Farbe im Quadrat. Josef Albers in der Villa Hügel

Farbe im Quadrat. Josef Albers in der Villa Hügel

Von Thomas Köster

Mit seinen über 2.000 "Homages to the Square" wurde Josef Albers weltberühmt. Jetzt zeigt eine große Retrospektive in Essen, dass das längst nicht alles ist. Ein Fest für Form und Farbe.

Josef Albers. Interaction, Villa Hügel, Essen (Ausstellungsansicht)

"Ich möchte Augen öffnen." Das war das zentrale Statement des in Bottrop geborenen Künstlers und Kunstlehrers Josef Albers (1888-1976), dem die Villa Hügel nun in Zusammenarbeit mit dem Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop eine Retrospektive ausgerichtet hat – die erste seit 30 Jahren ("In Open Air", 1936).

"Ich möchte Augen öffnen." Das war das zentrale Statement des in Bottrop geborenen Künstlers und Kunstlehrers Josef Albers (1888-1976), dem die Villa Hügel nun in Zusammenarbeit mit dem Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop eine Retrospektive ausgerichtet hat – die erste seit 30 Jahren ("In Open Air", 1936).

In zwölf Kapitel ist die Ausstellung aufgeteilt, sie spannt einen großen Bogen über Albers' gesamtes Leben: Angefangen bei seiner Jugend und Ausbildung über seine Zeit als Lehrer am Bauhaus in Weimar und Dessau bis hin zu den Weg weisenden Jahrzehnten am Black Mountain College in North Carolina, wohin er mit seiner Frau Anni 1933 emigrierte.

Wie Albers Zeit seines Lebens versucht hat, den Betrachter (und seine Schüler) das Sehen zu lehren, zeigen eindringlich die gut 170 Arbeiten, die vor allem aus großen amerikanischen Sammlungen und aus dem Bottroper Museum stammen. Im Zentrum stehen dabei – natürlich – die "Homages to the Square", die Albers' Weltruhm begründeten.

Über 30 der mehr als 2.000 Variationen dieses Themas sind in der Villa Hügel zusammen gekommen. Im strengen Rahmen der immer gleichen Form untersuchte Albers die Wirkung von Farbklängen, die auch der Einzelfarbe eine neue Tönung und Gewichtung geben.

Die erste, noch etwas glänzend unbeholfen wirkende "Homage" von 1950 ist in Essen ebenso vertreten wie das letzte Bild der Reihe. Dazwischen tun sich gerade auch in der Reihung im großen Saal ...

... und den flankierenden Kabinetten der Fabrikantenvilla erstaunliche Welten auf, die man so wohl noch nie hat sehen können.

1976 scheint Albers seine Quadrate irgendwie über gehabt zu haben. Jedenfalls zerfranst auf diesen bezeichnender Weise auf Löschpapier ausgeführten Ölstudien die Form. Vielleicht ist es aber auch die Ahnung des nahenden Todes, die hier offenbar wird: Albers starb wenige Monate vor Eröffnung "seines" Museums Ende 1976 in Bottrop.

Nicht weniger bedeutend, aber kaum bekannt ist die "Adobe"-Serie, die Albers in direkter Anlehnung an mexikanische Architekturen schuf. Auch sie sind in Essen mit wesentlichen Beispielen vertreten. Und zeugen vom Einfluss der Volkskunst auf das Werk von Josef und Anni Albers nach deren Reisen durch Südamerika in den 1930er und 1940er Jahren.

Die Reise durch die Welt von Josef Albers beginnt in Essen schon gut zehn Jahre früher. "1921 war alles, was ich besaß, ein Hammer und ein Rucksack", sagte Albers einmal. "Damit ging ich zur Müllhalde, um nach Flaschen zu schauen, sie zu zerschlagen und daraus Bilder zu machen." Auch diese lichte Loslösung vom Gegenständlichen ist in Essen zu bestaunen.

Dass sich Albers in guter alter Bauhaus-Tradition auch als Möbeldesigner versuchte, der schlichte Form mit Funktion in Einklang bringen wollte, ist sicher nur ein Nebenaspekt. Aber doch ein aufschlussreicher. Denn bereits hier arbeiten sich Strukturen heraus, die später im Bild wieder aufgegriffen werden.

Erstmals beleuchtet die Essener Schau auch Albers' Hang zur Spiritualität, namentlich zum Katholizismus. Auch Fotos von Kirchenbauten sind ausgestellt, die Albers auf Reisen fertigte. Sie illustrieren klar den Fokus des Künstlers auf Struktur und Rhythmik der Gebäude (rechts: "Heraldisch", 1935).

Indem man den Ikonen der Moderne ein Kruzifix, eine Madonnenstatue von Michel Erhart aus dem 15. Jahrhundert – und eben auch zwei griechisch-orthodoxe Ikonen – zur Seite stellt, wird aber vor allem eines offenbar: Bei Albers zielte die Abstraktion durchaus auf eine Religiosität, die jenseits der realen Welt im Künstlerischen verankert war.

Wie stark es Albers gelang, mit dieser Position nicht nur seine Schüler wie Cy Twombly, Robert Rauschenberg, Richard Serra oder Donald Judd zu beeinflussen (hier Judds "Progression" von 1969) , sondern auch andere Künstler der Gegenwart, zeigt ein weiterer Raum der Schau ...

... der zugleich aber mit einem Bild von Piet Mondrian ein Vorbild für Albers enthält, das ihn 1913 dazu brachte, sein erstes abstraktes Bild zu malen. So schließt sich die Quadratur des Kreises (links: Ad Reinhardt, "Abstract Painting Blue", 1953).

Gemeinsam mit der großen Retrospektive "Anni Albers" in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf hat man in den nächsten Monaten also eine gute Gelegenheit, zwei Ausnahmekünstler neu oder wiederzuentdecken, die sich auch wechselseitig beeinflusst haben. Diese Chance sollte man im Vorfeld des Bauhaus-Jubiläums unbedingt nutzen ("Gleich und Ungleich", 1939).

In Essen ist besonders schön zu betrachten, wie sich die strenge Form der Bilder immer wieder an der opulenten Innenarchitektur der Fabrikantenvilla mit ihren wundervollen Holzfußböden reibt – und bisweilen sogar wundervoll harmoniert. Das ist ein ästhetischer Kontrapunkt, von dem beide Seiten profitieren. Augen auf und durch ("Horizontaler Rhombus", 1946).

"Josef Albers. Interaction" ist noch bis zum 7. Oktober 2018 in der Villa Hügel in Essen zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein üppig bebilderter Katalog erschienen, der wissenschaftlichen Anspruch mit Anschaulichkeit vereint.

Stand: 15.06.2018, 11:08 Uhr