"Sakrale Räume". Hermann Nitsch in Hagen

"Sakrale Räume". Hermann Nitsch in Hagen

Von Thomas Köster

Sprudelndes Kuhblut und quellende Gedärme geschlachteter Schweine: Hermann Nitschs Kunst ist vordergründig nichts für Veganer. In Hagen ist jetzt eine eher zahme Retrospektive des Wiener Aktionisten zum 80. Geburtstag zu sehen. Eine große Chance.

"Sakrale Räume". Hermann Nitsch in Hagen

"Ich glaube an das Sein, an die Lebendigkeit, an die Schöpfung", fasst Hermann Nitsch, einer der Mitbegründer des Wiener Aktionismus, seine Lebensphilosophie zusammen. "Die Elemente des Tragischen, des Leids und der Passion sind mir eben deshalb wichtig, weil ich das Leben absolut bejahe."

"Ich glaube an das Sein, an die Lebendigkeit, an die Schöpfung", fasst Hermann Nitsch, einer der Mitbegründer des Wiener Aktionismus, seine Lebensphilosophie zusammen. "Die Elemente des Tragischen, des Leids und der Passion sind mir eben deshalb wichtig, weil ich das Leben absolut bejahe."

Berühmt wurde Nitsch durch sein bereits mit 19 Jahren konzipiertes "Orgien-Mysterien-Theater": Als mystisches Gesamtkunstwerk konzipierte Performances auf seinem Schloss in Niederösterreich, die die Akteure in einem "6-Tage-Spiel" an den bewusstseinserweiternden Rand ihrer Existenz führen sollten.

Von diesen Ritualopern sind in Hagen zahlreiche Beispiele zu sehen - ebenso wie Dokumente von Tierschützern und kirchlichen Kritikern, die Nitsch bis heute einen unmenschlich blutrünstigen oder blasphemischen Umgang mit der Schöpfung vorwerfen. Wie Brigitte Bardot, die 1998 extra anreiste, um zu protestieren.

Jenseits der Skandale betont die Ausstellung aber auch die künstlerische Bedeutung der Aktionen, an denen schon Marina Abramović teilnahm. Dem entsprechend ist dieser Band auf Samt gebettet.

Gelingen soll dies neben allem Dokumentarischen vor allem über Nitschs Grafik und teils zur Collage erweiterten Malerei, die sich in Hagen imposant inszeniert. Titel sind den Arbeiten nicht beigegeben. Schließlich geht es um das Gesamtkunstwerk, das neben Farben auch Gerüche und (selbst komponierte) Musik mit einbezieht.

"Ich will sakrale Räume schaffen", sagt der Künstler über seine liturgische Arbeit. "Bei meinen Kollegen ist jedes Bild ein Kosmos. Bei mir sind die Bilder Bestandteil eines Kosmos."

Von der an Nietzsche orientierten "dionysischen" Wildheit des "Orgien-Mysterien-Theaters" zeugt in Hagen unter anderem die "Stiertrage" samt Monstranz, auf der sich auch der Künstler beim "6-Tage-Spiel" zu seinem niederösterreichischen Golgatha bringen ließ, ...

... wovon die - mit von Nitsch komponierter Musik begleiteten - Filme der Ausstellung einen lebhaften Eindruck vermitteln.

Am Boden zeugen die auf Leinwand gezogenen Laken der Aktionen mit ihren Fuß- und Schuhabdrücken vom wilden Treiben der Akteure. Nitsch will sie - weniger im biblischen, aber durchaus im religiösen Sinn - als "Auferstehungsfeier" verstanden wissen.

Und natürlich sind neben religiösen Symbolen auch Nitschs Malkleider in die Werke integriert. So wird deutlich, dass der ritualisierte Prozesscharakter der künstlerischen Schöpfung weit über dem Endergebnis steht.

Nitsch legt viel Wert darauf, dass er sein Tierblut ebenso wie die Tiere vom Schlachthof bezieht, sie also der Kette des industriellen Tötens entreißt, über die nachzudenken wir oft verlernt haben. So könnte man das "Orgien-Mysterien-Theater" ebenso wie die "Schüttbilder" durchaus auch als Protest gegen zivilisatorische Rohheit lesen.

Auf seinem Barockschloss Prinzendorf lebt Nitsch mit 30 Pfauen, fünf Katzen sowie diversen Hunden und Hühnern zusammen. "Ich kenne keinen Menschen", betont schließlich auch Kuratorin Julia Möbus, "der tierlieber wäre als Hermann Nitsch" - was Nitsch beinahe glücklich bejaht.

So kommt Nitschs Werk wie auch der Künstler in der Retrospektive eher handzahm daher. Und das ist gut so. Denn es bietet die große Chance, sich einem der immer noch umstrittensten Künstler der Gegenwart zu nähern.

Etwas schade ist eigentlich nur, dass es von Nitschs als "Gesamtkunstwerk für alle Sinne" konzipiertem Werk wenig zu riechen und rein gar nichts zu schmecken gibt. Dabei hätte man im Museumsshop unter der "Apotheke" mit Flüssigkeiten, Pulvern und Instrumenten aus der Nitsch'schen Werkstatt ...

... ja durchaus auch ein paar Flaschen des Weins anbieten können, den Nitsch auf seinem eigenen Weinberg keltert. Aber den, sagt Nitsch, "verschenken wir lieber. Oder trinken ihn gleich selbst." Diese Flaschen gehören leider zur Ausstellung.

Die Ausstellung "80 Jahre Nitsch" ist noch bis zum 3. Februar 2019 im Osthaus Museum Hagen zu sehen.

Für 2020 ist übrigens ein neues "Orgien-Mysterien-Theater" geplant. Wer in Hagen Blut geleckt hat, sollte sich vielleicht bewerben.

Stand: 05.12.2018, 09:16 Uhr