"Von der Idee zur Form" in Krefeld

"Von der Idee zur Form" in Krefeld

Von Thomas Köster

Liegen zur Selbsterkenntnis, Sofas als Meterware und Gästemöbel in Säulenform: Mit spektakulären Entwürfen junger Designer hat sich das französische Herstellerduo Domeau & Pérès einen Namen gemacht. Und dem Kaiser Wilhelm Museum 60 Objekte geschenkt, die nun in Krefeld zu sehen sind.

Philippe Pérès (links) und Bruno Domeau im Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld 2018

"Es ist komisch, 20 Jahre Arbeit in einer Ausstellung vor sich ausgebreitet zu sehen", sagt der gelernte Polsterer Philippe Pérès (links) vom Herstellerdou Domeau & Pérès, dessen 1996 gegründetes Unternehmen zeitgenössische Form und Können verbindet. Hier wird eine Kombination von Design, Kunst und Handwerk gepflegt, die auch zu den Gründungsimpulsen des Museums gehörte.

"Es ist komisch, 20 Jahre Arbeit in einer Ausstellung vor sich ausgebreitet zu sehen", sagt der gelernte Polsterer Philippe Pérès (links) vom Herstellerdou Domeau & Pérès, dessen 1996 gegründetes Unternehmen zeitgenössische Form und Können verbindet. Hier wird eine Kombination von Design, Kunst und Handwerk gepflegt, die auch zu den Gründungsimpulsen des Museums gehörte.

60 Objekte samt Skizzen und Prototypen haben die Hersteller dem Kaiser Wilhelm Museum geschenkt, das damit seine Sammlung um ein schönes Konvolut vorwiegend französischer, teils aber auch internationaler Gestalter erweitern kann. Darunter ist Christophe Piletts auf sieben Exemplare limitiere "Video Lounge" (2003), die ihren Titel wörtlich nimmt.

Sich selbst bespiegelnde Selbsterkenntnis verbindet François Mangeol mit mathematischer Reflexion. Orientiert hat er sich dabei an einer mathematischen Konstante: der Kreiszahl Pi. Deshalb blickt der, der in den Spiegel schaut, bisweilen auch als ein anderer wieder hinaus. Auch Museumsdirektorin Katia Baudin.

Auf der gegenüberliegenden Seite präsentiert sich ein Sofa aus Modulen, die in Form und Länge beliebig kombiniert werden können. Vorne ragt ein Schreibtisch ins Bild, der mit Leder bespannt ist. Die Perfektion der Herstellung ist nahezu unglaublich.

Wenn Gäste kommen, sollte man immer präpariert sein. Kein Problem mit dem Exponat "Téo 2 à 3" von Matali Crasset von 1998, das sich als Hocker tarnt und zu einer Liege ausbreiten lässt. Der "Do not disturb"-Ring des Deckels verbreitet zusätzlich Hotel-Atmosphäre.

Matali Crasset ist eine jener Designerinnen, mit denen Domeau & Pérès am längsten zusammengearbeitet haben. Für die Handwerker-Unternehmer entwarf die inzwischen 52-Jährige zahlreiche experimentelle Möbel, von denen sich fast alle (wie dieser Sessel) inzwischen in Krefeld befinden.

Zur Schenkung gehören auch Möbelstücke der dem Dadaismus nahestehenden Schweizer Malerin, Bildhauerin, Textil-Gestalterin, Architektin und Tänzerin Sophie Taeuber-Arp. Sie werden in den Räumlichkeiten mit zeitgenössischen Gemälden aus der Sammlung des Museums konfrontiert – ebenso wie die Arbeiten der jüngeren Designer, was einen schönen Dialog ergibt.

Darunter sind auch die vier Mondrains, um die im März 2018 ein erbitterter Streit mit den Erben des niederländischen Malers entbrannt ist. Deren Anwalt hat bereits eine Klage auf Herausgabe und Schadenersatz in den USA angedroht. Vielleicht sind die Werke also hier zum letzten Mal zu sehen.

Jenseits dieses Spekulativen hat die Kombination aus Design und Kunst bisweilen tieferen Sinn. Sie habe sich gefragt, warum Jérome Gauthier für seine Ausstattung eines japanisch-französischen Restaurants so seltsame Farben gewählt habe, sagt Kuratorin Katia Baudin. Ganz einfach: "Bei der Gestaltung ...

... mit beliebig kombinierbaren Sitzelementen hat er sich von der Farbigkeit japanischer Holzschnitte inspirieren lassen." Als Domeau & Pérès erfuhren, dass eine dänische Designerin in den 1950er Jahren eine ähnliche Idee verfolgte, stoppten sie die Produktion. Der Prototyp von Krefeld ist also ein Unikat.

Bereits im April hat der deutsch-ungarische Designer Peter Ghycy dem Museum 14 Möbel sowie Zeichnungen und Archivdokumente zu Modellen hinterlassen, die er zwischen 1968 und 1972 für das Polyurethan-Unternehmen Elastogran realisierte. Auch sie werden im Rahmen der Ausstellung "Von der Idee zur Form" in Krefeld präsentiert.

Dabei ist auch Ghycys berühmter "Garden Egg Chair" von 1968, der auch unter dem Namen "Senftenberger Sitzei" bekannt geworden ist: ein aufklappbarer Sessel, mit dem der damals 28-jährige Designer den Zeitgeist in Form und Farbe aufnahm – ebenso wie den naiven Glauben an die Wunderkraft des Plastiks, von der sich Ghycy inzwischen distanziert. Spacig und cool ist das Teil bis heute.

Auf all jenen Produkten, die nicht auf einem Sockel stehen, kann man sich während der Laufzeit der Ausstellung übrigens niederlassen. Auch auf Martin Szekelys "Domo" (2005), der besonders raffiniert verarbeitet ist – und dazu noch ausnehmend bequem.

Wie komplex manche Strukturen daherkommen, illustriert unter anderem ein Stuhl der französischen Designerin und Architektin Odile Decq für die Eingangshalle der Unesco. Eines seiner Module liegt, der Bespannung entkleidet, in Krefeld auf dem Boden.

Ein Pappmodell in der Vitrine nebenan zeigt auf, wie ungeheuer komplex die Einzelteile der Skelettstruktur miteinander verwoben sind. Bei einem Tisch von Decq im selben Raum sollte man sich übrigens bücken, um unter die Platte zu schauen.

"Von der Idee zur Form" flankiert eine Ausstellung zum 150. Geburtstag des Industriedesign-Pioniers Peter Behrens, die vis-à-vis gezeigt wird – und zu der diese Wand mit Jugendstilarbeiten als Scharnier fungiert. Spannend ist dabei zu sehen, wie sich Behrens' Anspruch, Form und Funktion zu verbinden, bei den Designern der nächsten Generationen fortführt.

"Von der Idee zur Form. Domeau & Pérès: Dialoge zwischen Design und Handwerk" ist noch bis zum 14. Oktober 2018 zu sehen – ebenso wie "Peter Behrens. Das Praktische und das Ideale". Die ebenfalls sehenswerte Ausstellung "Force" des dänischen Künstlers Christian Falsnaes im zweiten Stock endet allerdings schon am 24. Juni. Also schnell hingehen.

Stand: 18.05.2018, 15:22 Uhr