Kunst für alle: Keith Haring in Essen

Kunst für alle: Keith Haring in Essen

Von Thomas Köster

Tanzende Männchen, bellende Hunde und fliegende Untertassen: Mit seinen oft aus einem Strich bestehenden Figuren gilt Keith Haring als einer der wichtigsten Vertreter der Pop Art der 1980er Jahre. Das Museum Folkwang widmet ihm nun eine umfassende Schau. Zum Wiedererkennen und Neuentdecken.

Keith Haring, Museum Ludwig, Essen 2020 (Ausstellungsansicht)

Seine großflächigen Bilder malte Keith Haring in New York gern im öffentlichen Raum. Oder im Atelier auf dem Boden, mit zur Straße hin geöffneten Türen. In einer seiner letzten Tagebuchaufzeichnungen Ende der 1980er Jahre erinnert er sich an die Gespräche mit Passanten: "Es war wunderbar, völlig unterschiedliche Meinungen, Ideen und Kommentare zu den gleichen Kunstwerken zu hören."

Seine großflächigen Bilder malte Keith Haring in New York gern im öffentlichen Raum. Oder im Atelier auf dem Boden, mit zur Straße hin geöffneten Türen. In einer seiner letzten Tagebuchaufzeichnungen Ende der 1980er Jahre erinnert er sich an die Gespräche mit Passanten: "Es war wunderbar, völlig unterschiedliche Meinungen, Ideen und Kommentare zu den gleichen Kunstwerken zu hören."

Eine einfache Bildsprache, die selbst Passanten schnell erfassen können und die trotzdem so vielfältig ist, dass die Menschen sie ganz unterschiedlich deuten: Das wollte Haring mit seiner Kunst.

Hierfür entwickelte er ein Strichmännchen-Alphabet, mit dem selbst komplexe menschliche und politische Themen behandelt werden konnten. Und das er nicht nur auf Gemälden, sondern auch auf Konsumartiteln reproduzieren konnte.

Wie demokratisch Haring seine zu einer eigenen Marke mit Wiedererkennungswert entwickelten Werke anlegte, kann man jetzt in Essen bestaunen. "Keith Haring" versammelt rund 200 Exponate, darunter Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Druckgrafiken, Plakate, Videoarbeiten, Schallplattencover und Flyer. Alle nach dem Motto des Künstlers "Art is for everybody".

Darunter sind frühe Arbeiten aus den späten 1970er Jahren, in denen Haring nach seinem Umzug aus der Provinz nach New York an der School of Visual Arts studierte, ...

... vor allem aber seine ikonischen Werke, die er zum Teil nicht auf Leinwand, sondern auf Vinylplanen malte.

Oder auf ungewöhnliche Objekte.

Um sein Publikum zu erreichen, wartete Haring nicht, bis es zu ihm kam. Er ging dorthin, wo er es fand: Auf die Straße oder in die U-Bahn. Dabei machte er die Stadt als Projektionsfläche nicht nur zum Gegenstand, sondern auch zum Untergrund seiner Figuren. Der Akt des Malens war dabei als dialogische Performance fast so wichtig wie das spätere Werk. Street Art im besten Sinn.

Das zeigen vor allem auch Harings später auf Leinwand variierte "Subway Paintings", die der Künstler mit Kreide und schnellem Strich auf die schwarzen Wände leerer Werbeflächen in der New Yorker U-Bahn zeichnete: Bis zu 40 am Tag.

Je bekannter Haring wurde, desto schneller wurden sie gestohlen - ein Phänomen, das man heute von Banksy kennt. Dass einige davon in Essen zu sehen sind, grenzt also ein wenig an ein Wunder.

Haring ging es auch darum, sein Publikum wachzurütteln und zum Nachdenken zu bewegen. Hierzu schreckte er auch vor provokanten Fake News nicht zurück. Das zeigen die an Titelseiten der "New York Post" erinnernden Collagen, die der Künstler aus Zeitungsschnipseln neu zusammenstellte und als Flugblätter auf der Straße verteilte. In Essen sind sie originell aufgehängt.

So demokratisch Harings Botschaft war, so kollaborativ war auch seine Arbeitsweise. Als in der New Yorker Szene bestens vernetzter Künstler kannte er nicht nur Andy Warhol, Grace Jones oder Jean-Michel Basquiat, mit denen er gut befreundet war.

Er arbeitete auch intensiv mit anderen Künstlern zusammen. Hier ein Werk von Haring und dem Graffitikünstler Angel Ortiz alias LA II auf der typisch gelben Motorhaube eines Taxis von 1982.

Militärische und zwischenmenschliche Gewalt, Korruption und atomare Bedrohung, Massenmedien und Sex and Crime. Das waren Harings Themen ebenso ...

... wie die urbanen Mythen und Phantasmagorien der US-amerikanischen Gesellschaft.

Und - als homosexueller Künstler im New York der 1980er Jahre: Aids natürlich. Bei ihm selbst wurde die Krankheit 1988 diagnostiziert. Aber schon vorher taucht sie auf seinen Bildern auf. 1990 stirbt er an den Folgen der Erkrankung.

Da trifft es sich gut, dass im Museum Folkwang neben der großen Haring-Schau auch eine Ausstellung mit Aids-Aufklärungsplakaten aus verschiedenen Ländern zu sehen ist: "Rettet die Liebe!" zeigt dabei nicht zuletzt, wie unterschiedlich die Nationen (hier Australien) über Aids informierten.

"Es gibt ein Publikum, das ignoriert wird", notierte Haring kurz vor seinem Tod über den Kunstbetrieb in sein Tagebuch. "Aber das bedeutet nicht, dass sie ignorant sind. Sie sind offen für die Kunst, wenn die Kunst offen ist für sie." Ob die Essener Schau Haring in diesem Sinn ein neues Publikum erschließt, bleibt abzuwarten. Viele Besucher wünscht man ihr trotzdem.

Denn das, was hier zu sehen ist, wirkt in Zeiten von Populisten wie Donald Trump und Pandemien wie Corona überraschend aktuell. Auch das kann man in der schön gehängten Ausstellung schnell erfassen. Und beim Stehenbleiben noch vertiefen.

Manche Bilder sind ohnehin so überraschend, dass man Haring sogar neu für sich entdecken kann.

Und die teils so halluzinierend wild und gewalttätig wirken, als hätten Hieronymus Bosch und Robert Crumb im Drogenrausch gemeinsam Bilder gemalt.

"Keith Haring" und "Rettet die Liebe!" sind noch bis zum 29. November 2020 im Museum Folkwang in Essen zu sehen.

Der Katalog ist ebenfalls überaus lesenswert, ersetzt aber nicht den Besuch der Ausstellung.

Stand: 21.08.2020, 09:00 Uhr