Mehr als Strich und Farbe: Junge Malerei in Bonn

Mehr als Strich und Farbe: Junge Malerei in Bonn

Von Thomas Köster

Gerade in den letzten Jahrzehnten wurde die Malerei immer wieder totgesagt. Dabei ist sie lebendiger denn je! Das zeigt nun eine Ausstellung in drei Städten. Mit dabei: das Kunstmuseum Bonn.

Jetzt! Junge Malerei in Deutschland, Kunstmuseum Bonn 2019 (Ausstellungsansicht)

Seit der Erweiterung des Kunstbegriffs in der Moderne, vor allem aber seit der Verwischung aller Genregrenzen in der multimedialen Gegenwart, liegt die klassische Malerei immer wieder einmal auf dem Sterbett. Forsche Kunstkritiker prognostizieren ihr gern den Tod. Dabei wird die Malerei auch von einer jungen Generation von Künstlern gerade äußerst erfolgreich wiederbelebt. Das zeigt die schöne Bonner Ausstellung mit dem etwas trotzigen Titel "Jetzt!".

Seit der Erweiterung des Kunstbegriffs in der Moderne, vor allem aber seit der Verwischung aller Genregrenzen in der multimedialen Gegenwart, liegt die klassische Malerei immer wieder einmal auf dem Sterbett. Forsche Kunstkritiker prognostizieren ihr gern den Tod. Dabei wird die Malerei auch von einer jungen Generation von Künstlern gerade äußerst erfolgreich wiederbelebt. Das zeigt die schöne Bonner Ausstellung mit dem etwas trotzigen Titel "Jetzt!".

Um den aktuellen Stand der Malerei in Deutschland zu bestimmen, hat sich das Kunstmuseum Bonn mit dem Museum Wiesbaden und den Kunstsammlungen Chemnitz zusammengetan. 150 Werke sind bei der Recherche in die engere Wahl gekommen. Zwischen Herbst 2017 und Frühjahr 2019 sind die Museumsteams dann durch ganz Deutschland gereist, um eine Endauswahl zu treffen (Kristina Schuldt, "Reverse", 2016).

Nach der Reise haben die Kuratoren 53 Künstler ausgewählt, bei denen Farbe zumeist einfach auf Fläche trifft. Ihre Bilder sind jeweils an allen vier Orten vertreten. 500 Werke sind es insgesamt. Schon die Fülle zwischen Kleinst- und Großformat in Bonn ist erschlagend (Peppi Bottrop, "FFP", 2019).

"Ziel ist es, einen gültigen Querschnitt durch die junge, in Deutschland entstandene Malerei zu geben - und dabei alle Erscheinungsformen des Mediums ohne konzeptuelle oder ideologische Einschränkungen zu berücksichtigen", sagt der Intendant des Bonner Kunstmuseums, Stephan Berg (hier vor einem Gemälde Sabrina Haunspergs). Deshalb würden bewusst nur Künstler berücksichtigt, die seit den späten 1970er Jahren geboren sind.

Gezeigt wird (bis auf eine Ausnahme) räumlich klar begrenzte Leinwand, die auch (und gerade) in letzter Zeit immer wieder etwas spöttisch als "Flachware" diffamiert worden ist. Es geht also gerade nicht um das Bild im Kontext seiner multimedialen Erweiterung oder als Teil raumgreifender Installationen. Im Bild: Zwei Gemälde der Stuttgarter Malerin Mona Ardeleanu.

Mit "Flachware" haben viele der Gemälde ohnehin nichts zu tun: Zu sehr türmt sich die Farbe...

... oder wölbt sich die Leinwand.

Ansonsten reicht das Spektrum von einem teils symbolisch überfrachteten, verrätselten Hyperrealismus wie bei Lydia Balke aus Hamburg ("Hibernation Battlefield" I und II, 2017) ...

... über die abstrahierende Expression wie bei den apokalyptischen Landschaften von Hannes Michanek...

... bis hin zu "echt" abstrakten Farbexplosionen wie beim Albert-Oehlen-Meisterschüler Max Frintrop, bei denen die Farbe Licht ist und Raum und Klang.

Ist Malerei in unseren digitalen Zeiten also noch aktuell? Im Kunstmuseum Bonn hallt dem Besucher von allen Ecken und Enden ein deutliches und entschiedenes "Ja!" entgegen. Die Malerei, so lautet die fast schon trotzige Botschaft der Ausstellung, ist und bleibt die Königsdisziplin der Kunst. Von daher hätte die Schau auch "Basta!" heißen können (Sebastian Gögel, "Leumund", 2017).

Insgesamt fällt auf, dass sich die Maler der jüngeren Generation ganz offensichtlich diese Frage auch gestellt haben. Und dabei durch ihre Reflexionen zu malerischen Lösungen gekommen sind, die auch letzte Zweifel beseitigen sollen. Im Zentrum steht dann im Idealfall die Erhabenheit des Pinselstrichs (Markus Saile, "Ohne Titel", 2019)

Oder man lässt der Malerei ihre entrückte Schönheit und spiegelt trotzdem den Zustand der Welt. Das gelingt Vivian Greven aus Düsseldorf ganz meisterhaft. Hier trifft großes handwerkliches Talent auf ein Bildkonzept, dass die Sinnlichkeit menschlicher Körper ebenso thematisiert wie die Virtualität des Materiellen in unserer digitalen Gegenwart.

Dabei zeigt sich zwischen den Grundpfeilern aus Gegenständlichkeit und Abstraktion auf kleinstem Raum vor allem eine bewundernswerte formale Vielfalt, die auch die zunächst vielleicht irritierende nationale Beschränkung der Ausstellung auf Deutschland erklärt. Das mag in unseren globalen Zeiten vom Konzept her zunächst überholt erscheinen, war ob der Fülle der Entdeckungen aber offenbar zwingend notwendig.

Und dann gibt es doch noch Bilder, die buchstäblich aus dem Rahmen fallen. Wie die Arbeiten von Franziska Reinbothe aus Leipzig, die das Bild doch wieder zum Objekt machen. Das gute alte Tafelbild ist zerstört, die Stringenz der Schau ein wenig auch. Aber es schadet ja nicht, darauf hinzuweisen, dass man der Malerei durchaus kritisch gegenüber stehen kann.

"Jetzt! Junge Malerei in Deutschland" ist noch bis zum 19. Januar 2020 im Kunstmuseum Bonn zu sehen, bevor die Ausstellung in die Hamburger Deichtorhallen weiterwandert. Dazu ist ein ebenso lesens- wie sehenswerter Katalog erschienen, der neben einleitenden Essays auch Kurzbeschreibungen zu allen ausgestellten Künstlern enthält (im Bild: Werke von Cornelia Baltes).

Stand: 19.09.2019, 10:44 Uhr