Unerträglich leuchtend: "Excess" in Unna

Unerträglich leuchtend: "Excess" in Unna

Von Thomas Köster

Bernardí Roig gilt als ganz großer Lichtkünstler der Gegenwart. Im Lichtkunstmuseum Unna hat er jetzt einen Parcours aus Leuchtstoffröhren abgesteckt, der seine Figuren in die existenzielle Verzweiflung treibt.

Bernardi Roig. Excess, Zentrum für Internationale Lichtkunst, Unna 2018 (Ausstellungsansicht)

"Mehr Licht!" steht über dem Eingang des Zentrums für Internationale Lichtkunst, das die Ausstellung am Samstag (24.11.2018) eröffnet - ein Verweis auf die angeblich letzten Worte Goethes. Das werden die Figuren des Spaniers Bernardí Roig nicht verstehen. Ihnen wäre bei weniger Licht ganz offensichtlich behaglicher zumute.

"Mehr Licht!" steht über dem Eingang des Zentrums für Internationale Lichtkunst, das die Ausstellung am Samstag (24.11.2018) eröffnet - ein Verweis auf die angeblich letzten Worte Goethes. Das werden die Figuren des Spaniers Bernardí Roig nicht verstehen. Ihnen wäre bei weniger Licht ganz offensichtlich behaglicher zumute.

Überhaupt scheint es Roig eher mit Thomas Bernhard zu halten, dem zufolge Goethe auf dem Sterbebett ja "Mehr nicht!" gesagt haben soll. Die aus Polyesterharz bestehenden Akteure seiner Installationen scheinen unter der Dynamik einer grellen Leuchtstoffröhrenflut zu leiden.

So ist es nicht verwunderlich, dass Roig in "Der Italiener (The Cow)" von 2011 direkt auf eine Schlachthausszene aus Bernhards gleichnamigem Film von 1972 verweist. "Die Innereien quellen heraus, der Darm platzt auf", heißt es beim Dichter. Hier beim Künstler quillt das Licht, das den Blick verstellt.

"Excess" "Übermaß" hat Roig seine Ausstellung dem entsprechend genannt, denn am Zuviel an Licht, das sich in die Seele einbrennt, beißen sich seine Helden, wie in der Arbeit "An Illuminated Head For Blinkly P." (2010), buchstäblich die Zähne aus.

Dem in die Ecke gestellten Menschen bleiben nur Fratzen der Verzweiflung, die an die Physiognomien des von Roig bewunderten Barock-Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt erinnern.

Oder ausweglose Gesten, wie diese Finger-Pistole. Eine echte Waffe gegen das Licht der Nicht-Aufklärung gibt es nicht.

Wie zum Hohn zu dieser Bedrohung hat Roig auf einem weißen Sandsackpodest einen Fernseher platziert, dessen Botschaft neben kurzer, durchlaufender Textpassagen vor allem sein Rauschen ist. Ironischer Titel der Arbeit: "The Light Doesn't Matter" (2010).

"Wir leben heute in einer Atmosphäre gefüllt mit Bildern", sagt Roig. "Aber das Erlebnis, das diese produzieren, hat eine geringe Intensität. Wir sind dem Licht unterworfen, einem Licht, das die Grenzen der Dinge auflöst, eine weiße Linie, zwischen der sich alles bewegt."

So wird das Licht zur existenziellen Metapher für ein Leben in einer digitalisierten, visuell durchfluteten Welt, in der der Mensch, dessen Tage vielleicht auch evolutionär bereits gezählt sind, wie in einer Gefängniszelle gefangen sitzt ("Practices to Catch the Time", 2014).

Auch davon erzählt eine Skulptur wie "Reflection Exercises" (2003), die in Unna mit eingepferchtem Schädel reglos von der Decke hängt.

Der Mensch wird in der Lichterflut zum Schatten seiner selbst, ...

... Bewegung kommt in diesen Stillstand des Daseins lediglich über die mediale Spiegelung der Fußabdrücke.

Einen Ausweg bietet vielleicht nur die Kunst. In ihr eröffnet das Licht noch jene Reflexionsräume, die über unser Seelenleben sinnieren lässt. Sinnfällig wird dies in der kleinen, poetischen Bodenarbeit "White-Light Sewer" (2018), die den Betonboden zu entmaterialisieren scheint.

Von hier aus eröffnen sich Bezüge auch zur ständigen Sammlung des Museums in Unna, dessen Exponate man danach vielleicht mit anderen Augen betrachten kann.

Die Schau "Bernardí Roig. Excess" ist noch bis zum 14. April 2019 im Zentrum für Internationale Lichtkunst zu sehen. Schnell hinlaufen! Doch Obacht: Wer die aufregende Schau betrachten möchte ("Lady in Radiator", 2017) ...

... muss sich, bis auf die wenigen Termine zu offenen Begehungen, zu einer öffentlichen Führung anmelden. Das gilt natürlich auch für Schulklassen, die ihre Lichtschwertrucksäcke neben der Kunst in die Ecke pfeffern können.

Stand: 26.11.2018, 09:25 Uhr