Der vergessene Meister. Jankel Adler in Wuppertal

Der vergessene Meister. Jankel Adler in Wuppertal

Der Maler Jankel Adler war einer der großen Protagonisten der Moderne. In Deutschland ist er nahezu vergessen. Im Von der Heydt-Museum kann man ihn im Kontext der Avantgarde endlich wiederentdecken. Es ist die erste Retrospektive seit 30 Jahren.

Jankel Adler und die Avantgarde. Chagall. Dix. Klee. Picasso, on der Heydt-Museum, Wuppertal 2018 (Ausstellungsansicht)

In der Londoner Tate hängt er wie in Tel Aviv und Lodz mitten in der Sammlung, in Deutschland, wenn überhaupt, eher im Depot: Jankel Adler (1895-1949) ist hierzulande fast vergessen. Dabei war der Maler – hier ein Porträt von Arthur Kaufmann aus dem Jahr 1923 – einer der wichtigsten Repräsentanten und Impulsgeber der damaligen Moderne.

In der Londoner Tate hängt er wie in Tel Aviv und Lodz mitten in der Sammlung, in Deutschland, wenn überhaupt, eher im Depot: Jankel Adler (1895-1949) ist hierzulande fast vergessen. Dabei war der Maler – hier ein Porträt von Arthur Kaufmann aus dem Jahr 1923 – einer der wichtigsten Repräsentanten und Impulsgeber der damaligen Moderne.

Die Gründe für das Vergessen wie die Anerkennung im Ausland sind mannigfach. Als polnischer Jude unter den Nationalsozialisten ging der in Barmen und Düsseldorf lebende Maler, der in der Künstlerszene des "Jungen Rheinland" bestens vernetzt war, bereits 1933 ins Exil nach Paris und London. Dort stellte er unter anderem mit Francis Bacon aus und verstarb viel zu früh an Herzversagen.

Dass in den Ausstellungen zur "Entarteten Kunst" 1938 in München und 1939 Berlin drei Werke Jankel Adlers neben nur einem seines verehrten Vorbilds Marc Chagal hingen, spricht schon Bände. Wie sich anhand einer von Adler selbst angefertigten Foto-Dokumentation rekonstruieren lässt, ist ein Großteil der Werke dieser Zeit verschollen und zerstört.

Mit einer großen Retrospektive versucht das Wuppertaler Von der Heydt-Museum nun, Jankel Adler wieder ins Zentrum der damaligen Avantgarde zu integrieren. In einer wahren Herkulesarbeit hat das Team um Kuratorin Antje Birthälmer weltweit 110 Werke des Malers aus Museen und Privatsammlungen zusammengetragen. In elf thematisch und chronologisch aufgebauten Räumen werden Adlers Werke mit denen seiner Zeitgenossen konfrontiert.

Diese Leistung ist umso bemerkenswerter, als wegen der außerordentlichen Empfindlichkeit der Werke bei dem einen oder anderen Sammler sicher einige Überredungskunst nötig war. Vor allem im Spätwerk schmierte Adler gerne Gips auf den Malgrund oder mischte Sand in die Farben, um eine relief- oder freskoartige Anmutung zu erreichen.

Mit Otto Dix und Paul Klee war Adler ebenso bekannt oder befreundet wie mit Amedeo Modigliani oder Marc Chagall. Auch von diesen Malern und Bildhauern, die sich in der Kunstgeschichte als Größen überliefert haben, sind zahlreiche Werke aus dem eigenen Bestand, aber auch aus anderen Museen zu sehen.

Dabei verwischen die Grenzen der persönlichen Stile in der Ausstellung immer wieder. Wer hier wen beeinflusst hat, ist manchmal kaum noch auszumachen. Dieses Gemälde etwa wirkt so, als habe sich Max Ernst mit Pablo Picasso eine Leinwand geteilt. Tatsächlich ist das Bild von Jankel Adler ("Mädchen mit Schaukelspiel", 1941).

Dieses undatierte Gemälde "Jankel Adlers Traum" stammt nicht von Chagall, sondern vom Düsseldorfer Maler Arthur Kauffmann. Es zeigt Adler mit seiner Lebensgefährtin Betty Kohlhaas, mit der er ein gemeinsames Kind hatten. Das Kind sah er nach seiner Flucht nur einmal wieder, Betty nie mehr.

Bisweilen gehen die Ähnlichkeiten bis in den formalen Aufbau der Komposition. Rechts "Drei Figuren" (1931) von Gerd Arntz, links "Mann und Frau" (1931) von Heinrich Hoerle. Deutlicher kann man wechselseitige Beeinflussung kaum zeigen.

Bisweilen zeigen sich in der Gegenüberstellung aber auch die krassen Unterschiede, etwa in der Eigenwahrnehmung als Künstler. In einem der Räume hängen die Selbstporträts von Jankel Adler und Otto Dix nebeneinander. Während Dix sich 1922 selbstbewusst im Bordell präsentiert ...

... malt sich Adler fünf Jahre später als verletzlichen Artisten.

Alles in allem zeigt die Schau im Von der Heydt-Museum nicht nur, wie stark Adler die von Aufbruch und Revolte geprägte westeuropäische Kunstszene prägte. Die erste Überblicksschau über Adlers Werk seit 30 Jahren illustriert auch eindringlich die Rolle Barmens – damals eine von Wuppertal noch unabhängige Stadt – für die Moderne.

Das Werk Adlers in Wuppertal zu präsentieren, ist also nur konsequent. Hinzu kommt, dass das Von der Heydt-Museum selbst fünf Werke des Malers besitzt, die so auch wieder eine angemessene Würdigung erfahren. Das Bildnis der mit Adler eng befreundeten Dichterin Else Lasker-Schüler von 1924 etwa erwarb der Kunstverein Barmen. 1937 wurde es beschlagnahmt und 1986 vom Von der Heydt-Museum zurückgekauft.

Lasker-Schüler ihrerseits widmete Adler, selbst ein euphorischer Lyriker, 1924 ein eigenes Gedicht, in dem sie eine gemeinsame Schulzeit und Kindheit mit dem Maler in Wuppertal erfand. Im "zeitlosen Geschmeide" seiner Bilder werde Adler zum "hebräischen Rembrandt", heißt es darin ("Blaues Tischstillleben", um 1945).

Besonders imposant sind auch die Katzenbilder Adlers, die die Tiere in erster Linie nicht als Begleiter des Menschen charakterisieren, sondern als eigenständige, beseelte Wesen. Den Katzenbildern ist in Wuppertal ein eigener Raum gewidmet.

Unberechenbar, eigenwillig und anarchisch stellt Adler die Tiere dar. Auf dem Großformat "Katzen" (1927) stürzt sich ein Männchen auf eine Art und Weise auf das Weibchen, die man vor allem aus Darstellungen von Löwenkämpfen kennt. Das Bild mit seiner sandvermischten Farbigkeit ist auch ein gutes Beispiel für Adlers Hang zur Abstraktion, der sich im Exil noch verstärkt.

Zur Familie gehörte Kater Peter. Als er starb, setzte ihm Adler samt Grabstein ein Denkmal.

Für das ausgestellte Gemälde "Katzen" erhielt Adler 1928 sogar die Goldmedaille der von Arthur Kauffmann initiierten Ausstellung "Deutsche Kunst" in Düsseldorf. Auch diese Auszeichnung ist in Wuppertal zu sehen - und spiegelt so beide Seiten der Medaille eines tragischen Lebens, das zwischen Berühmtheit und Vergessen schwankte.

Einige der verschollenen Werke Adlers hängen als Reproduktionen aus Adlers Fotoalbum an der Wand. Oder sind – wie diese Illustration – in Vitrinen ausgestellt.

Apropos "Vitrinen": Vor allem auch die Dokumentationen, die die Macher der Schau über Adler zusammengetragen haben, stellen zur Ausstellung eine tolle Ergänzung dar. In Kombination mit diesen Zeugnissen entsteht ein durch und durch rundes Bild.

Und es gibt hierzulande auch andere Künstler neu zu entdecken, die man heute gemeinhin aus den Augen verloren hat. Lasar Segall zum Beispiel, dessen großartiges Gemälde "Die ewigen Wanderer" erst kurz vor Ausstellungsbeginn aus São Paulo angereist ist. Dort hat Segall ein eigenes Museum.

"Jankel Adler und die Avantgarde. Chagall, Dix, Klee, Picasso" ist noch bis zum 12. August 2018 im Von der Heydt-Museum im Zentrum Wuppertal zu sehen. Zur Ausstellung ist ein opulent bebilderter und betexteter Katalog erschienen, der den Anspruch erhebt, Adler auch wissenschaftlich Bedeutung zukommen zu lassen.

Wer schon einmal da ist, kann außerdem die ständige Sammlung des Museums besuchen, die dank einer Schenkung - unter anderem mit einer weiteren Skulptur des britischen Bildhauers und Wuppertaler Ehrenbürgers Tony Cragg - glänzen kann.

Stand: 16.04.2018, 14:34 Uhr