Ausstellung "Das Junge Rheinland" in Düsseldorf

Ausstellung "Das Junge Rheinland" in Düsseldorf

Von Thomas Köster

1919 war nicht nur Bauhaus-Jahr: Damals gründete sich auch die Künstlervereinigung "Junges Rheinland", die bis 1933 über 400 Mitglieder hatte. Eine Übersichtsschau in Düsseldorf zeigt die stilistische Vielfalt der Gruppe, aber auch deren Zerrissenheit.

Zu schön um wahr zu sein. Das Junge Rheinland, Kunstpalast, Düsseldorf 2019 (Ausstellungsansicht)

"Allen Mitgliedern dieses Kreises war der Durst nach Leben, Poesie, nach Freiheit, dem Absoluten, nach Wissen gemein, kurz: Es war zu schön, um wahr zu sein." So beschreibt Max Ernst die Vereinigung "Das Junge Rheinland", der zwischen 1919 und 1933 über 400 Maler, Bildhauer, Architekten und Gestalter angehörten. An zwölf exemplarischen Biografien erzählt die Schau im Museum Kunstpalast deren Geschichte nach (Gert H. Wollheim, "Abschied von Düsseldorf", 1924).

"Allen Mitgliedern dieses Kreises war der Durst nach Leben, Poesie, nach Freiheit, dem Absoluten, nach Wissen gemein, kurz: Es war zu schön, um wahr zu sein." So beschreibt Max Ernst die Vereinigung "Das Junge Rheinland", der zwischen 1919 und 1933 über 400 Maler, Bildhauer, Architekten und Gestalter angehörten. An zwölf exemplarischen Biografien erzählt die Schau im Museum Kunstpalast deren Geschichte nach (Gert H. Wollheim, "Abschied von Düsseldorf", 1924).

Max Ernst gehört zu den großen Namen, die sich zumindest zeitweise mit dem "Jungen Rheinland" verbinden lassen. Sein damals als blasphemisch verurteiltes Hauptwerk "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler" (1926) aus dem Kölner Museum Ludwig ist eines der - wundervoll präsentierten - Highlights der Schau.

Auch Wilhelm Lehmbruck, Jankel Adler und Otto Pankok gehörten der Künstlervereinigung an. Ebenso wie Otto Dix, der aus dem als piefig empfundenen Sachsen ins freigeistige Rheinland gekommen war. Neben Gemälden präsentiert die Ausstellung auch eine typisch grimmige Zeichnung des Künstlers aus dem Gästebuch des Antiquars Anton Brüning, bei dem das "Junge Rheinland" rauschende Feste feierte.

Die Ausstellung mit dem Titel "Zu schön, um wahr zu sein" macht auch die stilistische Vielfalt deutlich, die aus dem "Jungen Rheinland" nie eine homogene Gruppe machte. Dort fanden sich eher konservative akademische Künstler der ausklingenden Malerschule wie Ernst te Peerdt (hier sein "Gurkenstilleben" von 1917) ebenso wie ...

... August Macke, der mit den "Rheinischen Expressionisten" einem Kreis angehörte, der sich enger an der künstlerischen Avantgarde orientierte. Mackes "Vier Mädchen" wurde aus der ersten Ausstellung des "Jungen Rheinland" vom Freundeskreis für die Düsseldorfer Kunstsammlungen angekauft.

Geprägt war die Künstlervereinigung auch von den Reibereien und Streitigkeiten ihrer Mitglieder. Auf dem Gruppenbildnis von Arthur Kaufmann etwa fehlt Adolf Uzarski, der nicht neben seinem Widersacher Gert H. Wollheim abgebildet werden wollte. Im Zentrum thront, als wichtige Mäzenin und Galeristin der Gruppe, Johanna "Mutter" Ey.

Um die stilistische, aber auch weltanschauliche Heterogenität der gezeigten Positionen abzumildern und zu bündeln, haben sich die Macher der Schau etwas einfallen lassen. Die Farben und Formen der Ausstellungsarchitektur bilden ein überzeugendes Gesamtbild, das die Widersprüche trotzdem nie übertüncht.

Dass die Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast zu sehen ist, ist kein Zufall: Nicht nur hat das 1900 gegründete Museum dezidiert die Aufgabe, sich um die Kunst des Rheinlands und speziell von Düsseldorf zu kümmern. Als Teil des "Ehrenhof" genannten Gebäudeensembles wurde der heutige Bau von Wilhelm Kreis entworfen, der dem "Jungen Rheinland" angehörte. Drinnen: Heinrich Naues, "Badende" aus dem "Drove-Zyklus", schon von 1913.

Überhaupt stammen viele der ausgestellten Werke aus den Beständen des Düsseldorfer Museums, das die Künstler der Gruppe schon früh mit Ankäufen unterstützte. So lässt die Schau auch erahnen, welche Schätze im Depot des Hauses schlummern (hier blicken die beiden Kuratoren Kay Heymer und Daniel Cremer auf Lotte B. Prechners Hauptwerk "Epoche" von 1928).

Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers wurde auch das "Junge Rheinland" 1933 aufgelöst. Einige Mitglieder dienten sich dem neuen Regime an, andere fielen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zum Opfer. Auch dies zeigt, wie disparat die Gruppe immer war.

Zu den Widerständlern gegen das "Dritte Reich" gehört auch das KPD-Mitglied Karl Schwesig, der von 1918 bis 1920 an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte und zeitweise die satirische Zeitschrift "Die Peitsche" herausgab. 1930 porträtierte er sich ironisch mit Verdienstkreuz auf seinem "Selbstbildnis im Karneval".

Drei Jahre später wurde Schwesig von der SA in den berüchtigten "Schlegelkeller" verschleppt, über mehrere Tage gefoltert und im Gefängnis Wuppertal-Bendahl inhaftiert. Trotz Polizeiaufsicht gelang es ihm nach seiner Entlassung, nach Belgien zu fliehen. Zeichnungen aus seinem 48-teiligen Zyklus "Schlegelkeller" sind, etwas versteckt, wie in einem Séparée des Schreckens, ebenfalls in Düsseldorf zu sehen.

Überhaupt wohnt vielen Gemälden, selbst bei einer vordergründig-rheinischen Fröhlichkeit der Motivik, das oft politisch motivierte und als Anklage zu verstehende Grauen inne. Das zeigt sich vor allem auf jenen Bildern, die den Karneval zum Thema haben. Es sind Porträts einer Gesellschaft, die am Rande des Abgrunds tanzt. "Zu schön, um wahr zu sein" eben (Carl Lauterbach, "Karneval", 1929).

"Zu schön, um wahr zu sein. Das Junge Rheinland" ist noch bis zum 2. Juni 2019 im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu sehen. Zur Ausstellung ist ein opulenter und äußerst lesenswerter Katalog erschienen, der im Museumsshop und im Buchhandel erstanden werden kann.

Vis-à-vis läuft im NRW-Forum Düsseldorf noch bis zum 10. März 2019 "Bauhaus und die Fotografie. Zum neuen Sehen in der Gegenwartskunst", die den Bogen schlägt vom Gründungsjahr des Bauhaus und des "Jungen Rheinland" zu aktuellen Positionen (hier zwei Arbeiten von Viviane Sassen vor dem Gebäude von Wilhelm Kreis).

Stand: 07.02.2019, 10:52 Uhr