Unterwegs mit dem Installationskünstler Gregor Schneider

Unterwegs mit dem Installationskünstler Gregor Schneider

Von Susanne Schnabel

Zwischen Hallen, "Haus u r" und sterbenden Dörfern: Die Kunstbloggerin Dr. Elke Backes hat mit dem Künstler Gregor Schneider eine Tour durch dessen Arbeitsstätten in Mönchengladbach gemacht. Wir haben die beiden begleitet.

Elke Backes und Gregor Schneider in einer Lagerhalle - Impressionen aus dem Altelierbesuch bei Gregor Schneider

Elke Backes ist Kunsthistorikerin, Kunstbloggerin und Kunstjournalistin aus Mönchengladbach. Sie besucht Künstler auf der ganzen Welt in ihren Ateliers, zum Beispiel Jonathan Meese, Jürgen Klauke, Katharina Sieverding, Fabian Seyd, Chris Soal oder Eva und Adele. Auf den Besuch bei Gregor Schneider freut sie sich besonders, denn sie ist bekennender Fan seiner Kunst.

Elke Backes ist Kunsthistorikerin, Kunstbloggerin und Kunstjournalistin aus Mönchengladbach. Sie besucht Künstler auf der ganzen Welt in ihren Ateliers, zum Beispiel Jonathan Meese, Jürgen Klauke, Katharina Sieverding, Fabian Seyd, Chris Soal oder Eva und Adele. Auf den Besuch bei Gregor Schneider freut sie sich besonders, denn sie ist bekennender Fan seiner Kunst.

Schon seit mehreren Jahren hat Elke Backes immer wieder mal bei Schneider nach einem Termin gefragt. "Da wegen Corona alle Ausstellungen abgesagt wurden, konnte ich mir jetzt endlich die Zeit nehmen", sagt Schneider. Fast fünf Stunden dauert der Ausflug in die Schneider-Welt.

Zunächst in die Miniaturwelt, denn Schneider, Jahrgang 1969, hat von all seinen Räumen kleine Modelle angefertigt. Auf großen Tischen stehen die Grundrisse der Museen, in denen der seine Räume platziert. "Hier plane und organisiere ich die Ausstellungen", erklärt Schneider.

"Jedes Museum erwartet von mir Maße, Gewichte und alle möglichen Informationen, damit so ein Raum auch in einem Museum gezeigt werden kann", sagt er.

Danach kommen diese Räume meist zurück nach Rheydt und Schneider archiviert sie. Kleine Projekte kommen in das kleine Lager, wo sich auch ein Fotostudio befindet, große Projekte ...

... lagern in der große Halle. Acht Meter hoch ist das Tor, 20 Meter misst die Deckenhöhe.

Alle Kisten sind ordentlich beschriftet. Schneider bewahrt die Originale, setzt sich dafür ein, dass Raumkunst gesammelt wird - Nachbauten sind ihm ein Graus: "Zum Beispiel sind Räume von Kurt Schwitters und Absalon postum nachgebaut worden. Ich denke, wenn man genau hinschaut, sieht man Unterschiede und es geht dadurch sehr viel verloren." Die Künstler Kurt Schwitters (1887-1948) und Absalon (1964-1993) haben sich mit Raumkunst beschäftigt.

Schneider archiviert auch alle Filme und Fotos, die er macht, im Original: "Auf Aquapapier - so was gibt es heute gar nicht mehr."

Mit Schneiders Auto - einem alten Volvo-Kombi - geht es zum Braunkohle-Abbaugebiet Garzweiler. Es ist nur etwa zehn Minuten Fahrzeit von Mönchengladbach-Rheydt entfernt. Seit mehr als 30 Jahren setzt sich Schneider mit den sterbenden Dörfern auseinander. "Schade, dass hier Künstler nicht eingeladen worden sind. Das ist eine große vertane Chance, die Zukunft der Dörfer zu gestalten. Ich habe es immer wieder versucht. Man wollte alles - nur keine Öffentlichkeit."

Nächste Station ist das Geburtshaus von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Gregor Schneider kaufte es 2014, entkernte es und hat den Schutt in Warschau ausgestellt. Anschließend stellte er den Laster mitsamt Schutt vor die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Schneider hat das Haus zuvor systematisch erforscht und dokumentiert, hat versucht dort zu wohnen, aber: "Der Nazigeist war auch in Form von Büchern über Phrenologie und Rassenkunde noch im Haus. Die Gegenwart dieses Geistes in den Mauern war unerträglich." Am liebsten würde Schneider das Haus abreißen lassen, aber die Statik des Nachbarhauses wäre gefährdet.

Nur etwa Hundert Meter vom Goebbels-Haus entfernt befindet sich der Höhepunkt für Elke Backes Besuch in der Schneider-Welt: das berühmten "Haus u r", von dem sie schon so viel gelesen hat und dessen Foto- und Filmdokumentationen sie immer fasziniert haben. Es ist ein von außen unspektakuläres zweistöckiges Wohnhaus, das Schneiders Familie gehört. Das "u r" steht übrigens für Unterheydener Straße.

Anlässlich der Biennale 2001 transportierte Gregor Schneider 24 Räume des "Haus u r" mit einem Gewicht von 150 Tonnen von seiner Heimatstadt in den Deutschen Pavillon nach Venedig. Sein "totes haus u r" gewann den Goldenen Löwen.

Im "Haus u r" befindet sich die berühmte "Liebeslaube". Das Zimmer hat keine Tür. Backes und Schneider krabbeln durch ein Wandloch von hinten in den Küchenschrank unter der Spüle hindurch. "Es ist toll, das alles mal berühren zu dürfen", sagt Elke Backes.

Elke Backes Fazit nach fünf intensiven Stunden mit Gregor Schneider in ihrem Blog: "Immer wieder werden Spuren von Individualität ausgelöscht und Fragen nach Originalität, nach nicht sichtbaren Realitäten aufgeworfen. Gregor Schneider inszeniert etwas surreales Fremdes, etwas unbestimmt Anderes, irgend etwas zwischen Auslöschung und Bewahrung, das die eigene Verortung in Raum und Zeit durcheinanderwirbelt und vormals sicher geglaubte Wirklichkeiten in Frage stellen lässt."

Stand: 08.06.2020, 08:00 Uhr