Kunst aus Pappe. "Inside Out" in Bergisch-Gladbach

Kunst aus Pappe. "Inside Out" in Bergisch-Gladbach

Aus simpler Wellpappe und aussortierten Büchern machen Andreas My und Jonathan Callan wundervolle Papierkunst. Im Kunstmuseum Villa Zanders treten diese Werke jetzt in Dialog. Und erobern die Räume auf großartige Weise. Ein Blick auch hinter die Kulissen.

Andreas My, Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch-Gladbach 2018

In Regalen gestapelte Kartons haben Andreas My schon immer fasziniert. "Zauberkisten" seien das, sagt der Kölner Künstler: "Mit jeder Verpackung wird eine Verheißung von einem wunderbaren Inhalt ausgesprochen." Hier sitzt My in der noch unfertigen Ausstellungsarchitektur zwischen seinen Skulpturen …

In Regalen gestapelte Kartons haben Andreas My schon immer fasziniert. "Zauberkisten" seien das, sagt der Kölner Künstler: "Mit jeder Verpackung wird eine Verheißung von einem wunderbaren Inhalt ausgesprochen." Hier sitzt My in der noch unfertigen Ausstellungsarchitektur zwischen seinen Skulpturen …

… die inzwischen im Gesamtensemble des Raumes ihren Platz gefunden haben. Kleinere Objekte und Collagen aus Discounterkartons finden sich in der Villa Zanders ebenso wie barock auslandende Rauminstallationen, die an feine Gewebe, seltsam mutierte Zellen oder Nester mit doppeltem Ausgang erinnern.

Leicht, form- und bedruckbar sei Wellpappe, sagt My, der sich seit zehn Jahren mit dem Material beschäftigt: "ein technologisch ausgereiftes Kartonageprodukt". Was hier sehr sachlich klingt, wird durch den Zauber seiner eigenen Arbeiten, die sich bis zum Trocknen des Leims immer weiter verbiegen lassen, aufs Angenehmste relativiert.

My zerschneidet sein Ausgangsmaterial in feine Streifen und setzt diese mit Weißleim zu ganz neuen, filigranen, transparenten, teils Raum greifenden Installationen wieder zusammen. Dies ist direkt hier, in der Villa Zanders, in Auseinandersetzung mit den spezifischen Gegebenheiten des Ausstellungsorts und den dort gebotenen Lichtverhältnissen geschehen.

Auch wenn My die Eigenschaften des Materials eindeutig nutzt, so hat er doch etwas ganz eigenes daraus gemacht. Aus der Verpackung für Verheißendes ist selbst eine Verheißung geworden. Die schlichte Ummantelung des Inhalts Form und Inhalt zugleich. "Inside Out" ist die Ausstellung dem entsprechend folgerichtig überschrieben.

Während seines Studiums der Freien Grafik und Malerei an der FH Köln war Andreas My Schüler von Stefan Wewerka und Jörg Immendorff, und das umreißt vielleicht am besten die beiden Pole, zwischen denen sich der Künstler bewegt. Denn sein Gespür für die Architektonik seiner Skulpturen und des sie umgebenden Raums ist ebenso bemerkenswert wie sein Gespür für Farbe.

Dies funktioniert bei den Skulpturen, die sich je nach Lichteinfall wundervoll zu verwandeln scheinen, besonders gut. Aufregend ist hier zum Beispiel zu beobachten, wie grandios diese Skulptur bis in die Ecken mit den Räumen – und bis in die Tönung mit dem nagelneuen Parkett des Museums harmoniert.

My wendet sich vornehmlich der Verpackung für Waren zu. Demgegenüber haben es Jonathan Callan Verpackungen für Gedanken – nämlich Bücher – angetan. Er sei in einer in einer stark literarisch geprägten Nation aufgewachsen, sagt der Brite: "Historisch gesehen ist die englische Kultur nicht für ihre führende Rolle in Sachen Visualisierung bekannt."

"Mir kommt es so vor, als seien Malerei und Bildhauerei von geringerer Bedeutung", sagt Callan. "Was mich in meiner Jugend geärgert hat, weil ich ein sehr visueller Mensch bin." Callans Werk wirkt deshalb so, als wolle er dem Visuellen im Intellektuellen wieder einen Raum gewähren.

So wie bei "Flood" (2018), wo der Boden aus Bücherstücken gegen die Wände brandet.

Vier Wochen haben Callan und sein Team vor allem daran gearbeitet, zwei Räume der Villa Zanders mit bedrucktem Papier – allesamt Bücherspenden aus Bergisch-Gladbach – zu erobern. Dies gilt vor allem für "Court" (2018), einem der Herzstücke der Ausstellung, das einen gleich zu Beginn erwartet und die Leere zwischen den Säulen im ersten Stock fast völlig ausfüllt.

Minutiös ist das geplant, trotzdem "work in progress" – und verbirgt vor allem auch die Machart. Denn die von ihrem Einband entkleideten Bücher sind keineswegs einfach zwischen die Säulen gestopft, sondern die Seiten mit mehreren Schrauben zusammengefügt. Wobei Callan die Löcher vorgebohrt hat, damit die Seiten nicht zerreißen.

Erst gegen Ende haben Callans Assistenten einzelne Seitenbündel gerollt und in die Lücken gefüllt.

Es geht um das Buch als Objekt in einer digitalen Gesellschaft, in der Information in Beliebigkeit untergeht und oft nur schmückendes Beiwerk ist. Und es geht um das Wechselspiel von Ordnung und Unordnung, Kanon und Unübersichtlichkeit, Totalität und Fragment, interesseloses Wohlgefallen und intellektuelle Distanz.

Großartig sind die Werke der beiden Papierkünstler vor allem da, wo sie in einen Dialog zueinander treten. Beide belegen auf ihre Art, dass es keineswegs hochwertiger Materialien bedarf, um großartige Skulpturen zu machen.

Gerade im Zusammenspiel mit den Räumlichkeiten eröffnen die in der Villa Zanders gezeigten Arbeiten Denkräume, in die man sich als Betrachter versenken kann. Und die einem das komplexe Verhältnis von Alltags- und Hochkultur, Information und Unwissen, Wissenschaft und Kunst vor Augen führen.

Da passt es gut, dass die entfernten Einbände der von Callan verwendeten Bücher im Erdgeschoss wie ein aus Recycling entstandenes neues Kunstwerk als babylonischer Turm zur Decke ragen ("Needle", 2018).

Und noch etwas gilt es zu erwähnen: Bei allem Ideenüberbau sind Mys und Callans Werke vor allem eins: …

… Sie sind wunderschön. Und das ist in einer Zeit, die Schönheit immer ein wenig in die Kitschecke rückt, als ästhetisch-künstlerisches Statement auch schon eine ganze Menge.

"Eine Wunderwelt voller Wünsche und Träume zu demaskieren" sei ein Antrieb seiner Arbeit, sagt Andreas My. "Eine Wirklichkeit zu finden, die aus sich selbst heraus spannend ist." In dieser Schau ist ihm dies – ebenso wie seinem Kollegen Jonathan Callan – auf eindrucksvolle, überaus poetische Art und Weise gelungen.

Inside Out. Jonathan Callan – Andreas My“ ist noch bis zum 6. Januar 2019 im Kunstmuseum Villa Zanders zu sehen. Zur Ausstellung soll ein aufwändig gestalteter Katalog in japanischer Bindung erscheinen.

Stand: 22.09.2018, 06:00 Uhr