Flut der Bilder: Hito Steyerl in Düsseldorf

Flut der Bilder: Hito Steyerl in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Hito Steyerl gilt als eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart. Die Kunstsammlung NRW richtet ihr nun ihre erste große Überblicksausstellung in Deutschland aus. Intelligent. Aktuell. Und anstrengend im positiven Sinn.

Hito Steyerl

"Ich bin Dokumentaristin", sagt die Video- und Installationskünstlerin Hito Steyerl. "Mich interessiert die Realität." Das ist wahr, aber auch nobles Understatement. Denn mit der Realität setzt sich Steyerl, die spätestens seit ihren Auftritten bei der Documenta in Kassel 2007 und der Biennale von Venedig 2015 zu den Publikumsstars gehört, eminent künstlerisch auseinander.

"Ich bin Dokumentaristin", sagt die Video- und Installationskünstlerin Hito Steyerl. "Mich interessiert die Realität." Das ist wahr, aber auch nobles Understatement. Denn mit der Realität setzt sich Steyerl, die spätestens seit ihren Auftritten bei der Documenta in Kassel 2007 und der Biennale von Venedig 2015 zu den Publikumsstars gehört, eminent künstlerisch auseinander.

Tatsächlich bespielt die 54-jährige Steyerl das K21 der Kunstsammlung NRW, das sich unter Susanne Gaensheimer von einer Art Dependance des K20 längst zur einem ebenbürtigen Ort entwickelt hat, mit Kunst für alle Sinne. Das ist laut und bildgewaltig ...

... und teils sogar haptisch eine Erfahrung, die sich mit einer Portion Sarkasmus paart: In einem Raum kann der Betrachter vom bequemen First-Class-Ledersessel aus dabei zuschauen, wie ein vollbesetztes Flugzeug abstürzt und danach verschrottet wird. Getreu dem eingeblendeten Motto, dass die Biografie eines Objekts seine Zerstörung mit einschließt.

"I Will Survive" lautet der an einen Song von Gloria Gaynor angelehnte Titel der Ausstellung: was in einer Welt, die immer unübersichtlicher geworden ist, schon eine trotzige Position mit einschließt. Und den Wunsch, sich einer Realität entgegenzustemmen, die vermehrt aus - auch visuellen - Fake News und globalem Daten-Kapitalismus besteht.

Reizüberflutung ist dabei ein wichtiges Thema. Denn Steyerl will in ihrer Kunst die Wirklichkeit sinnlich nicht auf eine simple Botschaft hin fokussieren, sondern so zeigen, wie sie ist: also vor allem als ein Übermaß vernetzter, das Individuum überfordernder Datenströme. Künstliche Intelligenz spielt dabei eine zentrale Rolle.

Ohnehin sind Steyerls Bild- und Soundcollagen am Puls der krisengeschüttelten Zeit. Es geht um Nationalismus und Antisemitismus, Klimawandel und Finanzströme, Postkolonialismus, Feminismus, Gewalt und Krieg, Big Data und KI. Und um die Pandemie.

Wie aktuell Steyerls Kunst ist, zeigt sich vor allem bei Steyerls neuester Arbeit "SocialSim", die speziell für die Düsseldorfer Schau gemacht worden ist. Der Titel bezieht sich auf den Versuch, in "sozialen Simulationen" das Verhalten von Menschenmassen vorauszuberechnen. Bei "SocialSim" werden Daten zum Anstieg von Corona-Infektionen, aber auch zur Häufigkeit von Todesdrohungen in Polizeicomputern oder nationalistische Tendenzen in Echtzeit verwertet.

Und immer wieder scheint auch der aufklärerische Gedanke durch, dass der Einzelne vielleicht doch wieder zur Besinnung kommt - und aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ausbricht, in die er sich durch die digitalen Medien mit großer Lust immer stärker begibt.

"Freiheit des Geistes" lautet eine auch politische Botschaft der Ausstellung, die als beflügelnde Hoffnung über allen Dingen schwebt.

Wer sich Steyerls Arbeiten der letzten zehn Jahre im K21 anschaut und anhört, der kann nachvollziehen, warum die Künstlerin laut der Kunstzeitschrift "ArtReview" 2017 auf der Liste der wichtigsten Persönlichkeiten im internationalen Kunstbetrieb den Spitzenplatz belegte. Denn das hier ist Videokunst auf höchstem Niveau.

"Bei meiner Kunst gibt es immer eine Ebene, die man sehr leicht versteht", sagt Steyerl. "Und dann kann man noch andere Ebenen darin entdecken, wenn man will. Muss man aber nicht." Sollte man aber. In "I Will Survive" hat man zumindest die Chance dazu.

Natürlich nur, wenn man genügend Zeit mitbringt. Um die acht Stunden dauert es, alle 17 Videoarbeiten der Ausstellung komplett anzuschauen.

"Hito Steyerl. I Will Survive" ist noch bis zum 10. Januar 2021 im K21 der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu sehen.

Stand: 28.09.2020, 13:00 Uhr