Platz fürs Alter: Performance-Duo zeigt Fassadenkunst in Köln

Platz fürs Alter: Performance-Duo zeigt Fassadenkunst in Köln

Von Thomas Köster

Zigarre rauchen, Wäsche falten, Hühnchen rupfen: Seit 25 Jahren setzen Angie Hiesl und Roland Kaiser ältere Menschen auf Stühle an Hausfassaden und lassen sie Dinge ihres Alltags tun. In Köln hat das Projekt begonnen. Nun kommt es mit einer Ausstellung im öffentlichen Raum nach Köln zurück.

Angie Hiesl und Roland Kaiser, Projekt x-mal Mensch Stuhl

Am Römisch-Germanischen Museum und an der Großbaustelle am Roncalliplatz hängen 16 großformatige Fotos, auf denen einige Stationen der Fassaden-Inszenierung "x-mal Mensch Stuhl" zu sehen sind. Einige wenige eigentlich. Denn bis heute war das Projekt in 37 Städten in 16 Ländern Europas sowie Nord- und Südamerikas zu Gast, darunter Rio de Janeiro, Amsterdam, Prag, Barcelona, Bogotá, Lima und Montréal.

Am Römisch-Germanischen Museum und an der Großbaustelle am Roncalliplatz hängen 16 großformatige Fotos, auf denen einige Stationen der Fassaden-Inszenierung "x-mal Mensch Stuhl" zu sehen sind. Einige wenige eigentlich. Denn bis heute war das Projekt in 37 Städten in 16 Ländern Europas sowie Nord- und Südamerikas zu Gast, darunter Rio de Janeiro, Amsterdam, Prag, Barcelona, Bogotá, Lima und Montréal.

Jedes Mal saßen rund zehn Performerinnen und Performer im Stadtraum verteilt in fünf Metern Höhe für rund eineinhalb Stunden auf einem rund 25 Kilogramm schweren Spezialstuhl aus Metall, um das zu tun, was ihnen aus ihrem Alltag wichtig war: Kreuzworträtsel lösen, Uhren reparieren, stricken, lesen oder Gemüse schnibbeln zum Beispiel. Aber auch gegen sich selber Karten spielen oder selbstgeschriebene Gedichte aufs Publikum herunterregnen lassen. Mehr Kontakt war aber nicht erlaubt: Die Distanz sollte bleiben.

Eine Distanz, die vor allem dadurch entsteht, dass man zu den 70- oder 80-jährigen Akteuren buchstäblich aufschauen muss. "Wir wollen, dass die Menschen sich die Fragen stellen, welche Rolle das Alter und das Altern in unserer Gesellschaft spielt", sagt Angie Hiesl, die "x-mal Mensch Stuhl" entwickelt hat und seit 1997 gemeinsam mit Roland Kaiser durchführt. Hier sitzt das Künstlerduo im Büro ihrer Produktionsfirma im Kölner Rheinhafen, das voll von Erinnerungen und Mitbringseln der vielen Reisen ist.

Bei "x-mal Mensch Stuhl" können Hiesl/Kaiser auf ein festes Ensemble zurückgreifen, das sie in langen Interviews gecastet haben. Die Idee zur Alltagssituation entwickelt sich dabei gemeinsam im Gespräch. "Wir geben der Aktion eine Form, die die Akteure mitgestalten", betont Hiesl. "Sie bleiben Souveräne ihrer Aktion, aber wir führen schon Regie."

Nur bei der Tour durch Südamerika kamen auch Einheimische mit an Bord. "In Peru zum Beispiel war klar, dass wir denen da nicht die Weißen über die Köpfe setzen konnten", sagt Hiesl. "Das wäre das falsche Signal gewesen."

Ihre Fassaden finden Hiesl/Kaiser bei Vorabbesuchen - wenn die Besitzer mitspielen natürlich. Manchmal spielte die Stadt dem Künstlerduo dabei besonders sinnige Sitzplätze in die Hände. Wie in Graz, wo eine Performerin namens Maria direkt neben einer Muttergottesstatue zum Sitzen kam. Eigentlich wollte Maria gar nichts tun außer sitzen. Weil das dramaturgisch aber nichts hergab, nippte sie 90 Minuten lang an einer Tasse Tee. Allein eine passende Tasse mit einer hinlänglich spannenden Unterseite zu finden war ein Abenteuer.

Manche Performance ließe sich übrigens heute gar nicht mehr realisieren. Die mit dem gerupften Huhn zum Beispiel. Hühner dürfen heute nämlich nur noch an der Peripherie der Städte gerupft werden, sagt Hiesl. Im urbanen Innenraum sei das verboten. Überhaupt würde der durch geschredderte Küken sensibilisierte Zeitgeist inzwischen an der uralten Praxis Anstoß nehmen.

Begonnen hat "x-mal Mensch Stuhl" 1995 in Köln. Auch wenn Angie Hiesl die Grundidee entwickelt hat, war Roland Kaiser doch von Anfang an dabei und hat Fotos gemacht. In Köln hingen damals noch 20 Stühle in der Stadt: 19 waren besetzt, einer umgedreht. Auf dem sollte eigentlich der in Köln ansässige US-amerikanische Fluxuskünstler Al Hansen, Ex-Freund Yoko Onos, sitzen. Aber der starb in der Zeit der Vorbereitungen. "Auch dieses Thema", sagt Hiesl, "war also von Anfang an bei uns präsent."

Inzwischen sind alle Banner am Roncalliplatz angebracht. Hiesl und Kaiser können in Köln jetzt also auch auf ein Vierteljahrhundert ihres eigenen künstlerischen Lebens zurückblicken. Ob man dabei auch an das eigene Alter denkt?

"Wir waren um die 40, als wir unsere erste Fassaden-Inszenierung machten", sagt Kaiser (hier zusammen mit Hiesl im Probenraum ihres Büros). "Und unsere Performer aus der Kriegsgeneration hätten unsere Großeltern sein können. Jetzt liegen nicht mehr allzu viele Jahre zwischen uns." Wichtig ist halt, dass man seinen Humor behält.

Alter kann man eben nicht aussitzen. Es kommt immer näher. Und ist erst mit dem Tod vorbei. Auch das ist eine Erkenntnis, die den Betrachter bei dieser Ausstellung unter freiem Himmel beschleichen kann.

Die Ausstellung zu "x-mal Mensch Stuhl" ist noch bis zum 31. Januar 2021 an der Fassade des Römisch-Germanischen Museums und vor den Abdeckplanen der Großbaustelle des DomCarrés zu sehen.

Zum Jubiläum ist im Dortmunder Kettler Verlag als Ergänzung zur Ausstellung ein schöner Band zum Projekt mit den Fotografien von Roland Kaiser erschienen (Kostenpunkt: 38 Euro). Und die zeugen nicht zuletzt ein ums andere Mal von seinem Sinn für situativen Humor.

Stand: 17.09.2020, 09:00 Uhr