Die Kunst der Weltverschwörung

Die Kunst der Weltverschwörung

Von Thomas Köster

Eigentlich kann man heutzutage nur noch seinen eigenen Fake News trauen. Im NRW-Forum gehen Künstler der "Großen Weltverschwörung" nach. Danach würde man am liebsten eigene erfinden.

Im Zweifel für den Zweifel. Die große Weltverschwörung, NRW-Forum, Düsseldorf 2018 (Ausstellungsansicht)

In Krisenzeiten haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Sie schaffen Ordnung, machen Komplexes simpel und die Welt selbst für einfältige Geister erklärbar. Vor allem aber erzählen sie Geschichten, aus denen wir uns teilweise zusammensetzen. Und sind deshalb für Künstler offenbar besonders interessant (Tony Oursler, "N^u", 2016).

In Krisenzeiten haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Sie schaffen Ordnung, machen Komplexes simpel und die Welt selbst für einfältige Geister erklärbar. Vor allem aber erzählen sie Geschichten, aus denen wir uns teilweise zusammensetzen. Und sind deshalb für Künstler offenbar besonders interessant (Tony Oursler, "N^u", 2016).

"Im Zweifel für den Zweifel. Die große Weltverschwörung" im NRW-Forum in Düsseldorf macht dies auf subtile und bedrohliche, teilweise aber auch etwas banale Art und Weise deutlich. Für letzteres steht die Arbeit des ohnehin ein wenig überschätzten Ólafur Elíasson, dessen eher niedlicher Suchscheinwerfer eher hilflos durch den Raum geistert. Für ersteres steht eine verstörende Klanginstallation von Felix Kubin, die man vorher durchschreiten muss.

Hintergründig ist auch Holger Wüsts Fototapeten-große Collage "Ideologiekritische Studien - Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung... - A.: Mir nicht", die zeitlos linksalternative Visionen mit Statements auf unzähligen Plakaten, Aufklebern und Facebook-Kommentaren in den Fokus nimmt.

Einen Einblick in eine abgeschlossene Welt bietet die Fotodokumentation "Man among Men" der Dokumentarfotografin und Filmemacherin Juliane Hermann. Fünf Jahre lang durfte sie in die Welt der Freimaurer eintauchen, um die sich ja zahlreiche Verschwörungstheorien ranken. Entstanden ist eine Dokumentation von kalter Klarheit.

Brandts Kniefall in Warschau ohne Willy Brandt, der Tod von Uwe Barschel in der Genfer Badewanne ohne Uwe Barschel: Mit seinen zwischen 2002 und 2011 entstandenen "Digigraphien" manipuliert Michael Schirner Ikonen des medialen Kollektivgedächtnissen und suggeriert, das doch alles anders war. Das ist bisweilen besonders subtil und doppeldeutig, ...

... so bei jenem Foto, auf dem Lenin im Mai 1920 in Moskau eine Rede hielt. Schirner hat Lenin von der Kanzel wegretuschiert. Aber bereits Stalin hatte dafür gesorgt, dass die verhassten und geschassten Revolutionäre Leo Trotzki und Lew Kamenew von den Stufen des Podests verschwanden.

Überhaupt, die "Lügenmedien" der "Mainstreampresse": Ihre Nachrichten sind ja auch nicht in Stein gemeißelt. Bei Olaf Menzels "NSU" (2013) sind sie zumindest auf Aluminium gepresst. Ähnliche Skulpturen Menzels beleuchten die Berichterstattung zum Maidan-Putsch in der Ukraine 2014 oder zur tödlichen Polizeigewalt gegen Rodney King 1991 und ihren Folgen. Und hinterlassen wegen ihrer Ambivalenz einen etwas faden Beigeschmack.

Im Bezug auf die NSU ist das Kunst- und Rechercheinstitut Forensic Architecture da schon konkreter, ja sogar investigativ. Für ihre beeindruckende Arbeit "77qm_9_26" rekonstruierte die Gruppe das kompette Internetcafé, in dem Halit Yozgat 2006 von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ermordet wurde. Und lassen in ihrer virtuellen Darstellung des Tathergangs die Aussagen des Ex-Verfassungsschützers Andreas Temme fragwürdig erscheinen.

Für die echten Weltverschwörungen sind ohnehin die Geheimdienste zuständig - und für die Geheimdienste (und das Militär) Trevor Palgen. Seine in Düsseldorf gezeigte Arbeit "Code Names" wirft jene Namen militärischer Organisationen von 2001 bis heute an die Wand, die als "Top Secret" klassifiziert sind. Das wirkt ähnlich harmlos wie die Strahlung eines Atomkraftwerks oder eine Überwachungskamera in der Straßenbahn.

Und in einer Zukunft, die man heute schon programmieren kann? Da werden die Verschwörungstheorien in wessen Auftrag auch immer von irgendwelchen Bots erfunden. Eigens für die Düsseldorfer Schau hat das Pariser Künstlerkollektiv Disnovation.org ein solches Szenario entwickelt. Da kann einem angst und bange werden.

Ansonsten ist von Wahrheit oder Lüge aber ohnehin alles nur Banane in unserer gleichnamigen Republik - oder wie soll man Andreas Slominskis vor sich hin reifende Skulptur aus dem Supermarkt sonst verstehen? Da bräuchte man jetzt Deutungshilfe, aber es hilft einem eh wieder keiner. Und wenn, dann kriegt man sicher wieder Fake News serviert.

"Im Zweifel für den Zweifel. Die große Weltverschwörung" ist noch bis zum 18. November 2019 im NRW-Forum Düsseldorf zu sehen.

Ein Stockwerk höher feiert die neue Ausstellungsreihe des NRW-Forums "Made in Düsseldorf" mit frühen Fotos von Thomas Ruff und Künstlerporträts des Otto-Steinert-Schülers Bernd Jansen ihr Debüt. Ruffs Bilder kennt man ja. Aber Jansens Dokumentation der Düsseldorfer Künstlerszene zwischen 1968 und 1995 ist derart originell und grandios, dass selbst Fotografen neidisch werden könnten.

Stand: 24.09.2018, 09:00 Uhr