60 Jahre Menschen schaffen – Hans Josephsohn in Essen

60 Jahre Menschen schaffen – Hans Josephsohn in Essen

Von Thomas Köster

Mit seinen menschlichen Skulpturen gilt der Schweizer Hans Josephsohn als einer der größten Bildhauer der Nachkriegsmoderne. Jetzt widmet ihm das Museum Folkwang seine erste große Werkschau in Deutschland. Kaum zu glauben.

Hans Josephsohn. Existenzielle Plastik, Museum Folkwang, Essen 2018 (Ausstellungsansicht)

"Skulptur kann nicht viel." Das sagte ausgerechnet der 1920 in Königsberg geborene Bildhauer Hans Josephsohn, der als Jude 1938 in die Schweiz floh und dort für immer blieb. Mehr als 60 Jahre lang hat er aus diesem Wenigen ein imposantes Werk geschaffen, das sich in Zeiten der Abstraktion ausschließlich mit der menschlichen Figur beschäftigt hat.

"Skulptur kann nicht viel." Das sagte ausgerechnet der 1920 in Königsberg geborene Bildhauer Hans Josephsohn, der als Jude 1938 in die Schweiz floh und dort für immer blieb. Mehr als 60 Jahre lang hat er aus diesem Wenigen ein imposantes Werk geschaffen, das sich in Zeiten der Abstraktion ausschließlich mit der menschlichen Figur beschäftigt hat.

Ein Leben lang strebte Josephsohn danach, das menschliche Leben auszuloten, "so eine Art existenzielle Plastik" zu schaffen. Aus diesem scheinbar lapidar hingeworfenen Zitat haben die drei Kuratoren des Museum Folkwang und des Leihgebers Kesselhaus Josephsohn einen Ausstellungstitel gemacht, der ins Schwarze trifft.

In "Existenzielle Plastik" sind 77 teils großformatige Skulpturen und Reliefs aus dem Kesselhaus Josephsohn versammelt, das in Zürich beheimatet ist, wo der Bildhauer bis zu seinem Tod 2012 lebte. Zusätzlich illustrieren Modelle und Zeichnungen aus allen Schaffensphasen seine Arbeitsweise.

Gips, der "weiche Stein", war Josephsohns bevorzugtes Material. Das hat vor allem mit dem Prozess seiner Arbeit zu tun, der sich bei einer Skulptur auch schon einmal über Jahre hinziehen konnte. Aus den nacheinander aufgetragenen Schichten entstanden so Körper mit einer brüchig und zerklüftet wirkenden Haut, die selbst bei den Bronzeabgüssen noch verletzlich wirkt.

Ein wenig erinnert das von Arbeitsprozess und Ergebnis an Josephsohns Landsmann Alberto Giacometti, mit dem sich Josephsohn bei aller Eigenständigkeit selbst verglich: "Wenn wir bei Giocometti etwas wegnehmen, dann ist überhaupt nichts mehr da. Die Figur besteht nur aus Zusammenhängen. Das ist auch bei mir so."  

Josephsohn, der zumeist mit Modellen aus seinem nächsten Umfeld arbeitete, unterteilte sein Werk selbst in Gruppen: "Kopf", "Halbfigur", "Stehende", "Liegende". Tatsächlich ist damit alles umrissen – und eigentlich doch nichts gesagt. Denn das, was in dieser großen Retrospektive gezeigt wird, ist mit Worten kaum zu beschreiben.

Das beginnt schon mit der unglaublichen Ruhe, mit der die zum Teil ja überaus wuchtigen Figuren den Raum beherrschen. Und endet mit der großen Präzision, mit der Josephsohn seine Skulpturen Schicht für Schicht zusammensetzte, um das rechte Maß an Körperlichkeit und Abstraktion zu treffen.

Da gibt es teils überaus realistische Plastiken mit sehr deutlich herausgearbeiteten Gesichtern und solche, die Josephsohns Interesse für die antike Skulptur auch der Assyrer und Ägypter illustrieren.

Und dann muss man nach menschlichen Zügen nachgerade suchen. Und trotzdem wirkt alles evident.

Vor allem in den überlebensgroßen Messingskulpturen des fulminanten Spätwerks scheint der menschliche Körper wieder in jenen undefinierbaren Klumpen Lehm zurück zu versinken, aus dem er der biblischen Überlieferung zufolge ja von Gott erschaffen worden ist. Hier zeigt sich am deutlichsten, warum Josephsohn zu den ganz großen Bildhauern nach 1945 gehört.

"Das Schwierigste ist, dass etwas vollkommen natürlich wirkt und dass es die Kraft des Lebens hat", notierte Hans Josephsohn einmal. "Aber das erreicht man nicht, indem man die Natur einfach so nachahmt, wie sie ist." Wie man es erreichen kann, kann man mit großen Staunen in Essen sehen.

Und wenn man denn dann schon einmal da ist, sollte man auch noch ein paar Schritte weiter in die kleine, aber feine Munch-Ausstellung "Sehnsucht und Erwartung" gehen. Da wird bis zum 22. April neben – vor allem grafischen – Werken aus der eigenen Sammlung auch "Die Mädchen auf der Brücke" von 1927 aus dem Munch Museum in Oslo präsentiert.

"Hans Josephsohn. Existenzielle Plastik" läuft noch bis zum 24. Juni 2018 im Museum Folkwang in Essen. Zur Ausstellung ist auch ein sehr informativer Katalog mit Abbildungen aller gezeigten Werke erschienen.

Stand: 29.03.2018, 09:00 Uhr