Himmel und Erde verbinden: Hannsjörg Voth in Wuppertal

Himmel und Erde verbinden: Hannsjörg Voth in Wuppertal

Von Thomas Köster

Seit den 1970ern macht der Münchner Künstler Hannsjörg Voth mit spektakulären Land-Art-Projekten auf sich aufmerksam. Das Wuppertaler Von der Heydt-Museum öffnet am Dienstag (19.05.2020) wieder - mit einer sehenswerten Ausstellung zu Voths Schaffen.

Hannsjörg Voth. Zu Lande und zu Wasser. Von der Heydt-Museum, Wuppertal 2020 (Ausstellungsansicht)

Himmel und Erde, Natur und Kultur, Materie und Schwerelosigkeit, kosmische Idee und archaische Muster: All das wollte der 1940 in Bad Harzburg geborene Künstler Hannsjörg Voth in seinen Land-Art-Projekten verbinden. Eindrücklichstes Symbol dieses Strebens ist vielleicht die 23 Meter hohe "Himmelstreppe" aus Lehm in der Marha-Ebene Marokkos. In deren oberstem Raum steht ein vor Ort gefertigtes Flügelpaar aus eisernen Messern mit einer Spannweite von 3,50 Metern.

Himmel und Erde, Natur und Kultur, Materie und Schwerelosigkeit, kosmische Idee und archaische Muster: All das wollte der 1940 in Bad Harzburg geborene Künstler Hannsjörg Voth in seinen Land-Art-Projekten verbinden. Eindrücklichstes Symbol dieses Strebens ist vielleicht die 23 Meter hohe "Himmelstreppe" aus Lehm in der Marha-Ebene Marokkos. In deren oberstem Raum steht ein vor Ort gefertigtes Flügelpaar aus eisernen Messern mit einer Spannweite von 3,50 Metern.

Anhand von Originalmodellen, Zeichnungen und den mit der Leica teilweise aus dem Hubschrauber aufgenommenen Fotografien von Voths Frau Ingrid Amslinger dokumentiert "Hannsjörg Voth. Zu Lande und zu Wasser" acht Großprojekte des Münchner Künstlers, deren Assoziations- und Phantasiereichtum den Betrachter bis heute staunen lässt. Wie kann so etwas möglich sein, fragt man sich. Und warum weiß noch nicht alle Welt davon?

Wie schwierig es für Voth beizeiten gewesen ist, eine Lanze für seine Kunst zu brechen, zeigt schon das erste, "Feldzeichen" genannte Projekt, bei dem Voth 28 Meter hohe, mit Leinentüchern und mit Stricken umspannte Fichtenstämme auf einer Endmoräne bei Ingelsberg errichten ließ: Für ein Jahr erhielt er nach langem Ringen die Erlaubnis, das Werk aufzustellen, 45 Einheimische und Freunde wirkten mit.

Zwei Monate nach der Errichtung rückten Banausen den "Feldzeichen" mit der Motorsäge zu Leibe. Daran erinnert eine kleine Installation am Rande der Schau, die zudem deutlich macht, welche Rolle Verschnürungen und Umwickelungen in Voths Gesamtwerk spielen. Mit Christo hat das aber laut Voth nichts zu tun: "Meine Verschnürungen haben sehr viel mit dem Verbinden einer Wunde zu tun, während Christo verhüllt, um zu enthüllen."

Das zeigt sich auch an der rund 20 Meter langen und in Leinentücher gewickelten Figur, die Voth mit drei bayerischen Flößern und einigen Freunden 1978 auf einem 32 Meter langen Floß von Speyer in die Nordsee brachte, um sie dort wie bei einer Wikingerbestattung rituell zu verbrennen. "Zweieinhalb Jahre Arbeit und rund 300.000 Mark wurden nach einer kurzen Reise von zehn Tagen innerhalb von zehn Minuten verbrannt", erinnerte sich Voth in einem Interview. "150 Tonnen Material lösten sich in Rauch auf."

Andere Projekte stehen bis heute. So die "Goldene Spirale" (1992-1997) in der marokkanischen Marha-Ebene, die noch am ehesten an klassische Land-Art-Projekte US-amerikanischer Prägung erinnert. Mit einem Grundriss von 60 mal 90 Metern ist sie nach der mathematischen Fibonacci-Reihe konzipiert, die in der Architektur von Naturformen eine entscheidende Rolle spielt.

Ein Rutengänger fand den Ort, denn für den Bau der Spirale, die von sechs auf 260 Meter aufsteigt und von 40 Einheimischen in fünfjähriger Arbeit errichtet wurde, brauchte es einen Brunnen - ebenso wie zum Überleben der Gruppe. Eine Wendeltreppe im Zentrum führt in 27 Stufen zu den Arbeits- und Wohnräumen. Weitere 100 Stufen tiefer kommt man zur Wasseroberfläche, auf der ein aus Edelmetall geschmiedetes "Urboot" schwimmt.

Ebenfalls noch erhalten ist die "Stadt des Orion" (1997-2003) in Sichtweite der "Himmelstreppe" und der "Goldenen Spirale". In ihr sind die sieben Hauptsterne des Orion durch sieben Beobachtungstürme dargestellt. Deren Abmessungen leiten sich von der Helligkeit und der Ausdehnung der Sterne her, die Ausrichtung der Türme ist astronomisch berechnet.

Den originalen, von Voth beigesteuerten Wüstensand unter dem Objekt hat übrigens Kuratorin Anna Storm eigens mit Löffel und Sieb fein säuberlich auf die Bodenplatte aufgebracht: Wegen der Corona-Pandemie konnte der Künstler, der im Februar seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, zum Ausstellungsaufbau nicht anreisen.

Ergänzt wird die ausstellungsarchitektonisch schön aufbereitete Dokumentation durch beeindruckende Materialbilder, die Voth - teils in seinen bewohnbaren Objekten - aus vor Ort vorgefundenen Werkstoffen wie Wüstensand, Lehm oder auch Socken angefertigt hat und die Mythenwesen und Sagen der jeweiligen Region zum Thema haben.

Mit durchsichtigem Kleber hat Voth sein Material dabei nicht etwa auf Holz oder Leinwand, sondern auf Büttenpapier aufgebracht. Ein echtes Wagnis, denn der Transport aus den Weltregionen nach München muss äußerst riskant gewesen sein.

Zumindest den in Wuppertal ausgestellten Bildern, die zum Teil schon mehrere Jahrzehnte alt sind und trotzdem sehr frisch wirken, merkt man diese Strapazen nicht an.

"Hannsjörg Voth. Zu Lande und zu Wasser" ist noch bis zum 13. September 2020 im Von der Heydt-Museum in Wuppertal zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen.

Stand: 18.05.2020, 11:11 Uhr