Der Pop-Art-Plakatemaler. James Rosenquist in Köln

Der Pop-Art-Plakatemaler. James Rosenquist in Köln

Von Thomas Köster

Neben Andy Warhol und Roy Lichtenstein war James Rosenquist der Star im Pop-Art-Dreigestirn. Aber er war viel politischer, philosophischer, hintergründiger als die anderen. In Köln kann man das jetzt sehen. Toll.

James Rosenquist. Eintauchen ins Bild, Museum Ludwig, Köln 2017 (Ausstellungsansicht)

"Ich möchte, dass die Menschen, die meine Bilder betrachten, durch die illusionistische Oberfläche der Leinwand hindurchgehen können in einen Raum, in dem die Ideen aus meinem Kopf mit den ihren kollidieren." So hat James Rosenquist es in seiner Autobiografie formuliert. Im Museum Ludwig kann man diese Kollision jetzt ausgiebig erfahren.

"Ich möchte, dass die Menschen, die meine Bilder betrachten, durch die illusionistische Oberfläche der Leinwand hindurchgehen können in einen Raum, in dem die Ideen aus meinem Kopf mit den ihren kollidieren." So hat James Rosenquist es in seiner Autobiografie formuliert. Im Museum Ludwig kann man diese Kollision jetzt ausgiebig erfahren.

Über 40 größere Arbeiten haben Kurator Stephan Diederich und Museumsdirektor Yilmaz Dziewior aus aller Welt zusammengetragen, darunter aus den Sammlungen des Moma und des Guggenheim in New York sowie des Moderna Museet in Stockholm. Sie zeigen Rosenquist in seiner ganzen Breite. Und auch Tiefe ("A Pale Angel’s Halo und Slipping Off the Continental Divide", 1973).

Im Zentrum stehen die monumentalen, bis zu 27 Meter langen Großformate Rosenquists. Das größte, "The Swimmer in the Econo-mist" (links), schuf er 1997/98 in Berlin. In ihm wird Picassos "Guernica" mit anderen Versatzstücken der eigenen und der kollektiven Geschichte von einem Zeitstrudel erfasst.

So wird deutlich, dass Rosenquist ein besonders politischer Geist war, der hochsensibel auf die Entwicklungen und Brüche, aber auch Moden und Oberflächlichkeiten reagierte ("Terrarium", 1977).

In Werken wie "Untitled (Joan Crawford Says)" von 1964 (links) aus den eigenen Beständen oder "President Elect" (1960/61) sind Schauspielerinnen und Politiker in Rollen zu sehen, die als Selbstvermarktungsstrategien eher dem Betrieb als dem eigenen Ich geschuldet sind.

Vorlagen fand Rosenquist in einer Tabakwerbung sowie in einem Wahlkampfplakat Kennedys von 1960. Dadurch, dass die Kölner Schau in Vitrinen und an den Wänden auch die Originaldokumente präsentiert, kommt man den Bildern noch ein Stückchen näher.

Überhaupt zeigt die Retrospektive eindringlich, wie Rosenquist Zeit seines Lebens von seinen Anfängen als Plakatemaler zehrte: Die mit überdimensionalen Reklamebildchen gewonnen Erfahrungen spiegeln sich nicht nur in den Dimensionen der Werke, die in Köln in beeindruckender Anzahl hängen ("Star Thief", 1980).

Sie werden zum Teil auch ganz konkret und buchstäblich ins Bild gesetzt: so auf "Sightseeing" von 1962, auf dem der Text nur bruchstückhaft zu lesen ist. Zum einen, weil er suggeriert, noch nicht fertiggestellt zu sein, zum anderen aber auch, weil das Gemälde die extreme Nähe des (Plakate-)Malers vor seinem übergroßen Malgrund imitiert.

Anhand von Text führt "Sightseeing" vor Augen, wie stark Rosenquist nicht nur am Gegenständlichen interessiert war, sondern immer auch versuchte, Bildlösungen in die Abstraktion zu führen. Bei "Hey! Let’s Go for a Ride" (1961) ist es noch die Wahl des Ausschnitts ...

... bei "The Swimmer in the Econo-mist #2" von 1997 gehen die von Pop-Artisten so beliebten Markennamen im Wirtschaftsstrudel unter – auch dies eine politische Botschaft.

"Eintauchen ins Bild" lautet der Untertitel der Retrospektive, der den Gedanken Rosenquists aufgreift. Am eindrucksvollsten ist der Gedanke des "Eintauchens" und "Kollidieres" von Erfahrungswelten mit der Idee der farblichen Abstraktion wohl hier gelungen: In Köln können drei Rekonstruktionen von Rauminstallationen Rosenquists erstmals gemeinsam betreten werden.

In "Horse Blinders" (1968/69), das eigens für die Schau restauriert worden ist, und in "Horizon Home Sweet Home" von 1970 (hier im Bild) sorgen Aluminiumflächen und Zerrspiegel zwischen den Farbflächen dafür, dass Betrachter und Werk zu einer Einheit verschmelzen.

Viele von Rosenquists Bildern haben dezidiert biografischen Charakter. So ist es auch bei der monumentalen, fünf Meter hohen und 14 Meter breiten Arbeit "Through the Eye of the Needle to the Anvil", ein gewaltiger Rekurs auf das erfüllte Leben seiner Mutter. In einer Blackbox, die oberhalb der Schuhe eingesehen werden kann, befindet sich ein Spruch: "Schließlich steht der Tod erstaunt vor sich selbst."

James Rosenquist starb im März 2017 in New York. Bei Konzept und Werkauswahl zu der Kölner Schau war er noch beteiligt, jetzt ist die Retrospektive eine würdige Erinnerung an einen Maler geworden, der plakativ malte, und doch wohl wesentlich vielschichtiger und hintergründiger als seine Pop-Art-Kollegen Andy Warhol oder Roy Liechtenstein war ("Shadows", 1961).

"James Rosenquist. Eintauchen ins Bild" ist noch bis zum 4. März 2018 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Schade ist eigentlich nur, dass die Außenwerbung zur Ausstellung an der Museumsfassade nicht von einem Plakatemaler geschaffen worden ist.

Stand: 20.11.2017, 10:26 Uhr