"100 Jahre lenkbares Licht" im Kölner MAKK

"100 Jahre lenkbares Licht" im Kölner MAKK

Von Thomas Köster

Früher kam Beleuchtung starr von Tisch, Wand oder Decke. Dann kam Curt Fischer und erfand 1919 mit seinem Scherenarm das "bewegliche Licht". Inzwischen gibt es viele Leuchten, die z.B. mit Gelenken ausgerichtet werden können. Zum Auftakt des Bauhaus-Jahres 2019 zeigt das Kölner MAKK rund 90 Klassiker.

100 Jahre lenkbares Licht, MAKK, Köln 2019 (Ausstellungsansicht)

Das Nachkriegsjahr 1919 war auch im Design ein Jahr des Umbruchs. In Weimar bildet sich das Bauhaus, im 80 Kilometer entfernten Auma übernimmt Curt Fischer den Porzellan-Zulieferer seines gefallenen Freundes. Für die dortigen, von starren Deckenlampen beleuchteten Werkbänke entwickelt Fischer eine Lampe mit beweglichem Scherenwandarm: die Geburtsstunde des "lenkbaren Lichts".

Das Nachkriegsjahr 1919 war auch im Design ein Jahr des Umbruchs. In Weimar bildet sich das Bauhaus, im 80 Kilometer entfernten Auma übernimmt Curt Fischer den Porzellan-Zulieferer seines gefallenen Freundes. Für die dortigen, von starren Deckenlampen beleuchteten Werkbänke entwickelt Fischer eine Lampe mit beweglichem Scherenwandarm: die Geburtsstunde des "lenkbaren Lichts".

Die Lampe revolutioniert die Produktion: Die Arbeiter werfen keine Schatten mehr auf die Werkstücke, das Licht kann dank eines verstellbaren Auslegers und eines ebenfalls beweglichen Lampenkopfes gezielt fokussiert werden. Vor allem das Bauhaus ist begeistert und ordert ebenfalls Exemplare.

Der Erfolg führt Fischer dazu, unter dem Namen "Midgard" Lampen in größerem Stil zu produzieren. Bis zu seinem Tod 1956 erhält er mehr als 160 Schutzrechte, Patente und Gebrauchsmuster für seine Entwürfe. Hierzu gehört auch die um 1930 entstandene Scherenarmleuchte Nr. 110/F mit transluzentem Pergamentschirm und vernickelter Schere, die zeigt, dass das lenkbare Licht längst den Weg von der Fabrik ins Wohnhaus gefunden hat.

Ein im MAKK gezeigter Bauhaus-Film aus dem Haus Gropius illustriert, wie begeistert die jungen Architekten und Designer von der Erfindung waren. Die Midgard-Tischarmleuchte Nr. 113 (um 1924) wurde 1928 auch im Haus von Josef Albers installiert, Feininger, Gropius und Moholy-Nagy nehmen ihre "Midgard" später mit nach Amerika.

Einen anderen Weg hin zu lenkbarem Licht beschritt kurz nach Fischer der Schwede Johan Petter Johansson, der nicht nur die Rohrzange erfand, sondern 1927 auch das Doppelkugelgelenk. Leider ist hiervon in der Ausstellung kein Exemplar vertreten. Hier ein einfaches Kugelgelenk in einem AEG-Werksentwurf zu einer Werkplatzleuchte aus der Mitte der 1930er Jahre.

Initiiert wurde die Ausstellung von David Einsiedler, hier beschienen vom (allerdings starrem) Licht einer Vintage-Industrieleuchte aus seinen Beständen. Schon früh sammelte er vor allem Midgard-Klassiker auf Flohmärkten und rettete die ostdeutsche Traditionsmarke 2015 vor der Insolvenz.

In seiner Werkstatt baut Einsiedler mit den Original-Werkzeugen inzwischen auch Klassiker wieder nach, die in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus entstanden. So die Kalotten-Leuchte Nr. 831, die Heinrich Siegfried Bormann zugeschrieben wird und um 1931 entstand. Hier noch ein Original-Kopf.

Auf Heinrich Siegfried Bormann soll auch die Rohrtischleuchte Kandem Nr. 934 von 1932 zurückgehen, die in der Kölner Schau in einer schönen roten Variante zu sehen ist. Fuß und Arm des Exemplars sind aus einem Guss.

Von den Schreibtischleuchten wie der wundervollen "Ruhla" von Christian Dell (1949) ...

... oder der aufwändig konstruierten und bis heute äußerst modern und etwas dromedarig wirkenden "Arpela Gelenklampe D.R.P." (um 1948) ...

... führt ein weiter Weg bis hin zu jüngeren Entwicklungen wie der "Roxxane Office" (2016) von Rupert Kopp, die noch auf dem alten Prinzip der Gelenktechnik basiert und ihre schlanke Form modernster LED-Technik verdankt.

Ein späterer Klassiker lenkbarer Beleuchtung steht im MAKK ein Stockwerk höher: Richard Sappers 1972 ersonnene und in den 1980er Jahren zum Chefbüro-Statusklassiker avancierte Halogenleuchte "Tizio" schmückt auch die Ausstellung "34 x Design", die gerade bis zum 24. April 2019 verlängert wurde.

Die ausgewählten Objekte sind eine echte Schau und geben einen guten Überblick über die Veränderung des guten – und teils bis heute spacigen – Geschmacks seit 1918.

Vor allem aber ergänzt sie die Präsentation die Leuchtenschau im Stockwerk drunter durch jene Design-Highlights, die direkt aus dem Bauhaus oder von Strömungen aus dem geistigen Umfeld entwickelt wurden. Wie Gerrit Rietvelds "Rot-Blauen-Stuhl" von 1918, ein Klassiker der niederländischen De Stijl-Bewegung.

"100 Jahre lenkbares Licht" ist noch bis zum 24. Februar 2019 in Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) zu sehen. Präsentiert wird sie auf einer Konstruktion von bis zu drei Meter hohen Stahlrohrelementen des Möbelherstellers Thonet – auch dies laut den Machern eine "Hommage an 100 Jahre Bauhaus".

Stand: 12.01.2019, 18:29 Uhr