Die Neuentdeckung Amerikas. 300 Jahre US-Kunst in Köln

Die Neuentdeckung Amerikas. 300 Jahre US-Kunst in Köln

Von Thomas Köster

Donald Trump ist vielleicht von gestern, aber die Kunst aus seiner Heimat wirkt auch nach 300 Jahren noch sehr frisch. Das beweist die Ausstellung "Es war einmal in Amerika" im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Eine Zeitreise mit durchaus politischem Anspruch.

Es war einmal in Amerika, Wallraf Richartz Museum, Köln 2018 (Ausstellungsansicht)

Nordamerikanische Kunst: Die fängt doch eigentlich erst mit Pop-Art und den Bildern des Abstrakten Expressionismus an, wie diesem von Sam Francis ("Arcueil", 1956). Oder?

Nordamerikanische Kunst: Die fängt doch eigentlich erst mit Pop-Art und den Bildern des Abstrakten Expressionismus an, wie diesem von Sam Francis ("Arcueil", 1956). Oder?

Natürlich nicht. Selbst die Kunst des weißen Mannes geht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten weit zurück. Sogar in eine Zeit, als es die USA noch gar nicht gab .

Das beweist jetzt eine Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, die ihre Besucher in rund 130 Exponaten durch 300 Jahre US-Kunst führt. Eine Reise durch die "Neue Welt" von 1650 bis 1950 in acht Sektionen, die selbst überraschend und wegweisend ist (vorne: Robert Feke, "Reverend Thomas Hiscox", 1745; hinten: Mark Rothko, "Earth and Green", 1955).

Das hat vor allem damit zu tun, dass die US-Kunst bis zum frühen 20. Jahrhundert in Deutschland als nahezu unbekannt gelten kann: Die letzte große Epochen übergreifende Schau gab es vor mehr als 40 Jahren in Bonn. So sind viele der gezeigten Gemälde und Skulpturen erstmals in Europa zu sehen. Frederick William Macdonnies' "Pan of Rohallion" (1890) etwa kam aus Indianapolis.

Dabei ist bezeichnend, dass die wenigen Exponate der nordamerikanischen Ureinwohner den kürzesten Weg ins Wallraf-Richartz-Museum hatten: Diese Pfeifenpaneele aus schieferartigem Argillit-Gestein aus der Werkstatt des kanadischen Volks der Haida kommt aus dem Rautenstrauch-Joest-Museum um die Ecke. Das, was für die Ausstellung über den Atlantik kam, stammt von den damals Zugereisten.

Auch die gezeigten Künstler orientierten sich offenbar keineswegs vorrangig an dem, was sie in Amerika vorfanden, sondern eher daran, was sie aus Europa mitbrachten: sei es als Siedler, oder später, vor allem in Paris, als ethnologische Touristen auf der Suche nach der eigenen Kultur. Selbst da, wo das Motiv uramerikanisch ist, ist der malerische Blick darauf doch europäisch (Thomas Eakins, "Wrestlers", 1899).

Das zeigt sich vor allem an dem Ereignis, mit dem die Geschichte der USA als autonomem Staat beginnt: John Trumbulls "Die Unabhängigkeitserklärung, 4. Juli 1776" von 1832 erinnert doch sehr stark an französische Historienmalerei. 

Anfangs ging es in der US-Kunst offensichtlich bis weit ins 19. Jahrhundert vor allem darum, sich das harte Leben in den USA als paradiesisch schönzumalen (Edward Hicks, "Königreich des Friedens", 1830/1835 ) ...

... oder in Auseinandersetzung mit der europäischen Kultur Allegorien für das eigene soziale und politische Selbstverständnis auszuformen, wie bei Hiram Powers' "America" (1850-1854) ...

... die in Köln verträumt zum thronenden Abraham Lincoln hinüber blickt.

Erst später zeigen sich Tendenzen, die der "Alten Welt" eine ganz neue Perspektive entgegenstellen wollen. Dass irgendwann das Beeinflussungsgefüge kippte, zeigt der letzte Raum der Schau, der dem Abstrakten Expressionismus verpflichtet ist. Jetzt kamen die Impulse eindeutig auch von jenseits des Atlantiks (Barnett Newman: "Horizon Light", 1949).

Ihren Ausgang nahm diese Entwicklung aber schon vorher: In den Gemälden der 1908 gegründeten "Ashcan School" zum Beispiel, die eine ganz eigene Art des Realismus propagierte und buchstäblich auf die Straße ging (Isabel Bishop, "Hearn's Kaufhaus - Einkäufer auf der 14. Straße, 1927, Detail).

Von hier führt ein direkter Weg zu den großartigen Gemälden Edward Hoppers, der mit seiner ganz eigenen Farb- und Lichtdramaturgie die melancholische Einsamkeit des Großstadtmenschen ausleuchtet ("Girl at a Sewing Machine", 1921).

Der zweite Pfad in eine spezifisch amerikanische Moderne führt zur legendären "Armory Show" 1913 in New York, Chicago und Boston, die der Kunstwelt den schockierenden Vorsprung europäischer Künstler vor Augen führte – und damit das Bewusstsein für eine Art Unabhängigkeitserklärung der US-Kunst schärfte. Auch Hugo Robus' "Despair" (1927) war dort zu sehen.

So zeigt die Kölner Schau vor allem die Vielfalt der US-amerikanischen Ansätze, die unser Bild von Amerika erweitern können und hat dabei sogar einen politischen Impuls. "In Zeiten, in denen ein interkulturelles Verständnis wichtiger denn je geworden ist, fördert die Ausstellung ein tieferes Bewusstsein für die amerikanische Kultur", sagen die Macher. So etwas hätte man vor drei Jahren vielleicht über China oder Papua-Neuguinea gesagt.

"Es war einmal in Amerika. 300 Jahre US-amerikanische Kunst" läuft noch bis zum 24. März 2019 im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Zur Ausstellung ist ein dicker Katalog mit ausführlichen Beschreibungen und mit wissenschaftlichem Ansprucherschienen. Für Freunde leichterer Kost und dünnerer Geldbeutel gibt es im Museumsshop ein sehr schönes Begleitheft. Und viele Souvenirs.

Stand: 23.11.2018, 09:00 Uhr