kippenberger

Von Thomas Köster

Eine sympathische Kommunistin, betrunkene Laternen und ein Selbstporträt als Spiderman: Martin Kippenberger war das Enfant Terrible der deutschen Kunst. Eine Retrospektive in der Bonner Kunsthalle präsentiert sein Werk ab Freitag in seiner ganzen Vielfalt.

Martin Kippenberger. Bitteschön Dankeschön, Bundeskunsthalle, Bonn 2019 (Ausstellungsansicht)

"Ich bin Martin Kippenberger und ihr nicht." Mit dieser provokanten These positionierte sich der 1963 in Dortmund geborene und 1997 in Wien gestorbene Maler, Grafiker, Bildhauer, Konzeptkünstler, Selbstdarsteller, Provokateur und notorische Trinker in den 1980er Jahren im Kunstbetrieb. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Denn Kippenberger versuchte nicht Ich, sondern Alle zu sein. Wie jetzt in Bonn zu sehen, bezog er dem entsprechend Inspirationen vor allem aus dem Alltag mit in sein Werk ein. Im Bild: "Ohne Titel (Lieber Maler, male mir)", 1981.

"Ich bin Martin Kippenberger und ihr nicht." Mit dieser provokanten These positionierte sich der 1963 in Dortmund geborene und 1997 in Wien gestorbene Maler, Grafiker, Bildhauer, Konzeptkünstler, Selbstdarsteller, Provokateur und notorische Trinker in den 1980er Jahren im Kunstbetrieb. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Denn Kippenberger versuchte nicht Ich, sondern Alle zu sein. Wie jetzt in Bonn zu sehen, bezog er dem entsprechend Inspirationen vor allem aus dem Alltag mit in sein Werk ein. Im Bild: "Ohne Titel (Lieber Maler, male mir)", 1981.

"Bitteschön Dankeschön" haben die Macher der Retrospektive die Ausstellung betitelt. Und treffender könnte man das Werk Kippenbergers wohl kaum umschreiben. Es besteht aus einem ständigen Geben und Nehmen, einer Verarbeitung von Wissen und Erlebnissen, garniert mit Slapstick und Kalauereien. Denn vor allem auch den Humor reizte der Künstler in virtuosem Dilettantismus bis an die Schmerzgrenze aus. Hier steht der Scooter von 1991 noch neben der Spur, inzwischen ist er auf der Schiene.

In diesem Rahmen stellte sich Kippenberger in einer Atelierinstallation in der Pose des Superhelden Spiderman dar - ein Superheld allerdings, der sich in seinen eigenen gesellschaftlichen und künstlerischen Vernetzungen hoffnungslos verstrickt.

Fast 400 teils überlebensgroße Arbeiten sind nun in der Bundeskunsthalle versammelt, die einen grandiosen Überblick geben über Kippenbergers Leben und sein Kunst verbindendes Schaffen ("98/99: Familie Hunger", 1985).

Darunter sind auch Berühmtheiten wie die "Sympathische Kommunistin" (1983) aus dem Kölner Museum Ludwig, die hier noch einer letzten Prüfung durch die Restauratorinnen der Bundeskunsthalle standhalten muss.

Neben Dada und Fluxus bilden Joseph Beuys und Andy Warhol zwei wichtige Eckpunkte. Von Beuys übernahm Kippenberger, der 1978 gemeinsam mit der Galeristin Gisela Capitain in Berlin "Kippenbergers Büro" eröffnete, den erweiterten Kunstbegriff, von Warhol den Hang zur Idee als eigentlicher künstlerischer Leistung. Hier ein Detail aus "Ohne Titel (Lieber Maler, male mir)" von 1981.

Apropos "Lieber Maler, male mir": Die 12-teilige Serie schuf ein Plakatemaler nach Kippenbergers Fotos.

Beeindruckend sind auch die Skulpturen Kippenbergers: vor allem schwankende Laternen aus der Sicht von jenen Strichmännchen, die Witzezeichner in den 1960er und 1970er Jahren gerne mit einer Weinflasche, roter Nase und Nebel über dem Hut eben an Laternen lehnten. Links: "Ohne Titel (Selbstporträt)" von 1988.

Oder eben vermeintliche Architekturen wie der ironische "Entwurf für ein Müttergenesungswerk in Gütersloh" (Mitte) aus Europaletten. Ebenfalls im Bild: "Studentenwohnheim in Riad" (links, 1985) und "Entwurf für ein Müttergenesungswerk in Paderborn" (1985). Dahinter unter anderem Gemälde der Serie "Ertragsgebirge" (1985).

Legendär ist Kippenbergers Hang zu Saufgelagen, die wie seine Reisen Grundlage wurden für sein Werk. In Bonn sind unter anderem - natürlich übermalte - Hotelrechnungen zu sehen. "Jedes Fest war ein Fest, aber zugleich auch Bühne und Rohstoff für neue Werke", heißt es in der Biografie seiner Schwester Susanne Kippenberger. Wie in dieser süchtigen Feierlaune ein derart großartiges und umfangreiches Oeuvre entstehen konnte, fragt man sich trotzdem ("Paris Bar 1991", 1993).

Die vielleicht eindrücklichste Installation des "Netzwerks Kippenberger" ist aus verständlichen Gründen nicht zu sehen: jene 1993 begonnene weltumspannende fiktive U-Bahn, die mit dem Beuys'schen Diktum von der sozialen Plastik spielt. Von der U-Bahn stehen immerhin einige "Eingänge" und "Entlüftungsschächte" auf der Kykladeninsel Syros, in der Schweiz und im Schwarzwald (hier: Schienenkreisinstallation "Ohne Titel", 1991).

Egal, denn trotzdem kann man in Bonn unter die Oberfläche eines großen deutschen Künstlers blicken. Da müssen sich die Macher nicht schämen. Der Künstler sowieso nicht. (Vorne: "Bitte nicht nach Hause schicken", 1983. Hinten: "Martin, ab in die Ecke und schäm Dich", 1989/90).

"Martin Kippenberger. Bitteschön Dankeschön" ist noch bis zum 16. Februar 2020 in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, mit einem ebenso ausführlichen wie klug einführenden Essay der Kuratorin Susanne Kleine (Im Bild: "Dinosaurierei", 1996).

Stand: 30.10.2019, 12:10 Uhr