Kunst als Entschleunigung. "Der Flaneur" in Bonn

Kunst als Entschleunigung. "Der Flaneur" in Bonn

Von Thomas Köster

Im 19. Jahrhundert streifte der Flaneur durch die Straßen der Großstadt und sog die Eindrücke in sich auf. Oft wurde daraus Kunst. Dass dieser Impuls für unsere Gegenwart fruchtbar sein könnte, zeigt jetzt eine tolle Schau im Kunstmuseum Bonn.

Der Flaneur. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart, Kunstmuseum Bonn 2018 (Ausstellungsansicht)

Der Flaneur ist eine Erfindung der explodierenden Großstadt im 19. Jahrhunderts. Lange bevor der Begriff der Entschleunigung en vogue war, stellte er sich mit einer gewissen Blasiertheit dem Trubel der Menge entgegen. Und nahm bei seinen Wanderungen in sich auf, was er sah (Rudolf Schlichter, "Hausvogteiplatz", um 1926).

Der Flaneur ist eine Erfindung der explodierenden Großstadt im 19. Jahrhunderts. Lange bevor der Begriff der Entschleunigung en vogue war, stellte er sich mit einer gewissen Blasiertheit dem Trubel der Menge entgegen. Und nahm bei seinen Wanderungen in sich auf, was er sah (Rudolf Schlichter, "Hausvogteiplatz", um 1926).

In Edgar Allan Poes Erzählung "Der Mann der Menge" (1940) taucht die Gestalt dieses Müßiggängers im "widerwärtigsten Viertel Londons" auf, zur Jahrhundertwende wird sie fester Bestandteil der Dichtung auf den Pariser Boulevards. Und der Kunst, wie jetzt in Bonn zu sehen ist.

Versammelt sind 160 Werke von 68 Künstlern aus über 100 Jahren, die uns diese vom Flaneur gelebte Entdeckung der Langsamkeit vor Augen führen. Und zeigen, wie die Stadt auf den malenden, zeichnenden oder fotografierenden Spaziergänger zurücksah.

Das bezog auch den Schaufensterbummel mit ein. August Macke hat dies an der Schwester des Flaneurs, der Passantin, eingefangen.

Wie geschickt sich da der Bogen spannen lässt, zeigt sich an den frühen Fotografien Candida Höfers von 1968. Die Motive von Macke und Höfer sind ähnlich, ebenso wie die verinnerlichte Ruhe und die Spannung zwischen Betrachterin und Kaufobjekten.

"Aus heutiger Sicht erscheint der Flaneur als Anachronismus oder als Sehnsuchtsfigur", sagt Museumsdirektor Stephan Berg. Letzteres wegen seines Gegenentwurfs eines "müßiggängerischen, schlendernden, schweifenden Wahrnehmungsmodus".

In diesem Sinne nimmt die Ausstellung den Flaneur als Metapher für ein künstlerisches Sehen, dass unseren eigenen Blick auf die Großstadt maßgeblich geprägt hat (Installation "Mostly India", 2018, von Franz Ackermann).

Wie sich in Bonn zeigt, lässt sich mit diesem erweiterten, also eigentlich doch recht unscharfen Flaneur-Begriff sehr gut arbeiten. Selbst bei Fotografen wie Stephen Shore (Mitte), die mit ihren Großformatkameras im Gepäck kaum Schlendern konnten. Und ja auch die eher tristen Vorstädte abgelichtet haben.

Das Metaphorische weckt Assoziationen, die einen Bogen spannen in unsere Gegenwart. So beim belgischen Künstler Francis Alŷs, der einen Eisblock durch Mexiko-Stadt schob, bis er geschmolzen war. Erinnert das nicht an die Dandy-Flaneure, die ihre Schildkröten in den Pariser Passagen Gassi führten?

Das Flaneureske funktioniert als Metapher sogar bei den Museumsbildern von Thomas Struth, der im Art Institute of Chicago ausgerechnet am Beispiel eines Gemäldes vom Pariser Boulevard ein Publikum imaginiert, das noch versteht, sich ins Bild zu versenken.

Ein Publikum, das innehält, kann man auch der Bonner Ausstellung nur wünschen. Denn hier gibt es tatsächlich sehr viel zu entdecken. Mann muss es nur wie der Flaneur beim gemächlichen Wandern durch die Räume entdecken.

Dabei sind es vor allem die Kleinigkeiten, die begeistern. Wie das kleine, unscheinbare, sanfte, poetische, wundervolle Gemälde "The Nightwatcher" (1997-1999) von Francis Alŷs, das fast mit der Wand zu verschmelzen scheint. Und den Betrachter beim Betrachten wie von selbst entschleunigt.

"Der Flaneur. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart" ist noch bis zum 13. Januar 2019 im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Zur Ausstellung ist ein opulenter, reich bebilderter und mit klugen Essays versehener Katalog erschienen.

Stand: 19.09.2018, 09:00 Uhr