Ökologisch demokratisch: Hans Haackes Kunst am Abteiberg

Ökologisch demokratisch: Hans Haackes Kunst am Abteiberg

Von Thomas Köster

Im September erhält Hans Haacke mit dem Goslarer Kaiserring eine der renommiertesten Auszeichnungen der Kunstwelt, und ein Kunstmagazin kürte ihn unlängst zur einflussreichsten Persönlichkeit der Szene. Jetzt zeigt das Museum Abteiberg in Mönchengladbach Haackes Frühwerk.

Hans Haacke vor seiner Skulptur "Gift Horse" auf dem Trafalgar Square in London

2015 stellte der 1936 in Köln geborene und inzwischen in New York lebende Künstler Hans Haacke (vorne) sein "Gift Horse" auf den Londoner Trafalgar Square. Der Titel des Pferdeskeletts spielt durchaus mit der Doppeldeutigkeit des Wortes "Gift" im Deutschen und im Englischen. Es ist ein Geschenk an die Bevölkerung, vor allem aber ein Mahnmal gegen die Zerstörung der Welt.

2015 stellte der 1936 in Köln geborene und inzwischen in New York lebende Künstler Hans Haacke (vorne) sein "Gift Horse" auf den Londoner Trafalgar Square. Der Titel des Pferdeskeletts spielt durchaus mit der Doppeldeutigkeit des Wortes "Gift" im Deutschen und im Englischen. Es ist ein Geschenk an die Bevölkerung, vor allem aber ein Mahnmal gegen die Zerstörung der Welt.

"Der Bevölkerung" ist auch ein umstrittenes Projekt gewidmet, das Haacke im Jahr 2000 im nördlichen Lichthof des Berliner Reichstagsgebäudes verwirklicht hat: Mit der knappen Mehrheit von zwei Abgeordneten stimmte der Bundestag für seine Realisierung. Das sich inzwischen selbst überlassene Biotop überwuchert seitdem den Neon-Schriftzug, der auf die Giebelschrift "Dem deutschen Volke" reagiert.

In der ebenso einfachen wie tiefgründigen Arbeit nimmt Haacke auf Bertolt Brecht Bezug: "Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht." Gleichzeitig schwört er das Parlament auf ihre ökologische Verpflichtung ein: Immer noch ist jeder Abgeordnete eingeladen, aus seinem Wahlkreis Erde mitzubringen. Ein entsprechender Jute-Sack ist in Mönchengladbach zu sehen.

Die vor allem mit dokumentarischem Material arbeitende Ausstellung macht deutlich, dass vieles, was Haacke später berühmt gemacht hat, im Frühwerk schon angelegt war. Schon in den 1970er Jahren nämlich schüttete Haacke auf seinem New Yorker Atelierdach für die Arbeit "Bowery Seeds" einen Haufen Erde auf, der sich wild begrünte. Wirkt auf den ersten Blick unglaublich banal, war für das Skulpturverständnis der Zeit aber unglaublich revolutionär.

Ameisenkollektive oder Schildkröten spielten als lebendes Skulpturensystem in diesen Werken eine Rolle. Oder Küken in einer Brutkastenmaschinerie, deren Population den Raum strukturiert (oben). Dabei war Scheitern immer auch möglicher Teil des Prozesses. So war dem Beo-Vogel auf dem unteren Bild der Satz "All Systems Go" einfach nicht beizubringen. Schön und klug, wenn sich die Natur auch mal der Kunst verweigert.

Viel zu lesen hat man in Mönchengladbach. Aber man darf, ganz im Sinn von Haackes partizipativer Grundidee, auch anpacken. Der Zylinder ruht schon lange als Dauerleihgabe im Depot. Für die Ausstellung wurde er unter Haackes Aufsicht dupliziert. Jetzt kann man ihn drehen und sehen, wie sich eine blaue Flüssigkeit im Zylinder ausbreitet - sich also das System verändert.

Von der blauen Säule führt eine Blickachse direkt zum monochromen Blau Yves Kleins. Solche Bezüge sind Mit-Kuratorin Felicia Rappe, die die Ausstellung aus München von Ursula Ströbele übernommen hat, sehr wichtig. Bewusst haben beide die Schau innerhalb der Sammlung von Kunst der 1960er und 1970er Jahre eingerichtet. Auch so kann Haacke im Kontext buchstäblich "ergangen" werden.

Das wird vor allem in Räumen interessant, wo Werke von Künstlern zu sehen ist, mit denen Haacke zusammengearbeitet hat. Mit Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker von der ZERO-Gruppe zum Beispiel. Mit ihnen hat Haacke 1965 am Pier von Scheveningen ein skulpturales Freiraum-Ensemble entworfen, aus Ölfeuer-Tonnen auf Flößen mit Zero Botschaften als Flaschenpost.

Aber auch sonst erweist sich die Einbettung von Haackes Ausstellung in die ständige Sammlung als Glücksgriff. Denn selbst zum strengen Minimalismus des Konzeptkünstlers Robert Morris gleich hinter dem ZERO-Raum gibt es Bezüge. Das wird aber erst klar durch den Dialog vor Ort.

Und wie ging es weiter mit einer ökologisch ausgerichteten Kunst? Das wird ein Stockwerk weiter oben in der grandiosen Ausstellung der US-amerikanischen Künstlerin und Umweltaktivistin Andrea Bowers deutlich, die unter anderem Plattformen von sogenannten Tree-Sitting-Aktionen ins Museum bringt...

... und in einer besonders schönen Installation das Klavier von Petra Kelly neben das "Rosenklavier" von Joseph Beuys drapiert. In den 1980er Jahren haben die beiden Mitbegründer der Partei "Die Grünen" ökologischen Themen den Weg ins bundesdeutsche Parlament geebnet. Und damit "Der Bevölkerung" einen grünen Dienst erwiesen. Womit der Kreis geschlossen wäre.

"Hans Haacke. Kunst Natur Politik" und "Andrea Bowers. Grief and Hope" sind noch bis zum 25. Oktober 2020 im Museum Abteiberg in Mönchengladbach zu sehen. Und auf dem Dach weht die Arbeit "Wir (alle) sind das Volk", die Haacke 2017 für die Documenta 14 in Kassel konzipiert hat. Die Mahnung mitzumachen hat sich der inzwischen 83-jährige Künstler halt immer noch auf die Fahnen geschrieben.

Stand: 22.06.2020, 11:00 Uhr