Kunst als Drama. Juan Muñoz bei Thomas Schütte

Kunst als Drama. Juan Muñoz bei Thomas Schütte

Von Thomas Köster

Eine Kleinwüchsige am Billardtisch, entgleiste Züge mit Baumbewuchs und Achterbahnfahrer im Schuhkarton: Die Welt des Bildhauers Juan Muñoz ist voller absurder Szenen. Jetzt ist er in Thomas Schüttes Skulpturenhalle ganz in der Nähe des Museums Insel Hombroich zu sehen.

Juan Muñoz, Skulpturenhalle, Neuss 2018 (Ausstellungsansicht)

Hin und wieder öffnet der Düsseldorfer Bildhauer Thomas Schütte seine Skulpturenhalle auf dem Terrain der Museumsinsel Hombroich bei Neuss den Poeten. 2017 war es Paloma Varga Weisz, die den Raum mit ihren phantastischen Beulenmännern und Wabenfrauen bespielen durfte. Jetzt machen Werke des Spaniers Juan Muñoz den Bau zur Bühne.

Hin und wieder öffnet der Düsseldorfer Bildhauer Thomas Schütte seine Skulpturenhalle auf dem Terrain der Museumsinsel Hombroich bei Neuss den Poeten. 2017 war es Paloma Varga Weisz, die den Raum mit ihren phantastischen Beulenmännern und Wabenfrauen bespielen durfte. Jetzt machen Werke des Spaniers Juan Muñoz den Bau zur Bühne.

Der 1953 in Madrid geborene und 2001 auf Ibiza gestorbene Muñoz war zwei Mal auf der Documenta und der Biennale von Venedig vertreten. Aber streng genommen ist er gar kein Bildhauer. Eigentlich ist er ein Erzähler, der den Raum mit figurativen Situationen füllt. Die Skulpturenhalle scheint dafür wie gemacht zu sein ("Sara With Billiard Table", 1996).

21 Leihgaben hat Schütte, der mit Muñoz befreundet war, für die Schau zusammengetragen – mehr als je zuvor, wie er sagt. Es sind kleine, menschliche Tableaus mit alltäglichen, vertraut erscheinenden Requisiten, die sich bei genauerer Betrachtung allerdings als hintergründige Arrangements entpuppen ("Blatter Figure With Shutter", 1999).

Das gilt zum Beispiel für "Straight Banister With Knife" (1986-1987): vordergründig ein handelsüblicher, vielleicht etwas antiquiert wirkender Handlauf, der an der Betonwand der Skulpturenhalle wie eine Übestange für Ballerinen inszeniert ist. Dahinter aber lauert in Form eines Klappmessers die Gefahr.

Das gilt aber auch für "Derailment" (2000-2001), Muñoz' Version eines Zugunglücks, die den Besucher gleich vor der Skulpturenhalle empfängt. Sie weckt Assoziationen zu den medial verbreiteten Katastrophen der Verkehrsgeschichte. Zum Entgleisen fehlt der seltsam drapierten Skulptur mit ihren zwei Triebwagen auf dem Rasen allerdings die Schiene.

Drinnen finden sich ohnehin keine Toten und Verletzten, sondern: Bühnenbilder. Bühnenbilder, die die Grenze zwischen Innen und Außen, Natur und Kultur überwinden. Bühnenbilder zumal, die ein wenig ans absurde Theater Samuel Becketts erinnern – ein Autor, mit dessen Texten Muñoz in seinen Werken gearbeitet hat.

Nicht von ungefähr ist die Bauchrednerpuppe, die Muñoz 1986 erstmals verwendet hat, neben dem Zwerg oder dem Artisten ein wichtiges Element in der phantastischen Welt des spanischen Künstlers. Dieser hier schaut auf einen gezeichneten Raum, der durch Indizien aber wieder als Bühne deutbar ist. Laut Titel ist die Puppe ohnehin ihr eigener Bauchredner. Und blind ("Ventriloquist Looking at a Double Interiour", 1988-2000).

Vielleicht kommt der Vergleich mit Beckett dem, was Muñoz macht, am nächsten. Er schafft mit seinen rätselhaften Arrangements als Dialog getarnte, im Grunde aber monologische Endlosschleifen, die letztlich nicht zu entschlüsseln sind. Der Betrachter bleibt außen vor ("Living in a Round Shoebox", 1995).

Diese Distanz ist gewollt. "Ich stelle mir gern vor, dass ein wirklich gelungenes Werk ohne Betrachter auskommen kann", hat Muñoz mit Blick auf seine in sich selbst versunkenen und sich selbst bespiegelnden Figuren einmal bemerkt. Tatsächlich fühlt sich der, der die Skulpturenhalle betritt, ein wenig wie ein Störenfried ("Two Figures Looking Sideways", 1996/1997).

Er habe immer eine Skulptur bauen wollen, "die meine Erinnerung betrügt, die fremd bleiben wird", zitiert Kurator Dieter Schwarz den Künstler in seinem klugen, fast selbst schon poetischen Essay in der Katalogbroschüre, die zur Ausstellung erschienen ist. Dem Besucher wird es ähnlich gehen ("Untitled", 2001).

Etwa bei den scheinbar ins Gespräch vertieften Frauen von "Conversation Piece II" (2001), deren in seltsame Gewänder gesteckte Körper in merkwürdigen Säcken enden. Sie kommen bei ihrem Handeln eben, wie all die anderen Skulpturen, nicht vom Fleck. Aber sie können tragischer Weise nicht einmal auf der Stelle treten.

Ein Abstecher ins sogenannte Kuratorenzimmer der Skulpturenhalle weckt aber noch eine andere Assoziation. Wie diese Ballerina, die augenzwinkernd auch die kubistischen Bühnenentwürfe des russischen Konstruktivismus zitiert, sind auch die konversierenden Damen in der Halle eine Art Stehaufmännchen. Wegen ihrer Schwere bleiben sie aber antriebslos.

"Juan Muñoz" ist noch bis zum 12. August 2018 in der Skulpturenhalle zwischen Langen Foundation und Museum Insel Hombroich in Neuss-Holzheim zu sehen. Auch die Ausstellungen in der Langen Foundation und in der benachbarten Raketenstation sind überaus sehenswert.

Stand: 13.04.2018, 13:54 Uhr