Voll auf Farbe: Grosse trifft Graubner in Duisburg

Voll auf Farbe: Grosse trifft Graubner in Duisburg

Von Thomas Köster

Auch wenn ihr Hang zum abstrakten Farbrausch sie eint: Unterschiedlicher könnten die Werke von Katharina Grosse und Gotthard Graubner nicht sein. Im MKM Museum Küppersmühle prallen sie aufeinander.

Katharina Grosse in ihrer Ausstellung Farbe absolut. Katharina Grosse x Gotthard Graubner, MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg 2019

Anfangs war selbst Katharina Grosse skeptisch. "Das wird nicht einfach. Das birgt Konflikte", hat die Berliner Künstlerin gesagt, als die Macher der Schau mit dem Plan an sie herangetreten sind, ihre Arbeiten mit denen ihres ehemaligen Düsseldorfer Lehrers Gotthard Graubner in einen Dialog treten zu lassen.

Anfangs war selbst Katharina Grosse skeptisch. "Das wird nicht einfach. Das birgt Konflikte", hat die Berliner Künstlerin gesagt, als die Macher der Schau mit dem Plan an sie herangetreten sind, ihre Arbeiten mit denen ihres ehemaligen Düsseldorfer Lehrers Gotthard Graubner in einen Dialog treten zu lassen.

Katharina Grosse ist berühmt für ihre wild-expressiven, rauschhaft wirkenden Großformate, die sie in Graffiti-Manier mittels einer kompressorbetriebenen Spritzpistole und teils unter Einsatz von Schablonen auf Tücher und Leinwand sprüht. Das eindrucksvollste Beispiel in Duisburg die fast 17 Meter lange und fünf Meter hohe Stoffbahn "o.T." aus dem Jahr 2018.

Gotthard Graubner hingegen nutzt Farbe für seine mit überdimensionalen Pinseln entstandene "Kissenbilder". Anders als bei Grosse unterstreichen hier teils konkrete Titel den Effekt. Im MKM kann man in diesem Sinn unter anderem Graubners "Assisi"-Zyklus (1986) auf sich wirken lassen: Links "Die Vögel", mittig "der Traum", rechts "Der Sonnengesang".

In Duisburg kann man sich Grosse und Graubner separat in Räumen nähern, die jeweils einem der beiden Künstler gewidmet sind. Das ist wichtig, um nicht gleich vom Eindruck der Konfrontation überwältigt zu werden. Wenn man sich dann auf die Spannungen einlässt, wird man durch ein beeindruckendes Zusammenspiel belohnt.

Denn es gibt auch viele Gemeinsamkeiten. Grosse und Graubner arbeiten beide abstrakt. Das Thema ihrer Bilder ist die Farbe, die nichts mehr abbilden, sondern einzig für sich selber sprechen will. Ihre Bilder sind raumgreifende Körper, die aus der Leinwand hinauswachsen (links: Katarina Groses "o.T." von 2016, hinten Graubners "o.T." von 2005).

Bei Graubners "Kissenbildern" flirrt die Farbe geradezu aus der Leinwand heraus ("Wüstenlack", 1995) ...

... oder kämpft auf der mit Synthetikwatte hinterfütterten Bildträger mit Schwerkraft gegen die eigene, vermeintlich monochrome Leichtigkeit ("Gesacktes Kissen", 1971).

Katharina Grosse wiederum schichtet ihre bunt besprühten Tücher übereinander und wirft mit ihren Faltungen die Frage auf, wie die oft totgesagte Malerei in der Gegenwart überleben kann. In Duisburg kann der Besucher in einem 16-Meter-Parcours auch hinter der zentralen Tucharbeit wandeln und untersuchen, wie Farbe und Tuch sich verbunden haben.

"Unsere Arbeiten gehen ja auf ähnliche Grundannahmen zurück, zum Beispiel eine offene Struktur, die Energie der Farbe und deren Verbindung zum Körperlichen", unterstreicht dementsprechend auch Katharina Grosse. "Wobei das Überraschende ist, das wir zu so verschiedenen Bildformen gekommen sind."

So gibt die Duisburger Schau mit ihren über 50 raumgreifenden Werken nicht zuletzt Einblicke, die die Gemeinsamkeiten offenlegen, den Unterschieden aber auch Raum gewähren: Wellen bei Grosse, Wölbungen bei Graubner zum Beispiel. Pure malerische Kraft, gebunden in komplett anderen Aggregatzuständen.

"Das Bild ist ja eine Membran zwischen Materie und Idee, Körper und Raum", sagt Grosse. "Graubner hat darauf in den 80er-Jahren eine Antwort gefunden." Und fügt mit dem ihr eigenen, hintergründig-sanften Humor hinzu: "Ich bin froh, das er das so gemacht hat. Dann muss ich das nicht mehr machen."

Vier Jahre lang war Grosse Meisterschülerin von Gotthard Graubner an der Kunstakademie in Düsseldorf, an der sie später selbst von 2010 bis 2018 eine Professur innehatte. Davor war sie in Münster Schülerin des gegenständlichen Malers Norbert Tadeusz, der momentan dank einer aufregenden Retrospektive im Düsseldorfer Kunstpalast wiederentdeckt werden kann (bis 2. Februar 2020).

Dass Grosse aus den Einflüssen, die man ihr gerne unterstellt, etwas ganz eigenes gemacht hat, wird in der direkten Konfrontation in Duisburg deutlich. Ein Dialog auf Augenhöhe, der auch Graubner in die Gegenwart rettet ("o.T.", 2017).

Selbst wenn es vielleicht nicht einfach war, die Werke so zu hängen, wie sie in der Schau nun hängen: Es ist der ehemaligen Direktorin des Museums für Gegenwartskunst Siegen und nunmehr freien Kuratorin Eva Schmidt (im Bild) gelungen. Auch und gerade, weil die Konflikte bleiben.

"Farbe absolut. Katharina Grosse x Gotthard Graubner" ist noch bis zum 26. Januar 2020 im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg zu sehen. Auch der Ausstellungskatalog, der alle versammelten Werke präsentiert, ist sehr schön anzusehen ("o.T.", 2015).

Stand: 01.11.2019, 11:44 Uhr